Digitale Transformation: Viele Gewinner, zahlreiche Verlierer

Die EU-Länder müssen die Bildung in digitalen Technologien fördern, um Qualifikationsdefizite auszugleichen. [Lucélia Ribeiro/Flickr]

Die digitale Transformation der europäischen Wirtschaft bringt enorme Vorteile. Aber es wird auch Verlierer geben. „Wie helfen Sie Leuten, die sich nicht helfen lassen wollen?“, fragen sich EU-Vertreter.

In der europäischen Wirtschaft ist die digitale Transformation in vollem Gange. Viele kleine und mittelständische Betriebe (SMEs) sind dabei die größten Gewinner – andere die größten Verlierer. Beim Future of Business Summit brachten Facebook und der Think-Tank The Lisbon Council letzte Woche erfolgreiche Start-up-Gründer in Brüssel zusammen, um die Vor- und Nachteile digitaler Strategien zu diskutieren.

In zwei Punkten waren sich alle Teilnehmer einig: Erstens müssen Unternehmen sich an die digitalen Gegebenheiten und Chancen anpassen, um dieses Jahr und in Zukunft erfolgreich zu sein. Zweitens wurde klar, dass viele gute Ideen nicht umgesetzt werden, weil das technische Know-How fehlt.

Die estnische Europaparlamentarierin Kaja Kallas präsentierte eine neue Studie aus ihrem Heimatland, die auch unter SMEs einen gewissen Widerstand und Weigerung, sich neue digitale Fähigkeiten anzueignen, feststellt. „Oft kommt es schlicht darauf an, ob die Chefs die Vorteile digitaler Technologien verstehen oder nicht”, erklärte Kallas. Es sei auch herausgefunden worden, dass die Menschen, die ihr Wissen über neue Technologien selber als niedrig einstuften, am wenigsten Interesse hatten, neue Fähigkeiten zu erlernen. „Wie helfen Sie Leuten, die sich nicht helfen lassen wollen?“, fragte Kallas.

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MEP Kaja Kallas erklärt im Interview, die EU brauche Gesetze, die freien Datenaustausch in der gesamten Union erlauben.

Ihre bulgarische Kollegin Eva Maydell (EVP) stimmte zu, merkte jedoch an, dass einige Mitgliedsländer mehr unternehmen, um den technologischen Wandel voranzutreiben. Belgien habe beispielsweise 18 Millionen Euro bereitgestellt, um das Lernen im Umgang mit neuen Technologien zu fördern. „Das Problem ist, dass viele mittelständische Unternehmen in Europa überhaupt nicht wissen, dass solche Programme existieren“, beklagte Maydell. Außerdem seien traditionelle, etablierte Firmen und Betriebe wenig offen für Neuerungen.

Für Khalil Rouhana, stellvertretender Generaldirektor der Abteilung Kommunikation und Technologie der Europäischen Kommission, liegt die Hauptverantwortung bei den nationalen Regierungen. Der Einfluss der EU sei „beschränkt, weil technische Fähigkeiten und Bildung Sache der Mitgliedsstaaten sind.“ Wichtig sei vor allem der Austausch und das Teilen von Erfahrungen und Erkenntnissen.

Rouhana unterstreicht, dass digitale Fähigkeiten eine der vier Säulen des Technologie-Plans der Kommission sind. Letztes Jahr habe die Kommission Vorschläge präsentiert, um das Fehlen bestimmter technologischer Fähigkeiten anzugehen. Ein Hauptziel sei es, Qualifizierungen und Abschlüsse innerhalb der EU einheitlich zu kennzeichnen und so vergleichbar zu machen. Darüber hinaus habe die Behörde Ende 2016 eine Mitteilung zur Digitalisierung der europäischen Industrie veröffentlicht, erinnerte er.

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17 EU-Führer haben von Ratspräsident Donald Tusk Gespräche auf höchster Ebene über die EU-Digitalpolitik gefordert. Digitale Technologien seien Haupttreiber des Binnenmarktes und sollten politisch stärker gefördert werden.

In ihrer Halbzeitbilanz der Digitalmarkt-Strategie rief die Kommission im vergangenen Mai zu einer „raschen Verabschiedung“ ihrer Legislativvorschläge auf. Schnelle und massive Fördermaßnahmen in digitale Kompetenzen, Infrastrukturen und Technologien seien „unverzichtbar“. Rouhana fasste zusammen: „Wir müssen heute die digitale Industrie der Zukunft aufbauen – und diese Industrie ist möglicherweise komplett anders, als wir sie heute kennen.”