Nach dem Brexit: Britische Dienstleister hoffen auf Wachstum im weltweiten Geschäft

Der Brexit wird negative Effekte auf den britischen Dienstleistungssektor haben. [r.nagy/Shutterstock]

Der Brexit wird heftige Auswirkungen auf britische Dienstleister haben, die ihre Services in der EU anbieten. Ein Überschuss im Handel mit dem Rest der Welt könnte diese Auswirkungen jedoch abfedern – wenn die britische Regierung schnellstmöglich neue Handelsabkommen schließt, sagen Experten.

Dienstleistungen sind das Rückgrat der britischen Wirtschaft. Sie stehen für 80 Prozent des britischen BIP. Das Land exportiert in den EU-Binnenmarkt und den Rest der Welt mehr Services – insbesondere in den Banken-, Finanzdienstleistungs-, Versicherungs- und IT-Sektoren – als es importiert. Laut Daten von ReportLinker für EURACTIV lag der britische Handelsüberschuss im Bereich der Dienstleistungen bei 25,9 Milliarden Pfund (etwa 29,4 Milliarden Euro). Somit war der Rest der EU der wichtigste Exportmarkt britischer Firmen.

Dieser Überschuss bietet dem Land momentan eine gewisse Sicherheit gegen externe Schocks und verschafft der Regierung etwas Luft, um neue Partnerschaften für die Zeit nach dem Brexit zu schließen. „Ein Handelsüberschuss ist ein Vorteil für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens sowie als Basis für die Brexit-Verhandlungen“, bestätigen Erik van der Marel und Philipp Lamprecht, Wirtschaftswissenschaftler am European Centre for Political Economy (ECIPE), gegenüber EURACTIV.

Der britische Dienstleistungs-Handel mit dem Rest der EU

Doch trotz des Überschusses würde ein Verlust des Zugangs zum EU-Markt bei vielen britischen Firmen zu schwächeren Exporten, weniger Investitionen und Stellenabbau führen. Das wichtigste für britische Firmen sei es daher im Moment, die „Zugangserlaubnis für künftige Geschäfte in der EU“ zu sichern, beobachtet Pascal Kerneis, Geschäftsführer des European Services Forum.

Alle großen britischen Banken hätten bereits Zweigstellen in anderen EU-Staaten eröffnet, um sich diese Zugangserlaubnis zu sichern und gleichzeitig in Großbritannien aktiv zu bleiben. „Das Problem wird aber sein, wenn amerikanische, japanische, chinesische und australische Banken sich entscheiden, ihren europäischen Geschäftssitz zu verlegen”, warnt Kerneis. Das gleiche gelte für Anwälte, Architekten und Buchhalter.

Studie: Folgen des Brexit teurer als derzeitige britische EU-Beiträge

Brexit-Befürworter hoffen, Großbritannien werde als EU-Nettozahler nach dem Ausstieg finanziell besser dastehen. Diese Rechnung dürfte wegen des schlechteren EU-Marktzugangs nicht aufgehen.

„Viele ausländische Firmen haben in Großbritannien investiert, weil sie sich auf den freien Marktzugang zum Rest der EU verlassen haben“, erklären auch die beiden Wissenschaftler des ECIPE. „Wenn sie diesen Zugang nicht mehr haben, wird das dazu führen, dass sie ihre Investitionen verlagern – das führt dann wiederum zu weniger Einkommen, Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit in Großbritannien.”

In Bezug auf ausländische Investitionen ist Kerneis optimistischer. Auch er erwartet, dass sich durch den Brexit viele Dienstleister eher auf die EU-27 konzentrieren werden. Dennoch bleibe die Expertise und das Know-How in Finanz- und anderen Dienstleistungen in der City of London bestehen. Somit sei der Standort nach wie vor attraktiv.

Londons Banken scheinen davon aber nicht überzeugt: HSBC has angekündigt, bis zu 1.000 Arbeitsplätze nach Paris zu verlegen, Goldman Sachs will die Hälfte seiner Aktivitäten in London einstellen und wahrscheinlich nach Frankfurt verschieben, und Barclays plant ebenfalls, viele Arbeitsplätze an anderen europäischen Standorten anzusiedeln.

EU-Verluste mit globalen Gewinnen ausgleichen?

Potenzielle Verluste für den britischen Handel nach dem EU-Austritt könnten theoretisch durch verstärkten Handel mit dem Rest der Welt ausgeglichen werden. Bereits heute kauft und verkauft Großbritannien mehr Dienstleistungen außerhalb der EU, als innerhalb des Blocks. Im Jahr 2015 lag der Handelsüberschuss bei Dienstleistungen außerhalb der EU bei 46,5 Milliarden Pfund (52,8 Milliarden Euro). Die britische Regierung hofft daher, diesen Sektor weiter ausbauen zu können.

Der britische Dienstleistungs-Handel mit dem Rest der Welt (ohne EU)

„Alles hängt davon ab, welche Art von Freihandel Großbritannien über neue Abkommen erreichen kann“, kommentieren van der Marel und Lamprecht. Allerdings müsse das Wachstum des Dienstleistungs-Handelsüberschusses mit Nicht-EU-Ländern „erheblich“ sein, um die erwarteten Verluste aus dem EU-Geschäft auszugleichen.

Der Kampf um neue Handelsabkommen

Was die Sache komplizierter macht: Großbritannien muss alle Handelsbeziehungen mit ausländischen Partnern neu verhandeln, wenn das Land aus den EU-Vereinbarungen austritt. Laut Rodrik Abbot, Berater für Handelspolitik am ECIPE, ist das aber nicht zwangsläufig ein Nachteil. Tatsächlich schließen viele der älteren EU-Freihandelsabkommen Dienstleistungen nicht ein. Für die britischen Verhandlungen mit anderen Partnern würde sich somit nicht allzu viel ändern.

Neuere EU-Abkommen, beispielsweise mit Südkorea und Kanada, enthalten jedoch Abschnitte zu Dienstleistungen. „Dienstleister mit Sitz in Großbritannien werden nach dem Brexit diese Geschäftsmöglichkeiten verlieren, wenn die britische Regierung es nicht schafft, gleiche oder vielleicht sogar bessere Deals auszuhandeln,” fasst Kerneis zusammen.