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01/10/2016

Programmieren macht Schule: EU und IT-Firmen starten Coding-Offensive

Programmieren macht Schule: EU und IT-Firmen starten Coding-Offensive

Foto: Michael Himbault (CC BY 2.0)

Programmieren war früher eine Domäne von wenigen Computerexperten. Die Wirtschaft, politische Entscheidungsträger und Pädagogen haben sein wirtschaftliches Potenzial mittlerweile erkannt. Die EU startet jetzt eine ehrgeizige Coding-Plattform für Jugendliche. Codieren könnte schon bald fester Teil von Lehrplänen an Schulen werden. EurActiv Brüssel berichtet. 

Programmieren ist die Sprache der Computer. Wenn man sie lernt, ist man in der Lage, Software, Webseiten und Applikationen zu schaffen. 

Für viele junge Europäer, die von Geburt an mit dem Internet und dem Programmieren aufgewachsen sind, ist das keine Überraschung. Aber erst seit kurzem begreift die ältere Generation den Nutzen, der dadurch entsteht. 

Das Programmieren spielt mittlerweile in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Rolle: Bei der Beschäftigung, der Wirtschaft, der Bildung, der Unternehmerschaft oder den Kreativen – oder einfach nur aus Spaß.

Die politischen Entscheider auf nationaler und europäischer Ebene werden sich seines Einflusses in zunehmendem Maße bewusst. In Zukunft wird das Codieren noch relevanter werden. 

Die Europe Code Week beginnt heute. Sie will mit vielen Veranstaltungen, Diskussionen, Wettbewerben und Debatten auf die Codieren aufmerksam machen. 

Das Potenzial der Programmierung soll so groß sein, dass einige Experten aus dem Bereich davon sprechen, sie als neueste EU-Sprache zu berücksichtigen. Es wird sicherlich die Art, wie EU-Bürger arbeiten und leben, verändern.  

Bald werde der Zeitpunkt kommen, an dem das Programmieren in das Arbeitsleben aller Berufstätigen tritt, ob Krankenschwester oder Notar, sagt die für die Digitale Agenda zuständige Kommissarin Neelie Kroes in einem Exklusivinterview mit EurActiv, das in dieser Woche veröffentlicht wird. Das Programmieren sei ein langfristiges Thema, da es bereits da sei und unser Leben lang da sein werde. 

Könnte eine auf Programmierung basierende Wirtschaft Europas Rückkehr zum Wachstum neu starten und seine hohe Arbeitslosenquote verringern?

Recherchen der Kommission ergaben ein erstaunliches Potenzial für Arbeitsplatzschaffung im App-Sektor. 

Innerhalb der EU wird die Zahl der Arbeitnehmer im Bereich der App-Entwicklung von einer Million 2013 auf 2,6 Millionen im Jahr 2019 ansteigen. Zusätzliche Unterstützung und Marketingmitarbeiter werden die Zahl bereits bis 2018 auf 4,2 Millionen Arbeitnehmer ansteigen lassen. 

Aber ist die EU, bei der man oft den Eindruck hat, sie hinke im digitalen Bereich hinterher, bereit dazu, einen Vorteil aus dieser kulturellen Transformation zu ziehen? Werden Industrie und Unternehmen in der Lage sein, sich mit den veränderten Anforderungen eines digitalen Arbeitsplatzes weiterzuentwickeln? Wie kann die Qualifikationslücke unter den Arbeitern und Arbeitslosen überbrückt werden? Was können die politischen Entscheidungsträger tun, um Abhilfe zu schaffen? Wie kann der Gesetzgeber die Menschen aus allen Altergruppen ermutigen, die Vorteile des Erlernens von Programmierung anzunehmen und zu nutzen?

Das ist insbesondere für die EU-Institutionen eine schwierige Frage. Denn sie haben keine direkten Befugnisse über die nationalen Bildungssysteme. 

Bei seiner Anhörung im Europaparlament sagte der neue Kommissionsvizepräsident für den Digitalen Binnenmarkt Andrus Ansip den Abgeordneten, dass er das Programmieren in den nationalen Lehrplänen der Mitgliedsstaaten sehen wolle.

Weil die Kommission aber keine Kompetenzen im Bereich Bildung hat, ist sie gezwungen, sich auf die bloße Förderung und das Teilen von Informationen zu verlassen, anstatt Gesetzgebung und Regulierung vorzuschlagen. 

Hier ist die Industrie gefragt. Sie kann die Bewusstseinsschaffung und die Verbreitung von „best practices“ durch öffentlich-private Partnerschaften (PPPs) mit den politischen Entscheidungsträgern vorantreiben. 

Eine Koalition der Programmierungsbranche ist die Antwort darauf. Durch die Zusammenarbeit mit den EU-Entscheidungsträgern positioniert sie das Programmieren im Bereich des Arbeitsplatzes und der Bildung. 

Microsoft, Facebook, Rovio und viele andere haben sich dazu entschlossen, im Rahmen der Europäischen Coding Initative eine europäische Coding-Plattform einzurichten. 

Dabei werden sie vom Europäischen Schulnetz  (EUN), einem Netzwerk von 30 Bildungsministerien in Europa, unterstützt. 

Das Ziel der Initiative: Junge Menschen sollen Lust auf Programmieren bekommen. Außerdem sollen politische Entscheider in den europäischen Nationalstaaten das Codieren EU-weit zu einem Teil der Lehrpläne machen. 

Die Schüler könnten dadurch das Beste aus den Möglichkeiten machen, die sich jungen Menschen mit Programmiertalent in der Zukunft bieten. 

Diese Woche hält Microsoft außerdem den Koda Kup-Programmierwettbewerb ab. Es ist die Endrunde einen sechsmonatigen Wettbewerbs für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 16 Jahren. 

Für die diesjährige Finalrunde kommen die acht Nationalteams aus Belgien, Estland, Finnland, Griechenland, Litauen, Norwegen, Portugal und dem Vereinigten Königreich zusammen. 

Vor dem Wettbewerb wird ein zweitägiges „Coding camp“ stattfinden. Dieses intensive Training soll die Teilnehmer des Koda Kup mit gezieltem Unterricht auf den anschließenden Wettbewerb vorbereiten. 

Um sein gesamtes Potenzial zu realisieren, muss das Programmieren mit einer Reihe von Disziplinen verzahnt werden. 

Die EU-weite Coding Initative wird die erste eingegrenzte Programmierungsplattform in Europa sein. 

Die Initiative wird Lernprogramme für jedes Niveau, vom Anfänger bis zum Experten, über eine neue Webseite anbieten – neben Lehr- und Lernmitteln und Bildungsressourcen. 

Vorbild für die Initative ist Code.org. Seit dem Beginn dieser weltweiten Kampagne erzielte die Seite eine Milliarde Codezeilen neuer „Schüler“. 

Auf diesen Erfolg wurden auch die EU-Gesetzgeber aufmerksam. Sie hoffen, Menschen jeden Alters für eine Sprache mit außergewöhnlichem Potenzial für die Gegenwart und noch viel mehr Potenzial für die Zukunft gewinnen zu können.