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26/07/2016

Mit Köpfchen und Reformen chronischen Krankheiten die Stirn bieten

Mit Köpfchen und Reformen chronischen Krankheiten die Stirn bieten

Die Finanzkrise hatte schwerwiegende Folgen auch im Bereich Gesundheit.

Angesichts der Budget-Kürzungen zur Krisenbewältigung sind viele EU-Staaten nicht in der Lage, die wachsende Belastung durch chronische Krankheiten zu schultern. Während zum Beispiel Griechenland alternative Wege bei der Finanzierung beschreitet, schrecken andere Länder vor neuen Investitionen zurück.

Am Donnerstag vergangener Woche erklärte Sylvain Giraud auf einer EU-Konferenz zu chronischen Krankheiten, dass Studien einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes und seiner Ausgaben für Gesundheit belegen. Investitionen in den Gesundheitssektor verbesserten den Gesundheitszustand der Bevölkerung und verringerten chronische Erkrankungen. Der Abteilungsleiter der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der EU-Kommission betonte außerdem, dass Investitionen in den Gesundheitssektor nicht nur beträchtliche Auswirkungen auf die gesundheitlichen Ergebnisse hätten, sondern auch auf die Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme. Auch die Förderung gesunder Lebensweisen trüge dazu bei.

Giraud sagte außerdem, dass die Kommission verschiedene Studien lanciere und dabei unterschiedliche Analysemethoden berücksichtige, die zeigen sollen, dass Investitionen in das Gesundheitssystem dieses nachhaltiger und kosteneffizienter machten, nach dem Motto: “bessere statt mehr Ausgaben”. Er ergänzt, dass Investitionen zur Beseitigung der Ungleichheiten im Gesundheitssektor dazu führen würden, den Teufelskreis aus Armut, sozialer Ausgrenzung und Gesundheitsproblemen zu brechen. “Investitionen in Gesundheit werden sich in finanziellen, gesundheitlichen und sozialen Zugewinnen auszahlen. Aber sie sollten auch in längeren und gesünderen Leben, größerer Produktivität und weniger Armut und Ausgrenzung münden”, betonte Giraud. “Es wird keine kurzfristige Rendite für Investitionen in den Gesundheitssektor geben. Es kann Jahrzehnte, also eine ganze Lebensspanne dauern, bis sie Gewinne abwerfen. Sind diese Leben vereinbar mit kurzfristigen politischen Zielen? Wie sehr sind die Politiker dazu bereit, jetzt zu investieren und auf langfristige Ziele zu warten?”, fragt der Abteilungsleiter der Kommission.

Gezielte Ansätze im Krankheitsmanagement

Ellen Nolte sagt, dass Krankheitsmanagement durchaus zu besseren Ergebnissen im Gesundheitssektor führen könnte. Aber es gebe kaum Anzeichen dafür, dass dadurch auch Kosten eingespart werden. Die Leiterin der Abteilung Gesundheitspolitik beim Forschungsinstitut RAND Europe erläutert: “Wir haben 90 Studien zum Management chronischer Krankheiten untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass Programme zum Management chronischer Krankheiten zu verbesserten Ergebnissen im Bereich Gesundheit führen können.“ Beim Thema Kosten seien die Ergebnisse nicht aussagekräftig. Sie verweist darauf, dass es bei Herzversagen zu großen Einsparungen kommen könnte, aber bei anderen chronischen Krankheiten die Nachweise nicht so eindeutig seien.

Krankheitsmanagement ist mittlerweile in ganz Europa verbreitet. Einige Länder haben Programme zum Krankheitsmanagement sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene eingeführt, unter anderem Dänemark, Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien, die Niederlande und Österreich. Viele verschiedene Bevölkerungsgruppen seien die Zielgruppe des Krankheitsmanagements, zuallererst Diabetes-Patienten. Nolte erklärt, dass das zum einen mit der größeren Belastung, die Diabetes mit sich bringt, zusammenhängen würde. Außerdem lägen zu Diabetes gesicherte Erkenntnisse vor. “Zielgerichtete Ansätze scheinen der richtige Weg zu sein. Wir haben Anzeichen dafür, dass sie Ergebnisse für den Gesundheitssektor mit sich bringen”, betont Nolte. Es sei außerdem wichtig, klarzustellen, dass es wegen des besseren Wirkungsgrades nicht um einen einzelnen Eingriff, sondern um eine Kombination verschiedener Eingriffe gehe.

Auswirkungen auf Erwerbstätigkeit

Fritz von Nordheim erklärt, dass sich der EU Gipfel zu chronischen Krankheiten im Wesentlichen mit deren Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme befasse. Der Mann vom Generaldirektorat Beschäftigung, Soziales und Inklusion der EU-Kommission fügt an, dass chronische Krankheiten in anderen Bereichen ebenfalls eine Rolle spielen würden. Sie beträfen auch Bereiche wie Arbeitsfähigkeit, Produktivität, Arbeitskräfteangebot und die Belastung der Sozialsysteme, die durch Krankheit beeinflusst werden. Zusammen mit Erwerbsunfähigkeitsrenten würden sie Investitionen in den Gesundheitssektor nach sich ziehen. “Schlechte Lebensqualität ist nicht nur schlecht für die Betroffenen. Sie verursacht Kosten für die Allgemeinheit, auch außerhalb der Behandlung. Die Leitragenden haben Probleme, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen und sind nicht so sehr fähig, etwas zur Gemeinschaft beizutragen”, erläutert Nordheim. Günther Danner von der EU-Vertretung der Deutschen Sozialversicherung bemerkt, dass nur wenige verstanden hätten, welch negative Folgen die Ausgabenfreudigkeit während der Krise für viele Sozialsysteme hätten. Diese würde Mehrkosten für die Arbeitgeber verursachen.

Hintergrund

Nach Angaben der WHO sind 60 Prozent aller Todesfälle auf chronische Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Sie sind damit die bei weitem häufigsten Todesursachen. Laut dem European Heart Network (EHN) und der European Society for Cardiology (ESC) sterben jedes Jahr ungefähr vier Millionen Europäer und 1,5 Millionen Menschen innerhalb der EU an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die häufigsten Formen sind koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle.

Zur Senkung der Todeszahlen durch Herzkrankheiten haben die Mitgliedsstaaten beschlossen, wichtige Faktoren für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems in ihrem Gesundheitsprogramm für die Jahre 2014-2020 anzugehen.

Ein wichtiges Element bei der Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die grundlegenden Punkte: "schlechtes" Cholesterin, Rauchen, Fettleibigkeit, Ernährung, Sport und hoher Blutdruck.

Zeitstrahl

30. April: Europäischer Kongress über Fettleibigkeit
17. Mai: Europäischer Fettleibigkeitstag
19.-24. Mai: Weltgesundheitsversammlung in Genf

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