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29/07/2016

EU-Staaten passen Gesundheitsstrategie an alternde Bevölkerung an

EU-Staaten passen Gesundheitsstrategie an alternde Bevölkerung an

Foto: R. B. / pixelio.de

Die Lebenserwartung der Europäer steigt stetig – gleichzeitig gibt es immer mehr ältere Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden. Dies ist eine der größten Herausforderungen für künftige Generationen.

Beim EU-Gipfel über chronische Krankheiten am 3. April haben die Mitgliedsstaaten Beispiele, Initiativen und bewährte Praktiken ausgetauscht, um Wege für den Umgang mit einer wachsenden Zahl chronischer Krankheiten aufzuzeigen.

Laut Maria Iglesia Gomez, Abteilungsleiterin im Generaldirektorat Gesundheit und Verbraucherschutz der Kommission, werde die demographische Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten eine Herausforderung für die Gesundheitssysteme darstellen. Die Mitgliedsstaaten könnten nicht gemeinsam handeln, ohne in Präventionsmaßnahmen gegen Ursachen von Fettleibigkeit und Diabetes zu investieren und diese klar zu benennen (Alkohol, Ernährung und Bewegungsmangel).

“Es ist außerdem wichtig, andere Schritte einzuleiten, zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen. Die Gesundheitssysteme müssen angepasst werden, sodass sie diesen Anforderungen gerecht werden. Und wir müssen die Patienten dabei miteinbeziehen. Sie sollten nicht nur entsprechend ihrer Krankheiten sondern auch entsprechend ihrer Bedürfnisse behandelt werden“, sagt Gomez.

Sie weist außerdem darauf hin, dass die Kommission bereits innovative Ansätze zur Bekämpfung chronischer Krankheiten in einem Bericht benannt habe. In Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten sollen die Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme überprüft werden. Zudem soll in den Bereichen chronische Krankheiten und gesundes Altern gemeinsam vorgegangen werden. “Wir hoffen, dass die nächste Kommission gesundes Altern prioritär behandeln wird“, betont Gomez.

Beispiel Baskenland: Ältere Patienten stärken

Esteban de Manuel Keenoy, Leiter des vom baskischen Gesundheitsministerium gegründeten Forschungszentrums Kronikgune, erklärt, dass mehr als 70 Prozent aller Gesundheitsausgaben auf chronische Krankheiten zurückzuführen seien. Im Baskenland litten mehr als 80 Prozent aller Menschen über 80 Jahren unter zwei oder mehr chronischen Krankheiten. Je länger die Menschen lebten, desto größere Gesundheitsprobleme hätten sie und desto größer auch die Belastung für die Gesundheitssysteme, so Keenoy. Außerdem ist er der Meinung, dass viele der aktuellen Probleme des Gesundheitssektors auf die momentanen wirtschaftlichen Probleme zurückzuführen seien.

Seit 2009 hat das Baskenland die Gesundheitsausgaben zurückgefahren. Keenoy erwartet auch für die kommenden Jahre einen Rückgang der Mittel. Spanien habe aber immer noch 17 Millionen “unnötige” Krankenhausaufenthaltstage. Sie seien unnötig, weil man die Probleme der Patienten nicht kenne. Dies betreffe insbesondere Menschen, die älter als 65 sind.

Keenoy betont, dass die Gesundheitssysteme einen anderen Ansatz für ältere Menschen finden müssten. Betagte würden oft als langsam und schlecht ausgebildet angesehen, obwohl viele von ihnen Computer und Handys nutzen und Familien haben, die ihnen dabei helfen könnten, gute Entscheidungen zu treffen. Die neuen Technologien sollten in Zukunft besser genutzt werden, um Patienten zu helfen. “Diese Menschen sind gebildet und die meisten sind aktiv. Es gibt nur Wenige, die keine eigenen Entscheidungen treffen können. Deshalb müssen wir einen komplett neuen Ansatz finden. Wir müssen gewährleisten, dass sie die nötigen Informationen und Mittel haben, um die bestmöglichen Entscheidungen für ein gutes Leben treffen zu können“, so Keenoy.

Dänemark und Irland: Neue Strukturen, Mittel und Prioritäten

Eine 2007 in Dänemark durchgeführte Gesundheitsreform zur Anpassung an den demographischen Wandel habe zu einer Reorganisation des Gesundheitssystems geführt, erklärt Alice Skaarup Jensen, Sonderberaterin für die Region Süddänemark. Die Reform solle dank eines zunehmend sektorübergreifenden Ansatz bessere Ergebnisse erzielen.

Die Neuorganisation im Gesundheitswesen habe zur verbesserten Zusammenarbeit zwischen Anbietern im Gesundheitswesen wie den Krankenhäusern, Gemeinden und den Allgemeinärzten geführt, insbesondere bei der Aufnahme und Entlassung von Patienten, so Skaarup Jensen. Obwohl das striktere Richtlinien für das Gesundheitssystem mit sich bringe, bedeute es gleichzeitig eine größere Flexibilität für die Patienten. Sie erführen ihre Behandlung als einen fortlaufenden Prozess.

Auch in Irland befindet sich das Gesundheitswesen im Wandel. Sein Land sei dabei, ein Instrument zur Priorisierung der Behandlung von Patienten zu entwickeln, erklärt William Molloy, Professor am Zentrum für Gerontologie und Rehabilitation der Universität Cork.

Das System untersuche die Menschen auf Gesundheitsrisiken, die  teure Behandlungen, zum Beispiel einen Krankenhausaufenthalt oder gar den Tod nach sich zögen. Diese Untersuchung habe natürlich Folgen für die Patienten. Bei Ressourcenknappheit müsse entschieden werden, wer die Patienten bekomme und welche Patienten einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt seien, sagt Molloy. 

“Wir untersuchen die alten Menschen, die einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind. Außerdem müssen wir im zweiten Teil der Analyse herausfinden, welcher Eingriff am besten wäre und wem er etwas nützt. Manchmal werden die Menschen nicht davon profitieren oder der Eingriff ist zu teuer“, meint der Professor.

Er ermutigt die Mitgliedsstaaten dazu, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen und Hochrisikopatienten zu identifizieren. Für sie seien die dringendsten und teuersten Eingriffe bestimmt. “Wir haben die traditionelle Bewertung der Gebrechlichkeit eines Patienten in den Kontext eines Pflegekraftnetzwerks gestellt und haben einen Risikorechner entwickelt, eine einmalige Herangehensweise an das Problem“, so der Professor.

Hintergrund

Nach Angaben der WHO sind 60 Prozent aller Todesfälle auf chronische Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Sie sind damit die bei weitem häufigsten Todesursachen. Laut dem European Heart Network (EHN) und der European Society for Cardiology (ESC) sterben jedes Jahr ungefähr vier Millionen Europäer und 1,5 Millionen Menschen innerhalb der EU an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die häufigsten Formen sind koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle.

Zur Senkung der Todeszahlen durch Herzkrankheiten haben die Mitgliedsstaaten beschlossen, wichtige Faktoren für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems in ihrem Gesundheitsprogramm für die Jahre 2014-2020 anzugehen.

Ein wichtiges Element bei der Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die grundlegenden Punkte: "schlechtes" Cholesterin, Rauchen, Fettleibigkeit, Ernährung, Sport und hoher Blutdruck.

Zeitstrahl

30. April: Europäischer Kongress über Fettleibigkeit
17. Mai: Europäischer Fettleibigkeitstag
19.-24. Mai: Weltgesundheitsversammlung in Genf

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