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26/09/2016

Chronische Krankheiten: Experten suchen Wege gegen den Aufwärtstrend

Chronische Krankheiten: Experten suchen Wege gegen den Aufwärtstrend

Foto: neroli / pixelio.de

Europa ist der Kontinent mit den meisten chronischen Krankheiten, und der Trend zeigt nach oben. Auf dem ersten Gipfel zu chronischen Krankheiten am 3. und 4. April in Brüssel debattierten Experten über eine Gegenstrategie.

86 Prozent aller Todesfälle und 77 Prozent der Krankheitslast werden durch fünf chronische Leiden verursacht, darunter Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und mentale Erkrankungen. Die Hauptursachen sind Rauchen, Alkoholmissbrauch, schlechte Ernährung und Bewegungsmangel. “Wir haben einige Schritte durch gemeinsame Aktionen, aber auch die Finanzierung von Programmen in den Mitgliedsstaaten, unternommen“, sagte EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg gegenüber EurActiv im November.

Alberico Catapano, Professor für Pharmakologie an der pharmazeutischen Fakultät der Universität Mailand, sagt gegenüber EurActiv, dass eine gute Gesundheitsversorgung unerwünschte Nebeneffekte mit sich bringe. Die EU – Bevölkerung werde immer älter, aber gleichzeitig nehmen chronische Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen zu. Sie stellen eine große Belastung dar.

Wirtschaftliche Belastungen und langsame Politiker

Nach Angaben der französischen Sozialversicherungsgesellschaft Mutuelle Générale de l’Education Nationale (MGEN) und des Meinungsumfrageinstituts Opinion Way ist Fettleibigkeit dabei, eine europäische Krankheit zu werden. Obwohl Fettleibigkeit und Übergewicht oft keine problematischen Folgen für junge Menschen haben, können sie körperliche, psychische und auch soziale Probleme nach sich ziehen.

Trotz deutlicher Aufforderungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), diesen Trend zu stoppen oder gar umzukehren, sehen die Regierungen keine unmittelbare Veranlassung, zu handeln. Laut dem Europäischen Zentrum für Internationale Politische Ökonomie (ECIPE) seien die Regierungen nicht daran interessiert, wirkungsvolle Maßnahmen zur Eindämmung von Fettleibigkeit einzuführen. “Nach jetzigem Stand und wenn keine Veränderungen bei der medizinischen Versorgung gibt, werden immer höhere Kosten auf Europa zukommen, aufgrund der Behandlungskosten und Probleme, die durch Fettleibigkeit entstehen“, schreibt das ECIPE in einem vor kurzem veröffentlichten Strategiedokument. Catapano sagt, dass Politiker neben kurzfristigen Zielen auch langfristige Herangehensweisen entwickeln müssten, da diese den Patienten am besten helfen würden.

“Was fehlt, sind langfristige Pläne, die nicht die Interessen der Politiker sondern die der Bevölkerung wiederspiegeln. Solange wir das Problem nur mit kurzfristigen Lösungsansätzen angehen wollen, werden wir die entsprechenden Ergebnisse bekommen“, meint der Professor.

Das ECIPE spricht von mehreren Maßnahmen, mit denen die Mitgliedsstaaten mehr oder weniger  umfangreich experimentiert haben, um Fettleibigkeit und ihre Folgen zu bekämpfen und sie zu verhindern. Darunter waren auch Maßnahmen, die von der OECD vorgeschlagen wurden: Ernährungsaufklärung und Sport im Schulunterricht sowie Steuern auf Nahrungsmittel mit hohem Zuckergehalt und mit vielen gesättigten Fettsäuren.

Die Effekte dieser zusätzlichen Besteuerung geben allerdings wenig Anlass zur Hoffnung, da diese teilweise davon abhängen, wie die dadurch entstehenden Einnahmen genutzt werden, so das ECIPE. In Frankreich wurde versucht, die Steuereinnahmen wieder in den Gesundheitssektor zu investieren. Vergleichbare Steuereinnahmen in Dänemark und Ungarn wurden vom Gesundheitssektor losgekoppelt. 

Besondere Beachtung von Diabetes 

Das ECIPE hebt auch die besondere Bedeutung von Diabetes hervor, da diese chronische Krankheit auch mit Herzkrankheiten und Schlaganfällen zusammenhängt. Rund 9,3 Prozent des gesamten Gesundheitsbudgets der EU wird für die Behandlung von Diabetes ausgegeben, weil 32 Millionen Menschen innerhalb der EU Diabetes haben – und ihre Zahl steigt.

Vor einem Monat forderten Experten in Brüssel, die Anstiegskurve der Krankheit zu brechen, weil sie nicht nur schwerwiegende wirtschaftliche Folgen hat sondern auch soziale Ungleichheit befördert. Zusätzlich zu den Kosten, die durch die Behandlung entstehen, kommen indirekte Kosten durch geringere Produktivität der Arbeitskräfte, Frühpensionierung und daraus resultierende Sozialzahlungen.

Typ -2-Diabetes ist eine vermeidbare Krankheit. Zu den Risikofaktoren zählen Fettleibigkeit, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Der dänische Gesundheitsminister Nick Hækkerup sagt gegenüber EurActiv in einem Interview, dass vor allem das frühe Krankheitsstadium beachtet werden muss, damit die Behandlung wirtschaftlicher ist und es weniger Folgekrankheiten gibt. 

Vernachlässigtes Cholesterin

Auch eine andere chronische Krankheit wird nach Meinung von Catapano zu wenig beachtet: Die Familiäre Hypercholesterinämie, eine genetische Störung, die durch eine hohe Dichte des „schlechten“ Cholesterins gekennzeichnet ist.

Jeder 250ste hat familiäre Hypercholesterinämie und ist in erhöhtem Maße dem Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ausgesetzt. Es gibt keinerlei Symptome wie zum Beispiel Kopfschmerzen, die bei Menschen mit zu hohem Blutdruck auftreten. Deshalb bemerken viele Menschen ihre Erkrankung nicht. Catapano betont, dass diejenigen, die behandelt werden, oft bei der Einnahme ihrer Medizin entspannter wirkten, weil sie keine Schmerzen spürten.

Seiner Meinung nach könne die EU eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung mit chronischen Krankheiten wie familiärer Hypercholesterinämie spielen. „Die EU kann die Probleme auf verschiedene Arten angehen. Sie kann zumindest die Debatten um diese Punkte vorantreiben und zeigen, dass Geld für die Forschung und Implementierung von Programmen vorhanden ist. Die EU kann Gelder in Bereiche der Bildung, Prävention und Forschung stecken, die mit chronischen Krankheiten zu tun haben“, meint Catapano.

Hintergrund

Nach Angaben der WHO sind 60 Prozent aller Todesfälle auf chronische Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Sie sind damit die bei weitem häufigsten Todesursachen. Laut dem European Heart Network (EHN) und der European Society for Cardiology (ESC) sterben jedes Jahr ungefähr vier Millionen Europäer und 1,5 Millionen Menschen innerhalb der EU an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die häufigsten Formen sind koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle.

Zur Senkung der Todeszahlen durch Herzkrankheiten haben die Mitgliedsstaaten beschlossen, wichtige Faktoren für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems in ihrem Gesundheitsprogramm für die Jahre 2014-2020 anzugehen.

Ein wichtiges Element bei der Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die grundlegenden Punkte: "schlechtes" Cholesterin, Rauchen, Fettleibigkeit, Ernährung, Sport und hoher Blutdruck.

Zeitstrahl

30.April: Europäischer Kongress über Fettleibigkeit
17. Mai: Europäischer Fettleibigkeitstag
19.-24. Mai: Weltgesundheitsversammlung in Genf

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