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30/08/2016

Chronische Erkrankungen in der EU sind “ungerecht”

Chronische Erkrankungen in der EU sind “ungerecht”

Foto: Guenter Hamich / pixelio.de

Die Betroffenheit von chronischen Erkrankungen variiert in der EU extrem stark: In Bulgarien sterben fünf mal mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als in Frankreich. Die Folgen sind fatal, doch der Einfluss der EU ist begrenzt.

Nach Expertenmeinung sind chronische Erkrankungen in der EU in vielerlei Hinsicht “ungerecht”. “Im Allgemeinen sind die Todeszahlen in Zentral- und Osteuropa höher, was nicht gerecht ist. Weil es nicht genetisch bedingt ist, können wir etwas daran ändern”, erläutert Susanne Løgstrup, Leiterin des European Heart Network (EHN) bei einer von der EU-Kommission organisierten Konferenz  am 18. März in Brüssel. Sie betonte, dass es in Europa substantielle Unterschiede bei den Todesraten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebe. Sogar innerhalb der EU gebe es signifikante Unterschiede. Die Sterblichkeitsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei in Bulgarien, dem Land mit den höchsten Sterbeziffern, fünf Mal höher als in Frankreich, dem Land mit den niedrigsten Sterbeziffern. Diese Ungerechtigkeit und die Diskriminierung der Patienten könnte durch Krankheitsmanagement, Vorbeugung und das Teilen bewährter Praktiken angegangen werden.

“Ich sage, dass das nicht fair ist, weil wir etwas dagegen machen können”, sagt die EHN-Leiterin. In Europa sind die fünf Krankheiten chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und psychische Störungen für 86 Prozent der Todesfälle und für 77 Prozent der Krankheitslast verantwortlich.

Diskriminierung und Stigmatisierung

Nach EHN-Angaben kann bei gesundheitspolitischen Problemen unter den bestehenden EU-Verträgen mehr getan werden, wenngleich die EU in diesem Politikbereich gegenüber den Mitgliedsstaaten geringe Kompetenzen hat. Die EU könne beispielsweise gesättigte Fettsäuren und Behandlungsmethoden regulieren und Risikofaktoren wie Tabak, Ernährung und Alkohol angehen.

Løgstrup meint, dass die EU für eine gerechtere Gesundheitspolitik eine Folgeabschätzung von Armut, der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit machen müsse, da diese Faktoren wichtige Gründe für Neuerkrankungen sind.

Wenn Menschen chronische Krankheiten hätten, würde das oft auch Depressionen verursachen, sagt Rebecca Müller, Generalsekretärin von Gamian Europe, einer Organisation die Patienten mit psychischen Störungen vertritt. Viele Menschen würden Depressionen aufgrund von Stigmatisierung entwickeln. Mentale Erkrankungen hätten oft Auswirkungen auf die Produktivität der Menschen. Dadurch verlören sie ihre Arbeit, was wiederum zu sozialer Ungleichheit führen würde, sagt Müller.

Rezepte gegen die Malaise

Stigmatisierung und Diskriminierung gäbe es weiterhin im Gesundheitswesen, aber niemand wolle darüber sprechen, unterstreicht Wendy Yared, Leiterin der Association of European Cancer Leagues (ECL). “Es ist schwierig, die Entscheidungsträger soweit zu bringen, zuzugeben, dass es Diskriminierungen und Stigmatisierungen in ihrem Land, ihrer Region oder ihrer Stadt gibt”, meint Yared.

Gesundheitsprobleme müssten weit oben auf der politischen Agenda stehen. Außerdem könne die EU mehr im Bereich Informationen, Empfehlungen und Leitlinien machen, zeigt sich der frühere slowenische Präsident und derzeitige Europaabgeordnete Alojz Peterle (EVP) einverstanden. “Die festgestellten Unterschiede werten wir als Beleg für Benachteiligung. Die Bürger wollen nicht dafür bestraft werden, auf der falschen Seite der Grenze geboren worden zu sein. Es gibt große Unterschiede zwischen den alten und neuen Mitgliedsstaaten bei der Lebenserwartung”, betont der slowenische EU-Abgeordnete. 

Zeitstrahl

30. April: Europäischer Kongress über Fettleibigkeit
17. Mai: Europäischer Fettleibigkeitstag
19.-24. Mai: Weltgesundheitsversammlung in Genf

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