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01/10/2016

Grünes Licht für die Lebensmittel-Ampel?

Grünes Licht für die Lebensmittel-Ampel?

Foto: Rolf Handke / pixelio.de

Die EU überprüft die Regeln für die Lebensmittelkennzeichnung. Ilaria Passarani vom Europäischen Verbraucherverband (BEUC) plädiert für ein Ampel-System nach britischem Vorbild.

EurActiv.com: Was läuft schief bei der momentanen Lebensmitteletikettierung?

PASSARANI: Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass im Dezember 2014 eine neue Verordnung zu Lebensmittelinformationen in Kraft tritt und die Mitgliedsstaaten bis 2016 Zeit zur Umsetzung haben. Diese neuen Regeln werden vor allem bei den vorgeschriebenen Ernährungstabellen auf den Verpackungen zu Verbesserungen beitragen. Verglichen mit den derzeitigen Standards ist das schon eine Verbesserung. Wir werden noch ein wenig warten müssen, bis wir diese Veränderungen im Supermarkt sehen, aber sie werden kommen. Wir haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Ernährungsinformationen auf den Produkten verständlich und verbraucherfreundlich zu gestalten. Wir freuen uns sehr über diese Entwicklung. Es sind viele positive Regelungen dabei, die es den Verbrauchern ermöglichen, kluge Entscheidungen zu treffen. Wir bedauern, dass die Informationen nur auf der Rückseite des Produkts zu finden sind und nicht auf der Vorderseite, wie wir es wollten. Außerdem haben wir eine Mindestschriftgröße von drei Millimetern gefordert, was auch im ursprünglichen Kommissionsvorschlag stand, aber verringert wurde.

EurActiv.com: Kann man daraus schließen, dass es dem BEUC weniger auf die Informationsmenge als vielmehr die Positionierung der Information und die Schriftgröße ankommt?

PASSARANI: Genau, und wir haben während der Diskussionen über Ernährungsinformationen für Verbraucher gesagt, dass das Verbraucherdasein kein Vollzeitjob sei. Man sollte nicht unendlich viel Zeit damit verbringen müssen, die Zutaten auf der Rückseite eines Produkts zu lesen, weshalb wir ständig ein einfaches und schnelleres Instrument zur Produktinformation fordern. Das ist auch der Grund, warum wir ein Farbkodierungssystem wollen, vor allem für verarbeitete Lebensmittel. Und darum befürworten wir das Ampel-System, das es im Vereinigten Königreich gibt.

EurActiv.com: Was hat es mit dem Ampel-System des Vereinigten Königreichs auf sich?

PASSARANI: Die Informationen sind auf der Rückseite des Produkts, wie immer bei gesetzlichen Informationen, aber das Ampel-System fügt weitere Informationen hinzu. Auf einen Blick kann geprüft werden, wie viele gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz in einem bestimmten Nahrungsmittelprodukt sind. Wir wollen, dass eine Mutter schnell sehen kann, was das Beste für ihr Kind ist. Das ist die Idee dahinter.

EurActiv.com: Ein Produkt würde demzufolge nicht nur eine rote Kennzeichnung bekommen, es würde zum Beispiel rot für den Zuckergehalt bekommen, gelb für Salz etc.?

PASSARANI: Ja. Die Idee dieses Systems ist nicht, ein Produkt mit einer roten Kennzeichnung abzustempeln und ein anderes Produkt mit einem grünen Label zu versehen und als gut zu deklarieren. Es geht um die Zusammensetzung der Nahrungsmittel. Es geht wirklich nicht um das gesamte Produkt, sondern um die enthaltenen Fette, Zucker und Salz. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, weil manche sagen, dass das Ampel-System zu einfach sei und die Produkte in gut und schlecht unterteile. Das ist nicht beabsichtigt.

EurActiv.com: Welche Bevölkerungsgruppen würden Ihrer Meinung nach besonders von der Einführung des Ampel-Systems zur Etikettierung profitieren?

PASSARANI: Nun, eigentlich alle. Menschen, die nicht ewig im Supermarkt sein wollen, beim Versuch, die besten Produkte für ihre Familien auszuwählen. Das System ist nur zum Produktvergleich da. Manche behaupten, es vereinfache die Dinge zu sehr, aber wir sagen, dass es lediglich einfach ist. Wir sind sowieso zu vielen Informationen ausgesetzt und deshalb ist dies ein einfaches Instrument zur Informationsbeschaffung. Wir fordern die Mitgliedsstaaten dazu auf, es anzunehmen. Es sollte nicht nur im Vereinigten Königreich das Etikettierungssystem sein.

EurActiv.com:Warum ist dieses System im Vereinigten Königreich eingeführt worden, aber nicht in den anderen Mitgliedsstaaten?

PASSARANI: Das Vereinigte Königreich ist sehr gut in Verbraucherkommunikation. Das gilt auch für den Transport und medizinische Produkte. Das ist in anderen Ländern nicht so. Diese Faktoren machen die Dinge für Verbraucher sehr viel einfacher. Mein Heimatland Italien unterstützt dieses Ampel-System nicht. Sie haben sich im Rat offiziell dagegen ausgesprochen, weil es die mediterrane Ernährung beeinträchtigen würde. Italien und einige andere Mitgliedsstaaten haben Vorbehalte, weil es zum Beispiel den Verkauf von italienischem Schinken und Parmesan negativ beeinflussen würde.

Die Italiener bangen um ihre „mediterrane Diät“

EurActiv.com: Der italienische Kommissar Antonio Tajani (zuständig für Industrie und Unternehmertum) will sich der Sache annehmen. Aber haben die Italiener nicht recht mit ihren Vorbehalten gegen das Ampel-System? Schließlich ist die mediterrane Diät bekannt dafür, die Menge an schlechtem Cholesterin im Körper zu verringern. Ein fettiger Käse – Teil dieser Diät – würde dann auf die schwarze Liste kommen, obwohl er im Verbund mit Gemüse und Olivenöl völlig unbedenklich ist?

PASSARANI: Als Italienerin weiß ich, dass einige Scheiben Parmaschinken und Mozzarella zusammen mit Gemüse eine ausgeglichene Mahlzeit sind. Außerdem weiß ich, dass die traditionelle mediterrane Küche nicht mehr in dem Maße existiert, wie es früher der Fall war. Mütter haben keine Zeit mehr zu kochen. Nahrungsmittel wie Gemüse sind so teuer geworden, dass sie sich viele Menschen nicht mehr leisten können. Die mediterrane Küche muss wegen des gesellschaftlichen Wandels überdacht werden, im Hinblick auf die Preise für Früchte und Gemüse. Einige italienische Firmen sagen, dass der Verkauf italienischer Produkte im Vereinigten Königreich wegen des Ampel-Systems abgenommen habe, aber sie liefern keine Beweise dafür. Die Idee hinter dem Ampel-System ist das Konzept einer ausgeglichenen Ernährung im Kontext einer allgemeinen Verbraucheraufklärung über gesunde Ernährung. Ich sehe darin keine Bedrohung für italienische Produkte.

EurActiv.com: Jeder Mensch ist verschieden und hat deshalb verschiedene Bedürfnisse. Zum Beispiel kann fetthaltige Milch gut für eine schwangere Frau und ihr Baby sein. Vereinfacht das Ampel-System die Dinge nicht zu sehr?

PASSARANI: Da steht lediglich:“Wenn Sie diesen Schokoriegel oder diese Lasagne kaufen, müssen Sie sich auf eine gewisse Menge Fett, Zucker und Salz einstellen“ und dann wissen Sie, was Sie essen. Meistens bemerkt man den Zuckeranteil nicht oder man ist sich nicht im Klaren darüber, dass etwas Süßes sehr viel Salz enthalten kann. Wir wollen nicht nur das Ampel-System. Wir fordern einen Ansatz zur Berücksichtigung eines [gesunden] Lebenstils. Wir wollen Medienkampagnen, die für eine Ernährung mit einem ausreichenden Anteil an Früchten, Gemüse und Fetten und ausreichend Sport im Leben der Verbraucher werben. Die Ernährung ist entscheidend bei der Prävention chronischer Krankheiten. Nahrung und Ernährung haben einen negativen oder positiven Effekt auf die Vorbeugung und Behandlung chronischer und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir müssen handeln und wir müssen verschiedene Instrumente nutzen, damit sichergestellt wird, dass die Verbraucher wissen, was sie essen und dass sie gesunde Entscheidungen treffen.

Wir müssen handeln, weil wir wissen, dass es ein Problem gibt und wir verschiedene Möglichkeiten haben, unser Ziel zu erreichen. Das Ampel-System ist ein Instrument, aber alleine kann es nicht funktionieren. Wir brauchen auch Ernährungsaufklärung in den Schulen. Wir betrachten es als wesentliches Verbraucherrecht, zu wissen, was in einem Produkt enthalten ist. Das trifft in besonderem Maße auf unsere Nahrungsmittel zu, weil wir sind, was wir essen. Wir wissen, dass es die Menschen interessiert, was sie essen und sie sollten auch wissen, was in ihrem Essen ist. Das ist eine goldene Regel und wir werden nicht davon abweichen.

Interview: Henriette Jacobsen

Zur Person

Ilaria Passarani ist Leiterin der Lebensmittel- und Gesundheitsabteilung des Europäischen Verbraucherverbands (BEUC).