Verspätete EU-Gelder für Frankreichs Bauern

  
In Frankreich fördert die EU den Traum, Bauer zu werden. Foto: dpa.

Frankreich hilft jungen Menschen, die ihren eigenen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen wollen. Für das beliebte Trainingsprogramm haben die regionalen Behörden EU-Gelder beantragt. Das Programm ist ein Erfolg, doch die Gelder aus Brüssel lassen seit drei Jahren auf sich warten. EurActiv Frankreich berichtet.

An einem Montagmorgen um 9 Uhr sitzen acht junge Erwachsene zwischen 21 und 38 Jahren in einem Klassenraum der landwirtschaftlichen Hochschule im französischen Rethel. Sie beginnen dort ein dreitägiges Trainingsprogramm, das ein verpflichtender Schritt auf dem Weg zu ihrem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb ist.

Die Regionalbehörde für die Entwicklung ländlicher Strukturen (Adasea) hat in den letzten drei Jahren europäische Fördergelder für dieses Trainingsprogramm beantragt. In diesem Jahr stellt der Europäische Sozialfonds (ESF) mit rund 29.000 Euro die Hälfte der Kosten des Programms. Die restlichen Gelder kommen von der Regionalbehörde.

Zurück in die Schule

Die acht zukünftigen Bauern gehen für 21 Trainingsstunden noch einmal zur Schule. In dieser Zeit hören sie die Berichte anderer Bauern und diskutieren die Realisierbarkeit ihrer Geschäftsideen mit erfahrenen Experten. Die Schulung soll ihnen auch bewusst machen, welchen Einfluss politische Entscheidungen auf ihre Unternehmen haben werden, zum Beispiel über lokale Planungsgesetze.

"Zögern Sie nicht, uns anzurufen, sobald Sie ein Projekt haben. Wir stellen Hilfe zur Verfügung und werden Sie in jeder möglichen Weise unterstützen", erklärt Bénédicte Le Clézio, ein Beamter der Agrarkammer. Le Clézio nimmt häufig an den Schulungen teil. Seiner Ansicht nach ist der Dialog zwischen der einen Million französischer Bauern und der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung.

Ein gemeinsamer Traum

Die dreitägige Schulung soll die zukünftigen Bauern auf die Herausforderungen vorbereiten, vor denen sie stehen. Dazu gehört die wahrscheinliche Kürzung der EU-Agrarsubventionen ebenso wie Schwankungen der Produktpreise und der zunehmende Einfluss von Entwicklungsländern wie China.

"Warum wollen Sie in der Landwirtschaft arbeiten?", fragt der Berater. Weil sie alle davon träumen, Bauer zu werden und ihr eigener Chef sein wollen, antworten die Teilnehmer.

Auf dem "Persönlichen Professionalisierungweg" ans Ziel

Die dreitägige Schulung gehört zu einem Programm, das die französische Agrarbehörde den "Persönlichen Professionalisierungweg" (plan de professionnalisation personnalisé –PPP) nennt. Es dauert ungefähr ein Jahr und besteht aus mehreren Schritten: dem Entwurf eines Karriereplans folgen die Ermittlung des zusätzlichen Trainingsbedarfs und der "21-Stunden-Crash-Kurs". Parallel wird die Realisierbarkeit der Geschäftsideen analysiert.

Wenn das Projektvorhaben realistisch scheint und die verschiedenen Schritte des Programms absolviert wurden, können die Bauern von Zuschüssen von 8.000 bis 17.300 Euro, geförderten Krediten und Steuererleichterungen profitieren.

Anträge für EU-Fonds sind ein "Alptraum"

Es ist nicht einfach, an die Gelder aus Brüssel zu kommen. Chrystel Fourny bietet das PPP-Programm seit dreizehn Jahren an. Sie sagt: "Es ist ein Alptraum, die Anforderungen des ESF zu erfüllen."

Stéphanie Martin, die bei Adasea für den EFS zuständig ist, fügt hinzu: "Wir müssen jede noch so kleine Ausgabe nachweisen. Zum Beispiel müssen wir die Anzahl an Briefmarken oder Fotokopien schätzen, die wir im nächsten Jahr brauchen werden."

Trotz dieser Schwierigkeiten sagt Adasea, dass die Verfahren sich verbessert haben, seit sie 2007 ihren ersten Antrag stellten. "Es ist heutzutage einfacher", erklärt Martin. "Wir haben uns daran gewöhnt, die Aufzeichnung der Arbeitszeit, die wir für jedes Projekt brauchen, zu kontrollieren."

Drei Jahre und kein Geld

Trotz dieser Fortschritte bleibt ein großes Problem bestehen. Weil die Zuständigkeit für die ESF-Anträge zwischen zwei Behörden gewechselt hat, sind die ESF-Fördergelder für das PPP in den letzten drei Jahren nicht bei Adasea angekommen.

2007 wurden die Förderungsanträge noch von der regionalen Behörde für Land- und Forstwirtschaft bearbeitet und "es gab keine klaren Anweisungen", erklärt Martin. Seit 2009 ist nun eine andere Stelle für die Projekte zuständig. "Jetzt ist alles geklärt und umorganisiert worden. Aber weil sie jeden Förderungsantrag einzeln prüfen mussten, sind die Beamten völlig überfordert und können nicht alle Projekte rechtzeitig bearbeiten."

Diese komplizierte Situation hat zu Finanzierungsproblemen geführt. "Der ESF fragt nach bezahlten Rechnungen, die er dann zurückerstattet. Da wir aber kein Geld haben, um unsere Rechnungen zu bezahlen, kriegen wir auch keins vom ESF. Es ist ein Teufelskreis", so Martin abschließend.

Hintergrund

Der Europäische Sozialfonds (ESF) ist eines der Finanzierungsinstrumente, mit denen die EU die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten verringern will. Der ESF will vor allem Beschäftigung und soziale Inklusion in den europäischen Regionen fördern.

Von 2007 bis 2013 stehen dem ESF rund 75 Milliarden Euro zur Verfügung. Das sind fast acht Prozent des gesamten EU-Budgets für diesen Zeitraum. Auch die Mittel des Kohäsionsfonds und des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung fließen über die Regionen an die Bürger. Derzeit beschäftigt die Debatte über die Zukunft der Regional- und Kohäsionsfonds nach 2013 die EU.

EurActiv Frankreich

Links

Mehr zum Thema:

EurActiv.fr: Des agriculteurs sur les bancs de l'école (22. September 2010)

EurActiv.de: Debatte: Faire Preise für Europas Bauern (7. September 2010)

EurActiv.de: Besserer Zugriff auf EU-Regionalfonds (28. Juni 2010)

Informationen:

EU-Kommission: European regional development fund (ERDF)

EU-Kommission:
Economic Crisis – the response from European Cohesion Policy

Bundesregierung: Europäischer Sozialfonds

Adasea: Homepage

EU-Kommission: Der Europäische Sozialfonds

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