Zur Unterstützung der EU-Sprachenpolitik würden bis mindestens 2013 keine zusätzlichen Geldmittel zur Verfügung gestellt, erklärte der EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban gestern (18. September 2008) bei der Präsentation der neuen Strategie für Mehrsprachigkeit der Kommission.

Bei der Präsentation der Mitteilung mit dem Titel: Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung sagte Kommissar Orban, dass die Umsetzung der Strategie keine zusätzlichen finanziellen Ressourcen erfordere. Zum derzeitigen Zeitpunkt seien alle erforderlichen Mittel bereits im Budget des Programms für lebenslanges Lernen (2007- 2013) enthalten, erklärte er.

Die Fortschritte der neuen Strategie sollen im Jahr 2012 überprüft werden. Dann entscheide man, ob zusätzliche Mittel für den darauf folgenden Abschnitt benötigt würden, fügte der Kommissar hinzu.

Man könne nicht mit einem “Erfolg über Nacht” rechnen, aber er sei davon überzeugt, dass man erfolgreich sein werde, so Orban. Statt weitere Gelder zur Verfügung zu stellen, bevorzuge die Kommission ein „integratives Vorgehen“, das die Etablierung von Fremdsprachen im gesamten Spektrum der EU-Politik vorsehe, wie EurActiv Anfang der Woche bekannt gegeben hatte (EurActiv vom 15. September 2008)

Die Mitteilung sagt in der Tat, dass die EU „bereits bestehende europäische Programme und Initiativen in den Bereichen Bildung, Medien, Forschung, soziale Eingliederung und Wettbewerbsfähigkeit“ bestmöglich nutzen solle. Dazu wolle er eine „ständige Plattform“ für den Austausch bewährter Verfahren für eine Fremdsprachen-Politik zwischen Regierungen, Unternehmen, Gewerkschaften und Wissenschaftlern einrichten.

Der Mitteilung zufolge besteht das Hauptziel darin, „das Bewusstsein für den Wert der Sprachenvielfalt in der EU und für die von dieser Vielfalt ausgehenden Chancen zu schärfen und den Abbau von Hindernissen für den interkulturellen Dialog zu fördern“. 
Mit seinem Plädoyer an die Bürger für das Erlernen von mindestens zwei Fremdsprachen, darunter eine „persönlichen Adoptivsprache“, die über die aus beruflichen Gründen erlernte Fremdsprache hinaus erlernt wird, weist der Text darauf hin, dass die vielen verschiedenen Sprachen, die in der EU gesprochen werden „die Kommunikationsbarrieren zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen erhöhen und die sozialen Trennlinien verschärfen, indem sie mehrsprachigen Menschen den Zugang zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen eröffnet, einsprachige aber ausgrenzt“.

Der emeritierte Professor für die Forschung im Bereich Sozialwissenschaften an der Universität Amsterdam Abram de Swaan ist anderer Meinung. Je mehr man das Sprachenlernen fördere, umso mehr werde Englisch überwiegen, glaubt De Swaan. Er geht sogar soweit, zu sagen, dass die EU in Europa der größte Verbreiter der englischen Sprache sei. Dabei verwies er auf die Internetseiten der EU-Institutionen, auf denen viele Bereiche nur auf Englisch aufgerufen werden können. Die Kommunikation der Erasmus-Studenten untereinander sei ein weiterer Beweis für seine These.

Die Mitteilung hebt unterdessen folgende Stichpunkte hervor:

  • Fremdsprachenkenntnisse verbessern die Beschäftigungsfähigkeit und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. 
  • Fremdsprachenkenntnisse fördern den interkulturellen Dialog in einer multikulturellen Gesellschaft. 
  • Die europäischen Bürger sollten neben ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen sprechen. 
  • Die Medien und neuen Technologien können die Kluft zwischen Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, überbrücken. 
    Aus dem Text geht jedoch auch klar hervor, dass die Verfolgung dieser Ziele „im Rahmen der verfügbaren Mittel” stattfinden soll. Hinzu kommt, dass die Fremdsprachenpolitik zu einem großen Teil im nationalstaatlichen Kompetenzbereich liegt, was durch die Mitteilung nicht geändert werden soll.

“In der Sprachenpolitik liegt die Entscheidungsbefugnis in erster Linie bei den Mitgliedstaaten“, obgleich „viele andere Organisationen […]vor Ort Entscheidungen in Sprachenfragen [treffen]: Bildungsträger, Regional- und Kommunalbehörden, Sozialpartner, Medien und Dienstleister“, geht aus dem Text hervor. Mit der Mitteilung wolle die Kommission die Mitliedstaaten, Regional- und Kommunalbehörden und Sozialpartner dazu anregen, zusammenzuarbeiten und Maßnahmen zu ergreifen, erklärte Orban.

Auf den Übersetzungs- und Dolmetschservice der EU-Institutionen, der jährlich 1,1 Milliarde Euro, also 1% des EU-Budgets, verschlingt, bezog sich die Mitteilung jedoch nicht. Die Strategie ziele nicht auf die institutionelle Seite der Mehrsprachigkeit ab, meinte der Kommissar.