Moskauer Explosion deckt Mängel in der Terrorismusbekämpfung auf

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Ein Bombenanschlag auf den belebtesten Flughafen Russlands gestern (24. Januar) hat dem regierenden „Tandem“ von Präsident Dmitrij Medwedew und Premierminister Wladimir Putin einen Schlag versetzt. Es durchkreuzte die Bemühungen, ausländische Investitionen anzulocken und die Sicherheit in einem Wahljahr sicherzustellen.

Der Selbstmordanschlag, der mindestens 35 Menschen tötete und circa 150 verletzte, unterstreicht Putins Scheitern, nach mehr als einem Jahrzehnt an der Macht dem Aufruhr ein Ende zu setzen.

Der Anschlag regte Medwedew an, seinen Abflug zum Weltwirtschaftsforum in Davos, in der Schweiz, zu verschieben. Dort soll er in der Hoffnung, mehr Geld zur Modernisierung der auf der Energie beruhenden Wirtschaft des Landes anzulocken, Russland als einen Investitionsstandort anpreisen.

Medwedew versprach in Twitter-Kommentaren weniger als zwei Stunden, nachdem die Explosion durch die internationale Ankunftshalle gerast war, die Verantwortlichen zu finden und zu bestrafen.

Die Polizei sagte, sie seien dabei, die Sicherheit zu verstärken.

Diese Versprechen werden für viele leer klingen, in einer Nation, die unter einem islamistischen Aufstand im verarmten Nordkaukasus leidet. Kremlskeptiker sagen, dass der Kampf durch die Korruption und die Gesetzlosigkeit, die den Kämpfern helfe, durch das Netz der unzureichenden Rechtsdurchsetzung zu schlüpfen, geschürt werde.

Die Explosion am Domodedowo-Flughafen passierte weniger als ein Jahr, nachdem zwei Selbstmordattentäterinnen aus der nordkaukasischen Region Dagestan am 29. März Sprengstoffe in der Moskauer U-Bahn ausgelöst hatten – dabei kamen 40 Menschen ums Leben.

Dies erinnerte auf unheimliche Weise an Angriffe aus dem Jahr 2004 – einige Tage vor der Geiselnahmetragödie in einer Schule in der nordkaukasischen und mehrheitlich katholischen Stadt Beslan –, als es Bombenleger durch Bestechung auf zwei Flüge aus Domodedowo schafften und Sprengstoffe auslösten. Beide Flugzeuge stürzten ab und 90 Menschen wurden getötet.

Die Strategie, die Ursachen der Angriffe zu behandeln, sei bisher gescheitert und die Sicherheitsdienste hätten es versäumt, den kämpferischen Operationen ein Ende zu setzen, erklärte Matthew Clements aus der Eurasienabteilung bei der „IHS Jane's Information Group“ in London Reuters gegenüber.

In den jüngsten Jahren hätten die Kämpfer, die im Nordkaukasus tätig seien, die Reichweite ihrer Operationen im Nordkaukasus selbst und im „russischen Kernland“ ausgeweitet, sagte er.

Clements sah keine direkte Verbindung mit den Parlamentswahlen am Ende dieses Jahres und einer Präsidentschaftswahl 2012. Er sagte jedoch, es gebe „ein erhöhtes Risiko weiterer Angriffe auf wichtige Ziele in Russland und öffentliche Räume in Moskau und anderen Städten“.

Das Chaos müsste größeren Umfangs sein, um die regierende Partei, „Geeintes Russland“, entgleisen zu lassen. Es wird erwartet, dass sie nach der Dezemberwahl im Parlament weiterhin herrscht. Trotzdem könnte die Lage die Chancen von Putin oder seinem Kandidaten für den Kreml während der Wahlen 2012 beeinträchtigen.

„Moskau glaubt nicht an Tränen“

Es wird weithin erwartet, dass Putin, der zur Präsidentschaft kam, nachdem er 1999 das Land in einen zweiten verheerenden Krieg gegen Rebellen in Tschetschenien geführt hatte, 2012 zurück in den Kreml geht oder Medwedew für ein zweites Amt unterstützt.

Die Explosion könnte jedoch das öffentliche Vertrauen in beide russischen Anführer unterhöhlen, die in den letzten Monaten gegen verheerende Großflächenbrände im Sommer und beißenden Rauch – die Hunderte getötet haben – sowie noch nie da gewesene rassistische Gewalt von Ultranationalisten gegen Minderheiten, insbesondere Muslime, kämpfen mussten.

Glen Howard, Präsident des in Washington ansässigen „Jamestown Foundation“-Think-Tanks, sagte, das Ereignis würde die Spannungen, die rechtsextreme Demonstrationen in Moskau verursacht hätten, weiterhin verschärfen.

Finanzielle Analysten unterstrichen, dass Investoren in Russland, genau so wie die russischen Staatsbürger, an terroristische Angriffe gewöhnt seien und dass seine Märkte nach vorherigen Ereignissen schnell wider auf die Füße gekommen seien.

Moskau glaube nicht an Tränen, sagte John Winsell Davies, Cheffondsmanager bei „Wermuth Asset Management“ – dabei spielte er auf den Titel eines sowjetischen Filmes, der das verhärtete Verhalten vieler Russen und Investoren im Land symbolisiert, an.

Er denke nicht, dass irgendwelche großen Investoren durch einen Bombenangriff davor abgeschreckt werden würden, in ein wichtiges russisches Unternehmen zu investieren, sagte Zsolt Papp von „UBP Asset Management“ in Zürich.

Russland sei politisch betrachtet ein stabiles Land, sehr stabil, und andere Faktoren wie etwa der Ölpreis spielten eine viel entscheidendere Rolle, sagte er.

Die Explosion stellt aber einen neuen Schlag für das Bild Russlands im Ausland, das in den letzten Woche durch ein neues Urteil zu sechs Jahren Haft für den lang inhaftierten ehemaligen Ölbaron Mikhail Khodorkovsky überschattet wurde, dar.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass Medwedew völlig auf seine Reise nach Davos – worüber sein wichtigster Wirtschaftsberater gesagt hat, seine Hauptbotschaft würde lauten, dass Russlands Tür Investitionen aus dem Ausland offen stehe – verzichten werde.

Fernsehbilder von einem rauchgeschwängerten Domodedowo nach der Explosion übermittelten eine ganz andere Botschaft: Das Betreten erfolgt auf eigene Gefahr.

Domodedowo war einst ein chaotischer und verfallener Ort mit dem Charme eines sowjetischen Bahnhofs. Nun aber ist es ein renoviertes Fenster Russlands auf die Welt und dient Hunderten von ausländischen Fluggesellschaften.

Die deutsche Lufthansa hat nach der Explosion ihre Flüge nach Moskau kurz unterbrochen, und mindestens ein Flug von British Airways nach Domodedowo kehrte nach London um.

(EurActiv mit Reuters. Von EurActiv aus dem Englischen übersetzt.)

Positionen: 

Er verurteile den heutigen terroristischen Angriff auf den Moskauer Flughafen Domodedowo, der den Verlust vieler Leben verursacht habe, stark, sagte Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, in einer Erklärung.

Er sei durch diese kriminelle Tat schockiert und fordere, dass diejenigen, die sich hinter der Selbstmordbombe befänden, verfolgt und bestraft würden. Er wolle den Opferfamilien sein herzlichstes Beileid ausdrücken. Er habe an Präsident Medwedew eine Solidaritätsbotschaft der Europäischen Union geschickt, schloss Van Rompuy.

Er habe mit Schock und großer Trauer vom terroristischen Angriff am Domodedowo-Flughafen in der Umgebung von Moskau diesen Nachmittag gehört, sagte auch der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, in einer schriftlichen Erklärung.

Er verurteile diesen feigen terroristischen Angriff stark. Er sende sein tief empfundenes Beileid an die Regierung und das Volk der Russischen Föderation, und insbesondere an die Familien und die Lieben der Opfer. Seine Gedanken und sein tiefstes Mitleid gingen in diesen schrecklichen Momenten an sie, schrieb Barroso.

Der französische Europaabgeordnete Joseph Daul, Vorsitzender der Fraktion der Mitte-Rechts-Europäischen Volkspartei, sagte, dass er im Namen der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament sein herzliches Mitleid an die Familien der in diesem grausamen Angriff auf Unschuldige getöteten und verletzten Menschen ausdrücke.

Für eine solche Gräueltat gegen Zivilisten in einem öffentlichen Ort könne es keine Rechtfertigung geben. Er fordere die russischen Behörden auf, alles Mögliche zu tun, um die Verantwortlichen für diese verbrecherische Tat vor Gericht zu bringen, fügte Daul hinzu.

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