EurActiv.de

Anzeige

Sektionen

Services

Über uns

Medien-Partner

Anzeige

Wladimir Putin wirbt für seine

Wladimir Putin wirbt für seine "Eurasische Union", deren Mitglieder die Ex-Sowjetrepubliken sein sollen. Aber auch rund um diese Peripherie will er eine Pufferzone aufbauen. Logische Folge: Jeder Konflikt um Iran tangiert russische Interessen. Foto: EC

Aktuell - Mittwoch 26 September 2012 - Globales Europa

EurActiv.de-Gespräch mit Behrooz Abdolvand zum Verhältnis USA/Iran/Russland

"Obama sollte nach Teheran fliegen" (II)

Die Ping-Pong-Reise von US-Präsident Nixon nach China als Vorbild: Im zweiten Teil des Interviews mit EurActiv.de plädiert Behrooz Abdolvand, Experte für Geopolitik, für radikales Umdenken in den Beziehungen zwischen USA und Iran und für den Bruch mit alten Feindbildern – während Putin an seiner neuen Weltordnung arbeitet. Der erste Teil des Interviews erschien gestern.

Zur Person

Dr. Behrooz Abdolvand (geboren 1956) arbeitet seit 1998 am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Er ist Dozent für internationale Beziehungen und Berater im Energiesektor.

_______________________

EurActiv.de: Was wäre demnach die klügste Politik der USA und des Westens?

ABDOLVAND: Das einzige Land, das der uneingeschränkten Vorherrschaft der USA im Mittleren Osten im Wege steht, ist eben jener Iran. Washington, aber auch die Regierungen Europas müssen sich nun die Frage stellen, wie sie mit einer Regionalmacht umzugehen gedenken, die unabhängig vom Westen eigene Interessen verfolgt, welche mitunter von der transatlantischen Agenda abweichen. Und Russland spielt dabei auch noch mit.

EurActiv.de: Was ist die Absicht der Putin-Administration?

ABDOLVAND: Russlands Präsident Wladimir Putin kündigte jüngst an, Russland werde seinen "historischen Staat", den es von seinen Vorfahren geerbt habe, stärken, und sprach gleichzeitig von der Integration verschiedener Ethnien und Religionen.

Dieser Richtungswechsel in der russischen Politik ist aus Moskauer Sicht eine logische Reaktion auf das Vorgehen der USA seit dem Ende des Kalten Kriegs. Das Eindringen der USA in den postsowjetischen Raum und Mittleren Osten sowie die Errichtung einer Raketenabwehr in Europa und auf der Arabischen Halbinsel versteht Russland als US-amerikanischen Versuch, die globale Machtbalance zugunsten Washingtons zu ändern.

Putin betont: "Unsere nationale Aufgabe und unsere Pflicht gegenüber der ganzen Menschheit bestehen darin, das Gleichgewicht der strategischen Kräfte aufrechtzuerhalten. Das ist enorm wichtig, weil dieses Gleichgewicht, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war, globale Konflikte verhindert hatte."

Relativ unverblümt erhebt Putin für Russland einen Weltmachtanspruch. "Ich bin überzeugt: Die Sicherheit in der Welt kann man nur gemeinsam mit Russland gewährleisten, ohne es in den Hintergrund zu schieben, seine geopolitischen Positionen zu schwächen oder die Verteidigungskraft zu beeinträchtigen."

Moskau will die USA zurückdrängen


EurActiv.de:
Also wieder Kampf gegen den Westen im postsowjetischen Raum?

ABDOLVAND: Ohne eine direkte, militärische Konfrontation zu suchen, möchte Putin offenbar die USA aus der klassischen Einflusssphäre Moskaus im postsowjetischen Raum zurückdrängen.

Moskau möchte allem Anschein nach wieder eine Pufferzone um das russische Kernland aufbauen, indem es die politische und ökonomische Anbindung dieser Region an Russland forciert. Mit der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft Evrazes treibt Russland die wirtschaftliche Integration Kasachstans, Kirgisiens, Tadschikistans und Weißrusslands mit Moskau durch die Schaffung einer Zollunion voran.

Russland versucht aber nicht nur, die NATO aus seiner strategischen Peripherie zu verdrängen, sondern will darüber hinaus eine zweite Pufferzone rund um eben jene Peripherie errichten.

EurActiv.de: Und wo liegen die Interessen Russlands in der Iran-Frage genau?

ABDOLVAND: Russlands ehemaliger NATO-Botschafter Dmitri Rogosin drückte es ganz einfach aus: "Jeder Konflikt in oder um Iran kann unsere Sicherheit tangieren." Das russische Außenministerium betonte: "Jegliche Militärschläge gegen das iranische Territorium sind unzulässig." Und mit einem Manöver "Kaukasus 2012" wird sich die russische Armee für den Fall eines US-amerikanischen Angriffs auf Iran vorbereiten.

"Verteidigung" und Kontrolle der einstigen Sowjetrepubliken


EurActiv.de:
Was bedeutet "vorbereiten"?

ABDOLVAND: Russland argumentiert, dass es im Falle eines Angriffs auf Iran seine Grenzen sowie die der einstigen Sowjetrepubliken "verteidigen" werde. Es könnte auch so verstanden werden, dass Russland einen militärischen Konflikt zwischen Iran und den USA dazu nutzen möchte, die einstige Kontrolle über seine Peripherie wiederherzustellen.

Ohne Alternative zu Russland könnten die betroffenen Staaten womöglich sogar den "russischen Schutz" begrüßen. Iran ist für Russland ein Land von größter Bedeutung. Ursache hierfür ist Irans strategische Schlüsselposition für den Zugang zur Peripherie Russlands: Kaukasus und Zentralasien.

Eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Iran und dem  Westen wäre eine große Gefahr für den russischen Einfluss in dieser Region.

EurActiv.de: Das sieht sehr nach einer totalen Veränderung der geostrategischen Lage in dieser Region aus?

ABDOLVAND: Der Konflikt zwischen Iran und den USA/Israel könnte daher der Dreh- und Angelpunkt einer neuen Weltordnung sein. Denn sollten die USA Iran militärisch angreifen, zöge dies aus den oben skizzierten Gründen einen regionalen Flächenbrand nach sich.

In der Konsequenz würde dies eine Beschleunigung des relativen Machtverlusts der USA bedeuten. Die geostrategischen Gewinner hießen China und Russland. Einem solchen Szenario kann jedoch vorgebeugt werden, sofern Iran und die USA es schaffen, ihre Konfrontation zu überwinden.

Nixons Ping-Pong-Trip als Vorbild


EurActiv.de:
Ihr Vorschlag?

ABDOLVAND: Präsident Obama oder Präsident Romney sollten im Januar 2013 nach Teheran fliegen.

EurActiv.de: Ähnlich der Ping-Pong-Reise des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon nach China?

ABDOLVAND: Ja, damit veränderte sich dann alles zwischen China und den USA.

EurActiv.de: Und wo liegen die neuen Arbeitsfelder zwischen dieser neuen Allianz?

ABDOLVAND: Solange sich Teheran und Washington konfrontativ gegenüber stehen, führen so gut wie alle wirtschaftlichen und politischen Wege des Kaukasus und Zentralasiens Richtung Moskau und Peking. Die Politik der Eindämmung durch Konfrontation muss aus diesen Gründen als gescheitert betrachtet werden.

Vieles spricht dafür, dass die Gefahr, die derzeit von Iran für die Interessen der USA und Europas ausgeht, besser durch Integration als durch militärische Konfrontation abgewendet werden kann.

Die Normalisierung der Beziehungen zu Teheran und eine enge Anbindung Irans an das transatlantische Lager würden es ermöglichen, die Beziehungen mit der Regionalmacht im Mittleren Osten konstruktiv zum Nutzen beider Seiten zu gestalten.

Wie die Türkei während des Kalten Kriegs könnte Iran ein wichtiger strategischer Partner werden. Entgegen weitverbreiteter Annahmen hat sich Iran als rationaler Akteur erwiesen, mit dem grundsätzlich eine solche Partnerschaft möglich sein sollte.

In der Praxis gibt es verschiedene Politikfelder, in denen Potenzial für einen kooperativen Ansatz auf der Grundlage von gemeinsamen Interessen besteht. Hierzu gehören der Energiebereich, die Wirtschaftszusammenarbeit, die Bekämpfung des internationalen Drogenhandels, aber auch Themen wie Flüchtlingspolitik.

Nicht zuletzt könnten beide Seiten auch zu Fragen von Stabilität in der Region konstruktiv zusammenarbeiten.

Eine Politik der Kooperation würde ein radikales Umdenken und einen Bruch mit Jahrzehnte alten Politikkonstanten bedeuten. Auf beiden Seiten müssten traditionelle Denkmuster und Feindbilder aufgebrochen werden.


Das Interview führte Peter Brinkmann.

Der Öffnet externen Link in neuem Fenstererste Teil des Interviews mit Dr. Behrooz Abdolvand 
erschien gestern (26. September 2012) auf EurActiv.de.


Links


Homepage
 des Interdisziplinären Zentrums Öffnet externen Link in neuem Fenster "Berlin Centre for Caspian Regional Studies"

Homepage Öffnet externen Link in neuem FensterDr. Behrooz Abdolvand

http://www.fu-berlin.de/sites/crees/personen/abdolvand_behrooz/index.html


Weiterführende Informationen auf EurActiv.de:


Öffnet externen Link in neuem Fenster"Obama sollte nach Teheran fliegen" (I)
 (26. September 2012)

Öffnet externen Link in neuem FensterIran: Kalter Krieg als Alternative zum Militärschlag (3. Februar 2012)

Öffnet externen Link in neuem FensterSWP-Analyse zum EU-Embargo gegen den Iran: Rote Linien am Persischen Golf (31. Januar 2012)

Öffnet externen Link in neuem FensterRussland und Iran besprechen Atomprogramm / EU-Staaten wollen Ölimporte aus Iran stoppen (5. Januar 2012)

Öffnet externen Link in neuem FensterStreit um das iranische Atomprogramm / Moskau: EU-Sanktionen gegen den Iran inakzeptabel (27. Juli 2010)

Öffnet externen Link in neuem FensterTreffen der EU-Außenminister / EU beschließt bislang härteste Iran-Sanktionen (26. Juli 2010)

Öffnet externen Link in neuem FensterNach Sanktionsverschärfungen gegen Iran: Teheran kündigt Bedingungen für neue Gespräche an (16. Juni 2010)

Öffnet externen Link in neuem FensterReaktionen auf das Uran-Tauschabkommen / "Nichts grundsätzlich Neues" aus dem Iran (18. Mai 2010)

 

RSS

Agenda

Anzeige
Anzeige