Plant Syrien den Einsatz von C-Waffen?

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Wie soll der Westen mit Baschar al-Assad umgehen? Was hat Syriens Präsident in der Hinterhand? Foto: dpa

Das Assad-Regime könnte vor seinem Sturz noch Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Diese konkret drohende Gefahr beschäftigt derzeit Geheimdienste der westlichen Welt.

Bis zum vergangenen Jahr hatte Damaskus jegliche Herstellung sowie jeden Besitz wiederholt krampfhaft geleugnet; ebenso war Syrien als eines der sehr wenigen Länder niemals der "Chemical Weapons Convention" (CWC) beigetreten. Vorigen Juli erfolgte dann eine indirekte Bestätigung, als ein Sprecher des syrischen Außenministeriums Pläne eines solchen Einsatzes scharf dementierte und sie nur auf "feindiche Aggressoren" beschränkte.

Indes wusste der vor wenigen Monaten – offenbar mit Hilfe der CIA – übergelaufenen Generalmajor Adnan Sillu glaubhaft von internen Gesprächen in der syrischen Militärspitze zu berichten, die sehr wohl die Verwendung von C-Waffen sowohl gegen die Opposition als auch gegen Zivilisten vorsehen.

Es war kein Zufall, dass Anfang Dezember US-Präsident Barack Obama von wachsender Besorgnis sprach; ihr Einsatz sei eine "rote Linie", die zu "Aktionen" der Vereinigten Staaten führen würde – was immer dies auch bedeuten mag.

Getarnt als Mercedes- und Volvo-Lastwagen


Kurz vor Weihnachten stellte eine der "Freien Syrischen Armee" nahestehende Gruppe erstmals einen geflüchteten Hauptmann vor, der bisher innerhalb des syrischen Chemiewaffen-Netzwerkes arbeitete. Er sprach besonders vom Bau spezieller Fahrzeuge in Dummar (einer Vorstadt im Nordwesten von Damaskus), die jene C-Waffen transportieren können und äußerlich als Mercedes- und Volvo-Lastwagen getarnt sind; ihre Anzahl schätzte er auf zehn bis 15 Autos.

Wesentlich wichtiger war seine Mitteilung, vor geraumer Zeit seien zwei hohe syrische Offiziere aus einer geheimen Basis in Nasiriyah (60 Kilometer nordöstlich von Damaskus) mit rund 100 Kilogramm von Wirkstoffen für chemische Waffen in Richtung Libanon gefahren. Andererseits hätten zwei Libanesen hier eine Einführung in deren Herstellung bekommen – angeblich für eine Dauer von elf Monaten.

Beobachter sehen darin eine schwerwiegende Gefahr der Weitergabe an die Hezbollah, welche im globalen Terroristen-Milieu bekanntlich eine recht wichtige Rolle spielt.

Falls jene tatsächlich in den Besitz von C-Waffen käme, wäre dies eine sehr ernste Bedrohung der gesamten Menschheit! Bemerkenswert an Nasiriyah ist in diesem Zusammenhang der häufige Besuch von Maher al-Assad, dem Bruder des Präsidenten, welchem auch die Republikanischen Garden – die militärischen Elite-Einheiten des Regimes – unterstehen.

Unbemerkt von der politischen Öffentlichkeit im Westen begann Syrien bereits 1971 mit dem Aufbau seiner C-Waffen in Form des "Centre d’Études et de Recherche Scientifiques" (CERS) in Damaskus. Unterstützung bekam es von Sowjetrussland, während des Yom Kippur-Krieges zeitweilig auch von Ägypten. Etliche Jahre danach produzierte das Land erste Wirkstoffe für C-Waffen und bald auch direktes Nervengas sowie das sehr schnell tödlich wirkende Sarin.

Gewissheit der Spionagediente Israels und der USA


Um 1990 wurden verschiedene agrochemische Fabriken in Einrichtungen zu deren verstärkten Herstellung umgewandelt. Etwa sieben Jahre später hatten die Spionagediente Israels und der Vereinigten Staaten die Gewissheit, dass Syriens C-Waffen-Programm unter der Leitung von CERS in Damaskus, Homs und Aleppo Produktionseinrichtungen besaßen zur Herstellung von Sarin, Senfgas, Tabun und gewiss ebenfalls vom giftigsten Nervengas VX, welches zu einem qualvollen Erstickungstod führt.

Experten unterstellen, das Land sei in der Lage, jährlich einige Hundert Tonnen chemische Wirkstoffe zu produzieren. Man glaubt, dass Damaskus heutzutage neben Artilleriegranaten besonders die SS-21-Raketen sowie die Scud-Raketen mit C-Waffen bestückte Gefechtsköpfe ausstatten und verschießen könne.

Will Assad, wie einst Hitler, wirklich sein eigenes Volk in seinen Untergang mitreißen und der totalen Vernichtung preisgeben?

Seit einiger Zeit laufen Geheimverhandlungen in Washington und Amman zwischen hohen Militärs mit dem Ziel, dass in einem solchen Fall jordanische Spezial-Einheiten die chemischen Waffen im Nachbarland sichern. Deren Standorte seien allesamt bekannt, betont der Westen immer wieder.

Ein Irrtum könnte indes tödlich sein…


Friedrich-Wilhelm Schlomann


Der Autor:

Dr. Friedrich-Wilhelm Schlomann (Jahrgang 1928) ist Fachjournalist und Autor zahlreicher Bücher über Geheimdienste (Auswahl: "Was wusste der Westen?", "Information Warfare - Grenzen und Gefahren des Internets für Wirtschaft, Gesellschaft und Militär",  "Die heutige Spionage Russlands", " Die Maulwürfe. Noch sind sie unter uns, die Helfer der Stasi im Westen", "Operationsgebiet Bundesrepublik", "Die Ostblock-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland", "Im Fadenkreuz östlicher Spionage").

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