"Die EU muss ihre 'hard power' weiterentwickeln"
Auf der Tagesordnung des Nato-Gipfels in Chicago standen kontroverse Themen wie die Abzugs...
Lesen Sie weiter
Die Koreanerin Won-ok Gil (84) ist eine der letzten überlebenden "Trostfrauen". Nach fünfzigjährigem Schweigen über die Zeit in japanischen Militärbordellen reist sie um die Welt - zur Zeit ist sie in Berlin - und kämpft mit Europas Hilfe um die Wiederherstellung der Würde (Foto: Darren Boyd, ANU College of Asia and the Pacific)
Aktuell - Montag 9 August 2010 - Globales Europa
Viel Zeit bleibt nicht mehr: Von den 200.000 Mädchen, die im Asien-Pazifik-Krieg zur Prostitution für japanische Soldaten gezwungen wurden („Trostfrauen“), leben nur noch ein paar Dutzend. Won-ok Gil, eine der letzten noch reisefähigen Betroffenen, war in Berlin und baut auf europäische Solidarität, wie sie EurActiv.de schildert.
„Ich will erst sterben, wenn die sich entschuldigt haben“, sagt Won-ok Gil, als sie in Berlin an das Schicksal der „Trostfrauen“ erinnert. Fast alle betroffenen Frauen sind bereits verstorben. Auch von den Tätern ist fast niemand mehr am Leben.
Zwar habe es bereits persönliche Entschuldigungen japanischer Ministerpräsidenten gegeben, aber nie eine Stellungnahme im Namen der Regierung oder des japanischen Volkes oder gar des Tenno. Mit der neuen japanischen Regierung sieht sie erstmals eine Chance – deshalb will sie mit Hilfe Europas den Druck auf Japan verstärken.
Einen kleinen Fortschritt erreichte das „Courage Kim Hak-Soon Aktionsbündnis zur Aussöhnung im Asien-Pazifik-Raum“ am Freitag in Berlin auf einem Peace Festival am Alexanderplatz: Die japanische Botschaft in Berlin war zur Podiumsdiskussion eingeladen und sagte zu, einen Vertreter zu entsenden, allerdings mit der Bedingung, dass er nicht namentlich genannt werde. Tatsächlich war ein junger Diplomat präsent, wenn auch anonym. Die Botschaft war sogar mit der öffentlichen Erwähnung einverstanden, dass sie – gleichsam verdeckt – anwesend sei.
Das japanische Militär verschleppte ab dem chinesisch-japanischen Krieg (ab 1931) und während des Asien-Pazifik-Kriegs (1937 bis 1945) mehr als 200.000 Mädchen und Frauen im Alter von 11 bis 29 Jahren an die Kriegsfronten. Sie meisten Mädchen, die für japanische Militärbordells zwangsrekrutiert wurden, stammten aus Korea, viele aus Taiwan, China, den Philippinen, Burma und anderen Ländern.
Nach der Kapitulation 1945 ließ das Militär die wenigen überlebenden „Trostfrauen“ einfach in den Frontländern zurück. Nur einige schafften die Rückkehr in ihre Heimat.
Japan bestritt dieses Vorgehen zunächst. 1993 musste es die Tat eingestehen, nachdem umfangreiche Dokumente aus der Bibliothek des japanischen Verteidigungsministeriums durch Professor Yoshiaki gefunden worden waren. Sie belegen, dass Militär und Regierung offiziell die Einrichtung der Bordelle und die Rekrutierung der Frauen befohlen hatten.
Doch Japans Regierung hat bis heute keine offizielle gesetzliche Regelung für eine Entschädigung in Angriff genommen. Ein Teil der Politiker und die Rechte behaupten nach wie vor, es habe sich um echte Prostituierte gehandelt, die ihre Dienste freiwillig angeboten und sogar viel Geld dafür bekommen hätten.
Fünfzig Jahre lang schwiegen die Betroffenen und behielten das Trauma für sich. Nicht nur die Frauen selbst, auch die Opferstaaten schwiegen kollektiv.
Zum Durchbruch kam es erst 1991, als die ehemalige „Trostfrau“ Kim Hak-Soon keine Verwandten mehr hatte, denen ihre Geschichte hätte Schaden bereiten können. Sie sprach das Schicksal der Sexsklavinnen erstmals im Fernsehen öffentlich an.
Won-ok Gil aus Pjöngjang, heute 84 Jahre alt, war als Dreizehnjährige nach China verschleppt worden, um dort den japanischen Soldaten als „Comfort Woman“ – sogenannte Trostfrau – gefügig zu sein. Sie hatte keine Namen, sondern - wie alle anderen Mädchen - nur eine Nummer. Die Männer standen Schlange, viele Mädchen wurden schwer krank, litten unter sexuellen Misshandlungen, viele starben, viele wurden getötet, viele verübten Selbstmord.
1945 kam Gil als Achtzehnjährige zurück. Es folgten fünfzig Jahre Schweigen. Keine der betroffenen Frauen sprach über die erlebte Gewalt. Niemand kümmerte sich um sie. Seit siebzig Jahren leiden sie und die anderen unter den unbeschreiblichen Erlebnissen. „Bis heute können wir keine Nacht ruhig schlafen, jede Nacht werden wir von Alpträumen geplagt.“ Erst 1998 ließ sich Gil – als 71-Jährige – als Opfer registrieren.
Alle ehemaligen Trostfrauen sind nun über achtzig Jahre alt. Zur Zeit leben von den Südkoreanerinnen, die sich als Opfer haben registrieren lassen, nur noch 83. Fast keine von ihnen ist mehr zu weiten Reisen fähig. Gil reist trotz ihrer Gebrechlichkeit um die Welt und will auf das Unrecht aufmerksam machen – auch um auf das oft kriegstypische Schicksal von Frauen in anderen Ländern, auch in Europa, zuletzt in Bosnien-Herzegowina und Kosovo, aufmerksam zu machen und ihnen eine Stimme zu geben.
Weitere Überlebende gibt es in Nordkorea (Anfang 1990 meldeten sich auch dort knapp 200 Frauen.) Auch in Taiwan, Indonesien, China, auf den Philippinen etc. sind einige noch am Leben. Eine genaue Anzahl zu bekommen, ist nicht möglich.
„Ich reise, so lang ich kann, durch die Welt, damit den Frauen nicht immer, wenn es Krieg gibt, solche schmerzhaften Sachen widerfahren.“
„Die meisten von uns sind pflegebedürftig und können nicht einmal allein auf die Toilette gehen. Nur noch ganz wenige können reisen. Aber so lang einige von uns noch am Leben sind, hoffen wir, dass die japanische Regierung ihren Fehler eingesteht und uns angemessen entschädigt.“
Sie sitze nicht gerne hier, um darüber zu reden, sagte sie zu EurActiv.de, „aber ich möchte, dass die japanische und auch die koreanische Regierung die Geschichte richtig darstellen. Deshalb werden wir nicht aufhören, darum zu kämpfen.“ Die „Trostfrauen“ wollen durch eine offizielle Entschuldigung nicht nur ihre Ehre zurückhaben, sondern auch den nachfolgenden Generationen „etwas Schönes weitergeben und nicht so hässliche Themen hinterlassen“.
„Wir brauchen nichts zum Anziehen oder zum Essen, wir brauchen die Wahrheit!“ Dazu wollen sie auch in Europa mit Hilfe von internationalen Organisationen Druck auf die japanische Regierung aufbauen.
Nach dem Regierungswechsel in Japan von 2009 sehen sie eine reelle Chance zu einem Gesetzesbeschluss. Schon 14 Mal war ein Gesetzesentwurf im japanischen Oberhaus eingebracht worden, stets ohne Erfolg. Auf der jetzt regierenden Koalition unter der Führung der Demokratischen Partei ruhen alle Hoffnungen. Die „Trostfrauen“ hoffen auf den Durchbruch noch in dieser Legislaturperiode, „vielleicht sogar schon in den nächsten Monaten“.
Das Europäische Parlament hat 2007 bereits eine Resolution verfasst. Eine Resolution habe aber keine politische Kraft, so Gil. Die japanische Regierung habe darauf auch keinerlei Reaktion gezeigt. Allerdings gebe es seit März 2008 in einigen japanischen Städten (etwa Sapporo oder Osaka) Bürgerrechtsbewegungen, die die „Trostfrauen“ unterstützen.
In seiner Entschließung forderte das Europäische Parlament „die japanische Regierung zur formellen, eindeutigen und unmissverständlichen Anerkennung, Entschuldigung und Übernahme historischer und rechtlicher Verantwortung für die von ihrer kaiserlichen Armee praktizierte Nötigung junger, weltweit als Trostfrauen bekannt gewordener Frauen, zur sexuellen Sklaverei während der Kolonial- und Kriegsbesetzung in Asien und auf den Pazifischen Inseln in den 1930er Jahren und für die Dauer des Zweiten Weltkriegs auf“.
Am 11. August findet in Seoul, der südkoreanischen Hauptstadt, die 930. Demonstration vor der japanischen Botschaft statt. Seit 1992 kämpft die Kundgebung um die Rechte der „Trostfrauen“ und fordert eine offizielle Entschuldigung ein. Sie wird diesmal von einer Mahnwache in Berlin flankiert.
Ewald König
Europäisches Parlament:
Entschließung „Gerechtigkeit für Trostfrauen“
Europäisches Parlament:
Protokoll der Sitzung vom 4. November 2009 zu den Beziehungen mit Japan
Mindmap
Comfort Women (englisch)
Homepage
Friedensfestival
Fotoserie über in China zurückgelassene "Trostfrauen" von
Sehong Ahn

Auf der Tagesordnung des Nato-Gipfels in Chicago standen kontroverse Themen wie die Abzugs...
Lesen Sie weiter14 September 2012 11th Dialogue on Science Future Cities: Technologie, Gesellschaft und die Akteure des Wandels
29 Juni 2012 5th EUROPEAN SUMMER ACADEMY FINANCIAL CONTROL OF EU FUNDS
28 Juni 2012 BDEW Kongress vom 26. bis 28. Juni 2012 in Berlin: Energie- und Wasserwirtschaft diskutiert mit Politik
Zur Übersicht