"Die EU muss ihre 'hard power' weiterentwickeln"
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Takahiro Shinyo ist "der" Deutschland-Spezialist Japans (Foto: KAS/Lüders)
Aktuell - Montag 6 Dezember 2010 - Globales Europa
Auf der Liste der außenpolitischen Strategien Japans steht Europa nicht an erster Stelle. Das hat weniger mit schwindender Bedeutung Europas zu tun als mit den vielen Krisen auf dem eurasischen Kontinent. Japans Botschafter in Deutschland, Takahiro Shinyo, erläutert die Prioritäten seines Landes.
Dass sich der sechzigjährige Botschafter Takahiro Shinyo Deutschland eng verbunden fühlt und überdies perfekt Deutsch spricht, ergibt sich aus seiner Vita: Er hat in Göttingen Völkerrecht studiert und war in seiner diplomatischen Laufbahn bereits drei Mal in Deutschland eingesetzt, bevor er vor zwei Jahren Missionschef in Berlin wurde.
Auf der Liste der Prioritäten der außenpolitischen Strategie Japans steht Europa nicht an erster Stelle. Das hat weniger mit schwindender Bedeutung Europas zu tun als mit den vielen Krisen auf dem eurasischen Kontinent. Die Regionen dieses Kontinents, die zwischen der westlichen Kante mit Finanz- und Eurokrise und der östlichen Kante mit ihren Sicherheitskrisen liegen, seien voll von Konflikten, meinte Takahiro Shinyo in einem Gespräch mit Journalisten des Fachausschusses Europa des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin.
Darüber stülpe sich eine Vertrauenskrise, mit der niemand gerechnet habe: Zum Vertrauensverlust infolge der Bankenkrise habe sich soeben auch noch eine Wikileaks-Krise gesellt.
Europa und Japan verbinde, dass beide seit sechs Jahrzehnten so gut wie keinen Krieg gehabt hätten. Sowohl Japan als auch Europa hätten sich jedoch darauf konzentrieren müssen, ihre eigene Region zu sanieren. Da habe es genug Aufgaben und Probleme gegeben, die viele Konzentrationsprozesse nötig gemacht hätten.
Botschafter Shinyo meinte: „Die Europäer erkennen aber, dass in Asien auch nicht nur Hoffnungen und Chancen vorhanden sind, sondern auch ein gewisses Risiko besteht. Das haben sie schon selbst gesehen.“
An erster Stelle der außenpolitischen Agenda Japans steht jedoch das Bündnis mit den USA. Der Japanisch-Amerikanische Sicherheitsvertrag sei nun fünfzig Jahre alt und habe infolge der aktuellen Koreakrise mehr Bedeutung denn je.
Die Beziehungen zu den USA seien aber nicht ganz problemfrei. Die Streitfrage um die amerikanischen Stützpunkte auf Okinawa sei noch offen. Auf Okinawa, bewohnt von einer Million Menschen, konzentrierten sich so viele US-Stützpunkte, dass die Bevölkerung unter vielen Unannehmlichkeiten leide und die Verlegung der Militärbasen fordere. Die japanische Regierung habe bisher nur versprechen können, die Problematik zu prüfen. Es scheine aber nicht realistisch, dass die Militärstützpunkte tatsächlich verlegt werden könnten.
Drängendere Probleme für Japan seien die Nuklearpolitik Nordkoreas und die Aufrüstung Chinas. Aus dem jüngsten Militärschlag der Nordkoreaner gegen eine südkoreanische Insel dürfe kein Krieg werden. Aus japanischer Sicht sei die koreanische Halbinsel immer schon ein Platz gewesen, auf dem oder um den herum Kriege ausgebrochen seien. Die Region um Korea sei stets ein potenzieller Kriegsherd. „Daher müssen wir die koreanische Stabilität unbedingt wahren, sonst haben wir eine sehr, sehr ernste Krise“, sagte Shinyo.
Der chinesischen Regierung komme in der Koreafrage eine außerordentlich große Verantwortung zu, allein schon wegen des Ständigen Sitzes Pekings im Weltsicherheitsrat. Ob China jedoch diese Verantwortung auch trage, sei bisher noch nicht zu erkennen gewesen. „Wie lang funktioniert das Stillhalten noch? Wo ist China? Seine Verantwortung muss gezeigt werden, und zwar mit Überzeugungskraft!“
Mit der Volksrepublik China steht Japan im Konflikt um die Senkaku-Inseln. Tokio beharrt darauf, dass diese Inseln immer schon in japanischem Besitz gewesen seien. Die Inseln seien unbewohnt, es gebe keine Anzeichen, dass sie jemals unter der Herrschaft Chinas gestanden seien. Bis 1970 sei dies auch nie strittig gewesen. Erst als auf dem Festlandsockel des Ostchinesischen Meeres Erdölvorkommen entdeckt worden seien, habe China die Inseln für sich beansprucht.
Auch mit Russland gebe es Konflikte. Dmitri Medwedew habe im November als erster Präsident Russlands eine umstrittene Kurilen-Insel besucht und damit einen Eklat mit Japan ausgelöst. Tokio legte in aller Form Protest dagegen ein. Mittlerweile sei der Streit wieder leiser geworden, so der Botschafter, „aber das Problem bleibt bestehen.“
Japan verfolge das Konzept einer friedlichen Ostasiatischen Gemeinschaft. Dazu gehörten „ASEAN+3“, „ASEAN+6“ und EAS. Im einzelnen: Die Staaten der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations, Verband Südostasiatischer Nationen), ergänzt um Japan, China und Korea, bilden ASEAN+3, und zusammen mit Neuseeland, Australien und Indien bilden sie ASEAN+6. Damit fast identisch ist der EAS-Prozess (East Asian Summit), eine Gruppe von 16 (demnächst 18) ostasiatischen Staaten, die sich alljährlich nach den Treffen der ASEAN-Staats- und Regierungschefs zu einem eigenen Gipfeltreffen versammeln.
Im Jahr 2011 sollen auch die USA und Russland in die sicherheitspolitische Struktur Südostasiens einbezogen werden, was als „ASEAN+8“ nach Ansicht von Beobachtern für Selbstbewusstsein der Region und ein Gegengewicht zu China sorgen dürfte. Zumindest Russlands Mitgliedschaft im EAS ab 2011 steht nach Angaben von Shinyo fest.
Weitere außenpolitische Größen sind der UN-Sicherheitsrat, ferner der G8- und der G20-Gipfel, dann das herausragende bilaterale japanisch-deutsche Verhältnis (das im nächsten Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert), und erst danach scheint die Beziehung Japans mit der Europäischen Union zu kommen. Vor allem als Wertegemeinschaft sieht sich Japan mit der EU verbunden.
Japan dürfte in der EU indessen in erster Linie die führende Rolle Deutschlands sehen. Für diese deutsche Rolle in Europa ist Japan sogar dankbar, da die Europäer nicht immer einer Meinung seien.
In Klimapolitik und Zollabbau wollen die Japaner eine neue Basis der Zusammenarbeit schaffen und eng mit Deutschland kooperieren. Im Jahre 150 der Freundschaft beider Länder will Japan Deutschland „neu entdecken“, betont der Botschafter und meint damit konkret, dass japanische Unternehmen auch die neuen Bundesländer als Standort wahrnehmen sollten.
2011 jährt sich die Unterzeichnung des Freundschafts- und Handelsvertrages zwischen Japan und Preußen im Jahr 1861 und damit der offizielle Beginn des Austausches zwischen Japan und Deutschland zum 150. Mal. Die Botschaft und die Generalkonsulate Japans in Deutschland bereiten eine Reihe von Veranstaltungen vor, damit "150 Jahre Japan - Deutschland" zur weiteren Stärkung der bilateralen Beziehungen beiträgt. Die offizielle
Website für "150 Jahre Japan-Deutschland" präsentiert Informationen zu allen Jubiläumsveranstaltungen und zu den aktuellen bilateralen Beziehungen.
Ewald König
Links
Lebenslauf von Japans Botschafter
Takahiro Shinyo
Onlinemagazin
„Neues aus Japan“ vom Dezember 2010
Homepage
150 Jahre Freundschaft Deutschland - Japan

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