"Luxemburg ist kein Steuerparadies"
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Der Strand von Elafónissos (Kreta). Den Sommer kann den Griechen niemand nehmen. Foto: Tobman / pixelio.de.
Aktuell - Montag 26 Juli 2010 - Finanzen und Wachstum
Die Leichtigkeit des Seins ist in Griechenland verflogen. Die immer noch vom Staatsbankrott bedrohten Griechen müssen an allen Ecken und Enden sparen. Im Herbst könnten die Proteste zunehmen.
"Augen zu und trotz Krise - Urlaub! Was immer im Herbst auf uns zukommt, ist unabwendbar", meint Kostis Voyatzis, ein 56 Jahre alter Grieche, der mit seiner Familie im Hafen von Piräus auf eine der Fähren zu den Ägäisinseln wartet. Die Urlaubskasse ist aber dieses Jahr deutlich knapper. Und kürzer sind die Ferien auch. "Nur acht Tage. Mehr können wir uns nicht leisten", sagt Voyatzis. Bis noch vor zwei Jahren fuhr er sogar mit Frau und Kind mindestens zweimal je drei Wochen in den Urlaub.
"Es waren die goldenen Zeiten der Leichtigkeit des Grieche-in-Griechenland-Seins", meint er mit leicht traurigem Blick. Das ist vorbei: Die Griechen müssen den Gürtel enger schnallen. Anderenfalls droht die Staatspleite. Wegen des riesigen Haushaltsdefizits und der drückenden Schulden sollen bis Ende 2012 insgesamt 30 Milliarden Euro gespart werden. Löhne und Gehälter wurden gekürzt. Die Mehrwertsteuer ging von 19 auf 23 Prozent rauf. Allein die Steuern auf Tabak und Spirituosen sind in jüngster Zeit dreimal gestiegen.
Doch an diesem Tag läuft die Fähre nicht mehr aus. Die Seeleute streiken überraschend. "Wir wollen mehr Geld", schreien einige Dutzend Seeleute und blockieren die Gangways zu den Fähren. Resigniert ziehen die wartenden Urlauber mit ihrem Gepäck wieder ab. "Na, dann kommen wir morgen wieder", meint Voyatzis. Auf dem Heimweg springen ihn an den Zeitungsständen die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen an: "Die Stunde der Wahrheit schlägt im September", heißt es in einem Blatt. Andere Zeitungen prophezeien "gewaltige Streiks und noch nie dagewesene Unruhen im Herbst".
"Wenn wir denen (der Boulevardpresse) glauben, dann können wir gleich einpacken und auswandern", meint ein Passant. So mancher Grieche, der jung ist und auch gut ausgebildet, hat das bereits getan. Der Chemieingenieur Aris Ioannidis (30) und seine Freundin, die Architektin ist, leben jetzt in Mailand in Norditalien und wollen dort auch bleiben. "Hier haben wir Arbeit gefunden und verdienen vernünftiges Geld", sagte Aris. Daheim waren es nur 700 Euro, seine Freundin war arbeitslos. "So kann man keine Familie gründen", sagt er. Jetzt kann das junge Paar Zuwachs planen.
Die ganz großen Streiks sind im Juli ausgeblieben. "Wir hatten sechs große Streiks seit Jahresbeginn. Da kann keiner weitermachen. Wir kommen aber wieder", sagte der Generalsekretär der Gewerkschaft der Staatsbediensteten (ADEDY) Ilias Iliopoulos.
Viele Griechen fürchten, dass das dicke Ende der Krise im Herbst erst noch kommt. Dass es weitere Massenstreiks gibt, vielleicht sogar Unruhen, wenn erst die volle Wucht der Sparprogramms spürbar wird. Dass es nach dem Ende des Sommers, wenn die Touristen weg sind, Kündigungen hagelt.
Die regierenden Sozialisten versuchen die von der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfonds IWF verordnete Medizin zur Genesung des Patienten in die Tat umzusetzen. Erstmals seit Gründung des modernen griechischen Staates 1832 zählt die Regierung ihre Staatsdiener. Bis vergangenen Freitag waren etwa 750 000 gezählt worden. Ein Beamten-Wasserkopf, wenn man bedenkt, dass in Griechenland elf Millionen Menschen leben. Darunter sind sogar noch etwa eine Million Ausländer.
Nach der Bestandsaufnahme der Beamten hofft der Staat, seine Bediensteten künftig effektiver einsetzen zu können. Neue Beamte sollen vorerst nicht dazukommen. Auch Steuerfahnder sind unterwegs und jedem auf den Fersen, der ein Luxus-Leben führt und eine 30 Meter lange Jacht besitzt, aber gleichzeitig angibt, er verdiene nur 10 000 Euro im Jahr.
"Ich hoffe, dass die Schattenwirtschaft ans Tageslicht kommt. Das könnte uns retten", sagt der Präsident der Gewerkschaft des privaten Sektors (GSEE), Giannis Panagopoulos, in Athen. Die Schattenwirtschaft wird auf mindestens 40 Prozent der offiziellen Wirtschaftskraft geschätzt. Panagopoulos meint sogar, sie sei noch größer. "Würden alle diese Steuerhinterzieher zahlen, würden wir heute nicht vor dem Bankrott stehen", sagt er.
Die Regierung unter Ministerpräsident Giorgos Papandreou scheint zwar Erfolge zu erzielen, doch es ist ein Kampf an vielen Fronten. Die Kontrollen der Experten von IWF, EU und EZB ergaben, dass Griechenland zwar auf dem richtigen Weg, die Krise jedoch längst noch nicht überwunden ist. Im Gesundheitswesen und bei den Krankenkassen herrschen chaotische Zustände. Ärzte werden noch immer bestochen. Medizinunternehmen verkaufen den griechischen Krankenhäusern ihre Produkte zu drei- und vierfach höheren Preisen als anderswo.
Die Stimmung ist dementsprechend gedrückt. "Depressiv sind wir aber trotzdem nicht", sagt Tolis Nikolaou, Barbesitzer in Athen. "Der Retsina-Wein ist immer noch superbillig und der Ouzo auch. Ich gehe in die nächste Taverne, und die Krise ist vorbei. Wir lachen mit Freunden über uns selbst. Das ist die beste Medizin gegen die Krise. - Unser Sommer ist süß, und den kann uns niemand wegnehmen", sagt er und eine leichte Brise streicht vom Meer her sanft über die Stadt.
Von Takis Tsafos, Athen (dpa)
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