Auf Kompromisssuche vor dem Entscheidungsgipfel
"Wachstum" heißt das Schlagwort beim informellen Rat am Mittwochabend. Da die Mittel und W...
Lesen Sie weiter
Wie ist der Banken-Stresstest zu bewerten? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der grüne EU-Abgeordnete Sven Giegold (R) ziehen unterschiedliche Schlüsse. Fotos: dpa
Aktuell - Montag 26 Juli 2010 - Finanzen und Wachstum
Die positive Bilanz des Banken-Stresstests steht in der Kritik. Der grüne Finanzexperte Sven Giegold wittert Lobbying gegen strenge Eigenkapitalanforderungen und wirft Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) "über-optimistische Kommentierungen" vor. Experten diskutieren die Verkleinerung und Entflechtung der Banken.
Befürchtete Kurseinbrüche blieben nach dem
Stresstest für Europas Banken aus. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
zieht eine positive Bilanz: "Die breite Teilnahme am Stresstest und die Offenlegung der Ergebnisse ist ein wichtiger Schritt für mehr Vertrauen auf den Märkten." Die Transparenz über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Banken habe sich damit deutlich erhöht.
"Es ist ein positives Signal, dass ausnahmslos alle teilnehmenden deutschen Banken die aufsichtsrechtlichen Anforderungen auch im unwahrscheinlichen Fall eines schweren Wachstumseinbruchs erfüllen", so Schäuble. "Bei Bewertung der Ergebnisse ist zudem zu beachten, dass beim Sonderfall HRE die bereits eingeleitete Neustrukturierung beim Stresstest noch nicht berücksichtigt werden konnte."
Bei den am Freitagabend veröffentlichten Test-Ergebnissen des europäischen Aufsichtsgremiums CEBS fielen sieben der 91 überprüften europäischen Banken durch (
EurActiv.de vom 23. Juli 2010). Es waren die Auswirkungen verschiedener Stressbedingungen auf die Kapitalausstattung der Banken untersucht worden. Eine generell höhere Eigenkapitalausstattung der Banken und dickere Kapitalpolster für besonders risikoreiche Geschäfte sind Kernpunkte der internationalen Bemühungen, das Finanzsystem weniger krisenanfällig zu machen. Entscheidungen dazu sollen im Herbst auf dem Gipfel der 20 führenden Schwellen- und Industrieländer in Südkorea fallen.
Schäuble mahnt trotz des insgesamt erfreulichen Ergebnisses des Stresstests weitere Fortschritte bei der Konsolidierung des Landesbankensektors an.
Die positive des Bilanz des Finanzministers stößt auf heftige Kritik. "Aufgrund der schwachen und unrealistischen Kriterien in den Stresstests sind sie nicht geeignet, Transparenz zu erhöhen oder das Vertrauen an den Märkten zu verbessern",
erklärt Sven Giegold, wirtschafts- und finanzpolitscher Sprecher der Grünen im EU-Parlament. Der simulierte Konjunktureinbruch sei vergleichsweise harmlos ausgefallen.
"Ein echter Staatsbankkrott eines EU-Mitgliedslands wurde in den Stresstests nicht modelliert", so Giegold. "Vielmehr beschränkte man mögliche Verluste im wesentlichen auf das Handelsbuch, obwohl 90 Prozent der Staatsanleihen im Anlagebuch gehalten werden". Schließlich hätten die Bankenaufseher auf eine Offenlegung der Verluste aus der letzten Krise verzichtet. "Ein dreistelliger Milliardenbetrag an nötigen Abschreibungen ist hier im Falle der Fortsetzung der Krise in den Büchern realistisch". Das Europäische Bankensystem erweise sich weiterhin als unterkapitalisiert.
Giegold kommt zu dem Schluss: "Angesichts dieser Tatsachen sind die über-optimistischen Kommentierungen von Bundesfinanzminister Schäuble unangebracht." Sie dienten den Banken vielmehr als Schützenhilfe bei ihrem Lobbying gegen strenge neue Eigenkapitalanforderungen. "Wir brauchen keine Beruhigungspillen, sondern eine europäische Schuldenbremse für Banken", so Giegold.
Experten mahnen ebenfalls weitere Reformen an. Die Prüfungen hätten zwar gezeigt, dass einige Banken sehr ordentlich mit Kapital ausgestattet seien, sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im
Deutschlandfunk. "Auf der anderen Seite wäre es sinnvoll, dass man insgesamt die Eigenkapitalregeln auf eine robustere Basis stellt." Die Krise habe gezeigt, dass aus sicheren Aktiva wie Staatsanleihen sehr schnell unsichere werden könnten. Deshalb hätte die Unterlegung mit Eigenkapital zu einem bestimmten Prozentsatz unabhängig vom Risiko der Anlagen Vorteile, sagte der Ökonom.
Bofinger forderte zudem eine Entflechtung der Banken. Die Institute seien extrem vernetzt. Die Folgen des Zusammenbruchs eines Geldhaus auf andere seien bei dem Stresstest nicht untersucht worden. Finanzinvestor und Ex-Dresdner-Bank-Vorstand Leonhard Fischer tritt für eine Verkleinerung der Banken ein. "Ich würde ganz schnöde die Bilanzsumme begrenzen", sagte Fischer der
"Welt am Sonntag". Ziel müsse es sein, "die Tendenz zu immer größeren Banken zu stoppen."
Vor einem Stillstand bei wichtigen Finanzmarktreformen warnte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Es könnte jetzt "fatalerweise der Eindruck entstehen", man brauche diese Reformen nicht mehr. "Dafür waren die Tests viel zu selektiv und sind die Ergebnisse viel zu positiv", sagte Zimmermann
"Handelsblatt Online". So seien lediglich Wertabschläge bei den Staatsanleihen und Konjunktureinbrüche simuliert worden, Immobilienkrisen und das Versagen der Rohstoffmärkte seien nicht berücksichtigt worden.
awr mit rtr/EurActiv.com
Deutschlandfunk:
"Hier ist ein riesiges Geflecht zwischen Banken entstanden". Wirtschaftsweiser Bofinger fordert zusätzliche Stresstests für stabiles Finanzsystem (24. Juli 2010)
Welt am Sonntag:
RHJ-Chef will die Größe von Banken begrenzen (25. Juli 2010)
Handelsblatt:
"Ergebnisse viel zu positiv": Top-Ökonomen uneins über Deutung der Banken-Stresstests (24. Juli 2010)
Standard:
Nach dem Stresstest. Trotz fünf Durchfallern kein Stress in Spanien (25. Juli 2010)
EU-Kommission / EZB / CEBS:
Questions & Answers 2010 EU-wide stress testing exercise (23. Juli 2010)
CEBS:
2010 EU-wide stress testing. Alle Dokumente (23. Juli 2010)
Bundesbank:
Stresstest für deutsche Banken. Übersicht (23. Juli 2010)
BaFin:
Stresstest für deutsche Banken. Übersicht (23. Juli 2010)

"Wachstum" heißt das Schlagwort beim informellen Rat am Mittwochabend. Da die Mittel und W...
Lesen Sie weiter14 September 2012 11th Dialogue on Science Future Cities: Technologie, Gesellschaft und die Akteure des Wandels
29 Juni 2012 5th EUROPEAN SUMMER ACADEMY FINANCIAL CONTROL OF EU FUNDS
28 Juni 2012 BDEW Kongress vom 26. bis 28. Juni 2012 in Berlin: Energie- und Wasserwirtschaft diskutiert mit Politik
Zur Übersicht