EurActiv.de

Anzeige

Sektionen

Services

Über uns

Medien-Partner

Anzeige

Finanzen und Wachstum


Rückt eine neue Finanzarchitektur auf dem G20-Gipfel in Toronto näher? Hinter den Kulissen wird um Eigenkapitalregeln, Steueroasen und Bankenabgaben gekämpft. Foto: Astrid Haindl / pixelio.de.

Rückt eine neue Finanzarchitektur auf dem G20-Gipfel in Toronto näher? Hinter den Kulissen wird um Eigenkapitalregeln, Steueroasen und Bankenabgaben gekämpft. Foto: Astrid Haindl / pixelio.de.

Aktuell - Dienstag 22 Juni 2010 - Finanzen und Wachstum

Deutsche Position vor G20-Gipfel

Finanzmarkt-Regulierung - Zwischenetappe Toronto

Es ist nichts passiert - so das oft gehörte Credo zur Finanzmarktregulierung. Tatsächlich dauern die in der Krise angestoßenen Reformen Jahre. Berlin sieht zwar auch den G20-Gipfel in Toronto nur als "Zwischenetappe", die Regulierung insgesamt aber auf dem richtigen Weg. Die Bankenabgabe könnte weltweit kommen, die Finanzmarktsteuer hat auch in der EU viele Gegner. EurActiv.de gibt einen Überlick.

Anzeige

Vor demOpens external link in new window Treffen in Toronto wird in Berlin bereits darüber nachgedacht, wie sich das G20-Format auch in "normalen" Zeiten erhalten und ausbauen lässt - und zwar dann, wenn der "Druck der Krisenbewältigung" schwindet. Diese Überlegungen scheinen erstaunlich, sind die Lehren aus der Finanz- und Wirtschaftskrise doch noch keineswegs gezogen - so zumindest die gängige Auffassung der Experten. Gerade erst warnten EU-Abgeordnete: "Ohne angemessene politische Antwort auf die Finanzkrise erhalten alle möglichen Formen des Populismus Nährstoff, die mehr auf Emotionen als auf Vernunft basieren." (Opens external link in new windowEurActiv.de vom 21. Juni 2010).

Die bisherige Antwort der G20 auf die Finanzkrise ist nicht leicht zu analysieren. Zum einen steckt der Teufel im Detail - in unzähligen Berichten, Empfehlungen, Folgeabschätzungen und Vorschlägen auf nationaler wie internationaler Ebene (Einen Überblick gibt der FSB-Bericht: Opens external link in new window"Progress since the St Andrews meeting in Implementing the G20 Recommendations for Strengthening Financial Stability"). Zum anderen zieht sich die Umsetzung einer neuen Finanzarchitektur in die Länge.

Auch der kommende Gipfel in Toronto ist nur eine "Zwischenetappe" auf dem Weg zum Opens external link in new windowG20-Gipfel in Seoul im November, hieß es am Dienstag aus Regierungskreisen in Berlin. In Seoul sollen die großen Beschlüsse endlich fallen. Schon jetzt verweist die Bundesregieung auf Erfolge:

Beteiligung des Finanzsektors an künftigen Krisenkosten


Die Chancen für eine internationale Bankenabgabe scheinen weit besser zu stehen als die einer Finanzmarktsteuer. Noch sträuben sich Australien, Kanada und einige Schwellenländer gegen den Opens external link in new windowVorstoß der EU (Opens external link in new windowEurActiv.de vom 18. Juni 2010). Ihre Banken kamen sicher durch die Krise, sie sehen keinen Handlungsbedarf.

Berlin argumentiert daher "vorwärts gewandt". Die Abgabe soll nicht die vergangenen Krisenkosten kompensieren, sondern zukünftige Kosten abfangen. Aus Opens external link in new windowSicht der deutschen Expertengruppe 'Neue Finanzmarktarchitektur' unter Leitung des ehemaligen Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, geht es bei der Bankenabgabe nicht einmal primär um die Einnahmen. "Dass dabei nebenbei auch Einnahmen für den Staat abfallen, ist nicht der Hauptzweck, ist aber eine nicht unwichtige Begleiterscheinung", so Issing. 

Hauptziel ist vielmehr, die Risikobreitschaft der Banken in vernünftige Bahnen lenken, indem besonders risikofreudige Akteure mehr bezahlen. Möglicherweise lassen sich die G20 mit diesem zukunftsgerichteten Ansatz überzeugen. 

Selbst wenn die G20 sich nicht auf eine Bankenabgabe verständigen können, scheint die Umsetzung innerhalb der EU zumindest möglich. Allerdings meldete Italien Protest an. Ministerpräsident Silvio Berlusconi nannte die Idee "lächerlich". Das italienische Bankensystem kam sicher durch die Krise, die Steuerbelastung für Banken ist in Italien bereits vergleichsweise hoch. Auch Tschechien bleibt skeptisch.

Eine Finanzmarktsteuer - also eine Finanzaktivitäts- oder eine Finantransaktionssteuer - scheint dagegen kaum Chancen auf Erfolg zu haben. Hier bremst nicht nur Kanada, sondern auch die USA. Auch der Europäische Rat konnte sich nicht auf eine klare Position vor Toronto einigen, auch weil Großbritannien bremste. Die Einführung einer globalen Finanztransaktionssteuer soll nun "sondiert und weiter ausgestaltet werden", heißt es recht schwammig in den Opens external link in new windowSchlussfolgerungen (S.7) des vergangenen EU-Gipfels.

Zumindest sind sich Berlin und Paris bei dieser Frage einig. "Frankreich und Deutschland werden dazu aufrufen, an einer internationalen Einigung über eine globale Finanzmarktsteuer, zum Beispiel eine Finanztransaktionssteuer, zu arbeiten", schreiben Merkel und Sarkozy in einem gemeinsamenOpens external link in new window Brief an den kanadischen Premier Stephen Harper

Sollte die Steuer international scheitern, ist auch die Umsetzung auf EU-Ebene keineswegs ausgemacht. Großbritannien und Schweden sind noch nicht überzeugt. 

Das "Herzstück" - Eigenkapital und Liquidität


Auch wenn Steuern und Abgaben für die Finanzmärkte im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, sind die neuen Eigenkapitalregeln für Banken das "Herzstück der Reformen", heißt es aus Regierungskreisen in Berlin. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht hat hierzu im Dezember 2009 Opens external link in new windowVorschläge gemacht. Es werde in Zukunft mehr und "besseres" Eigenkapital in den Banken geben, scheint man sich in Berlin sicher. Das ganze System werde dank der neuen "Kapitalpuffer" krisenfester. Noch sind die neuen Regeln allerdings in der Prüfung.

Der internationale Bankenverband (IFF) Opens external link in new windowdroht der Politik vor Toronto, die neuen Regeln würden die Konjunktur abwürgen. "Eine rasche Einführung der Vorschläge des Basel-Komitees hätte einen bedeutenden negativen Einfluss auf Wirtschaftswachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen", heißt es in einer Opens external link in new windowIIF-Studie. Mehr Sicherheit im Finanzsystem habe auch ihren Preis - und der müsse von der Realwirtschaft getragen werden, so der IIF.

Im Detail rechnet der IIF damit, dass das Wirtschaftswachstum in den USA, der Euro-Zone und Japan bis 2015 um drei Prozent niedriger ausfallen würde, sollten die neuen Regeln kommen. Außerdem würden rund 9,7 Millionen neue Arbeitsplätze weniger entstehen. 

In Berlin verweist man auf den Fahrplan, der auf dem Gipfel in Pittsburgh beschlossen wurde. Demnach werden die neuen Regeln spätestens Ende 2010 in Seoul beschlossen und mit Übergangsfristen bis 2012 umgesetzt. "Es war immer vereinbart, dass diese Standards erst nach der Krise in Kraft treten", heißt es aus Regierungskreisen mit Blick auf Risiken für die konjunkturelle Erholung. 

IWF-Reform


Als Erfolgsbeispiel für 'Lehren aus der Krise' wird in Berlin die Reform des Internationale Währungsfonds (Opens external link in new windowIWF) genannt. Die Stimmrechte haben sich zugunsten der Schwellenländer geändert. Die Reserven wurden von 50 auf 588 Milliarden Dollar aufgestockt. Damit soll der IWF für küntige Krisen gewappnet sein.  

Systemically Important Financial Institutions (SIFIs)


"Deutliche Fortschritte" sieht Berlin auch in der Frage, wie mit Banken umgegangen wird, die so groß sind, dass ihre Pleite das ganze Finanzsystem in Gefahr bringt ("too big too fail" / TBTF). Sie werden inzwischen unter der Bezeichnung "Systemically Important Financial Institutions" (SIFIs) gefasst. Der Financial Stability Board (FSB) Opens external link in new windowarbeitet hierzu einen "Mehrkomponentenansatz" aus, der im Herbst vorgestellt werden soll. Herausforderung ist, die international höchst unterschiedlichen Institute zu reglementieren. In Toronto wird ein Zwischenbericht beraten. Eine ganze Reihe von Maßnahmen ist denkbar, damit ein Institut den Staat nicht mit seiner systemischen Bedeutung erpressen kann - etwa verschärfte Eigenkapitalanforderungen für grenzüberschreitend tätige Großbanken. 

Transparenz des Derivatehandels


Fortschritte sieht Berlin auch in der Regulierung des außerbörslichen Derivate-Handels. Das Handelsvolumen der sogenannten Over-the-counter- (OTC)-Derivate erreichte 2007 einen Höchstand von nominal 605 Billionen US-Dollar. Nun sollen sogenannte zentrale Clearingstellen (Central Counterparty / CCP) für mehr Transparenz und geringere systemische Risiken sorgen. Neue internationale Standards für die CCP wurden erarbeitet.

Im US-Kongress wird derzeit ein entsprechendes Gesetz beraten. Die EU-Kommission hat hierzu eine Opens external link in new windowKonsultation gestartet (Opens external link in new windowEurActiv.de vom 9. Juni 2010). Am 8. September will EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier Vorschläge für die Regulierung vorlegen. Auch das EU-Parlament Opens external link in new windowdrängt massiv auf neue Regeln (Opens external link in new windowEurActiv.de vom 15. Juni 2010).

Kampf gegen Steueroasen


Die Steuervermeidung der Superreichen geht unvermindert weiter. Eine Opens external link in new windowStudie der Boston Consulting Group kommt zu dem Ergebnis, dass das Offshore-Vermögen von Privatpersonen 2009 auf 7,4 Billionen US-Dollar wuchs. Berlin sieht allerdings Fortschritte in der Regulierung. Steueroasen, die "lachse" Gesetze gegen Geldwäsche und niedrige Aufsichststandards aufweisen, müssen sich demnach auf Sanktionen einstellen. Wenn es bei dem "nicht-kooperativen" Verhalten bleibe, werde es noch im Jahr 2010 ein "öffentliches Listing" dieser Länder geben, hieß es am Dienstag aus Regierungskreisen. Denkbar sei, dass Banken, die Geschäfte mit diesen Ländern machen, künftig ein höheres Eigenkapital aufweisen müssen.

Vergütung - Ende der Millionenboni?


Auch beim Thema Vergütung sieht Berlin Fortschritte. Der Financial Stability Board (FSB) hat im Auftrag der G20-Staaten im April 2009 Opens external link in new windowPrinzipien für solide Vergütungs­systeme vorgelegt. Im September 2009 folgten Opens external link in new windowStandards für die Umsetzung der Prinzipien. Nun Opens external link in new windowprüft der FSB regelmäßig die Umsetzung. Das Ziel: Vergütungssysteme sollen auf die nachhaltige Entwicklung von Unternehmen ausgerichtet sein und das Eingehen exzessiver Risiken nicht belohnen. 

Dass in der Finanzmarktregulierung nichts geschehen ist, lässt sich vor dem G20-Gipfel in Toronto wohl nicht mehr behaupten. Ob die Maßnahmen ausreichen, bleibt den Kommentatoren überlassen.

Alexander Wragge


Hinweis:

Welche Finanzmarktregulierung ist notwendig? Schicken Sie Ihre Position an die Opens window for sending emailEurActiv.de-Redaktion.

Links / Dokumente / Download


Financial Stability Board(FSB) :
Opens external link in new window Brief des FSB-Vorsitzenden Mario Draghi  an die G20: Progress on the global regulatory reform agenda (19. April 2010)

Financial Stability Board(FSB): Opens external link in new windowProgress since the St Andrews meeting in Implementing the G20 Recommendations for Strengthening Financial Stability (19. April 2010)

Financial Stability Board (FSB): Opens external link in new windowFSB welcomes US proposals for reducing moral hazard risks (22. Januar 2010)

Financial Stability Board (FSB): Opens external link in new windowFSF Principles for Sound Compensation Practices (2. April 2009)

Financial Stability Board (FSB): Opens external link in new windowFSB Principles for Sound Compensation Practices. Implementation Standards. (25. September 2009)

Financial Stability Board (FSB): Opens external link in new windowThematic Review on Compensation
Peer Review Report
(30. März 2010)

Bundesregierung: Opens external link in new windowPresseunterrichtung nach dem Gespräch der Bundeskanzlerin mit der Expertengruppe 'Neue Finanzmarktarchitektur' Video (21. Juni 2010)

Bundesregierung: Opens external link in new windowPressestatements von Bundeskanzlerin Merkel, Professor Issing und Bundesfinanzminister Schäuble (21. Juni 2010)

Bundesregierung: Opens external link in new windowGemeinsamer Brief von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy an den kanadischen Premierminister Stephen Harper (21. Juni 2010)

G20: Opens external link in new windowInternetseite

G20: Opens external link in new windowGipfel in Toronto - Übersicht

IWF: Opens external link in new windowInternetseite

EU: Opens external link in new windowSchlussfolgerungen / Gemeinsame Position zum G20-Gipfel (17. Juni 2010)

Baseler Ausschuss: Opens external link in new windowConsultative proposals to strengthen the resilience of the banking sector announced by the Basel Committee (17. Dezember 2009)

Institute of International Finance (IFF):Opens external link in new window Global Financial Industry Leaders Support Constructive Dialogue to Secure Financial Sector Stability and Economic Growth (10. Juni 2010)

Boston Consulting Group: Opens external link in new windowGlobal Wealth Report 2010 (11. Juni 2010)

Derivate


EU-Parlament: Opens external link in new  windowTransparenz und strengere Regeln für den Derivatemarkt. Pressemitteilung (15. Juni 2010)

EU-Parlament:Opens external link in new  window
Opens external link in new  windowEntschließung zum Derivatehandel (15. Juni 2010)

Bundesregierung: Opens external link in new   windowGemeinsamer Brief von Merkel und Sarkozy an Barroso Pressemitteilung (9. Juni 2010)

Bundesregierung:Opens external link in new   window Gemeinsamer Brief von Merkel und Sarkozy an Barroso (Englisch)

EU-Kommission: Opens external link in new   windowÜbersicht zur Derivate-Regulierung (Englisch)

EU-Kommission: Opens external link in new  windowKonsultation zum Derivate-Handel (14. Juni 2010)

EU-Kommission: Opens external link in new  windowPublic consultation on Short Selling and Credit Default Swaps-Frequently asked questions (14. Juni 2010)

 

RSS

Agenda

Anzeige
Anzeige