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Europa 2020 und Reformen


Die wichtigste Ost-West-Verbindung ist die A2. Nicht alle erreichen ihr Ziel (Foto: privat)

Die wichtigste Ost-West-Verbindung ist die A2. Nicht alle erreichen ihr Ziel (Foto: privat)

Aktuell - Montag 13 September 2010 - Europa 2020 und Reformen

DIE MAUER, DIE MENSCHEN UND DIE MITTE EUROPAS (51) – Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten

Tonnen, Tempo, Tod und Leben: A2 als Ost-West-Schlagader

Die Hauptschlagader zwischen Ost und West ist die A2. Nacht für Nacht schleppt sich der "Aufschwung Ost" über die wohl gefährlichste Autobahn Deutschlands. Porträt der wichtigsten Verkehrsachse nach der Wende, Protokoll eines der unzähligen Unfälle.

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Auf den Nord-Süd-Autobahnen schleppen die Deutschen ihre Wohnwagen und Bootsanhänger, Skiträger und Fahrradhalterungen mit sich.

Auf den West-Ost-Routen sind es Kräne, Maschinen und Turbinen, halbe Brücken und ganze Stadtviertel, die im Schneckentempo transportiert werden.

Vor allem die A2 von Westen nach Osten bot und bietet Nacht für Nacht ein Schauspiel mit überdimensionierten Transporten: Blaue und gelbe Blinklichter der Begleitfahrzeuge markieren jenen Weg, den die 98 Milliarden Euro jährlicher Brutto- bzw. 75 Milliarden Netto-Transferzahlungen für den Aufschwung Ost nehmen.

Der Aufbau Ost, er ist bei Nacht auf der A2 unterwegs, auf der wohl gefährlichsten Autobahn Deutschlands und der wichtigsten Verkehrsverbindung zwischen Osteuropa und Westeuropa.

Zu DDR-Zeiten Haupt-Transitstrecke

Diese Strecke war auch vor der Wende ein starker Strang. Schon zu DDR-Zeiten war die A2 (die dort A11 hieß) die wichtigste Transitverbindung zwischen Westdeutschland und Westberlin, weil sie die kürzeste war. Die DDR-Straßenbenutzungsgebühr richtete sich nach Kilometern. Zwei Drittel des gesamten Transitverkehrs hatte daher die A2 bzw. A11 zu tragen.

Damals war den Transitreisenden praktisch alles verboten. Wer zu schnell fuhr, wer die Autobahn verließ, wer die falsche Rastanlage ansteuerte, wer unterwegs Kontakt mit DDR-Bürgern aufnahm, nichts entging den DDR-Beamten auf der am gründlichsten kontrollierten Strecke des Kalten Krieges. Die Stasi-Leute sollen zur Tarnung sogar in westlichen Autotypen mit westdeutschem Kennzeichen unterwegs gewesen sein. Nur wer auf deren Nummernschild das Fehlen der TÜV-Plakette bemerkte, wusste Bescheid.

Westlimousinen auf Trabi-Jagd

Nach dem Mauerfall vervielfachte sich die Pulsfrequenz. Die "längste Treppe der Welt", wie das holprige DDR-Betonplattenband genannt wurde, war schwer überlastet.

Westlimousinen jagten Trabis. Wie die Ameisen schleppten polnische Fahrer deutsche Autowracks in den Osten ab. Streckenweise blockierten sie eine Fahrspur allein mit ihren Anhänger-Vehikeln. 

Autobahnspur als Lkw-Parkplatz

Jedes dritte Fahrzeug war ein Lkw. Schon viele Kilometer vor den verstopften Parkplätzen verparkten die Laster die Autobahnränder und quetschten den Verkehr zusammen. Illegale Imbissbuden an der Autobahn hatten Hochkonjunktur. Die A2 nach der Wende - ein rechtsfreier Raum.

Staugeplagte kannten die A2 als "längsten Parkplatz der Welt". Für die sonst Fünf-Stunden-Autofahrt Bonn-Berlin brauchte ich sogar nachts bis zu zwölf Stunden. Das Verkehrsministerium prognostizierte damals eine Verzehnfachung des West-Ost-Verkehrs binnen weniger Jahre. Viele Jahre lang wurde an der A2 gebaut, um sie sechsspurig zu führen.

Spitzenbelastung 120.000 Fahrzeuge

Die Pulsfrequenz der A2 erhöhte sich abermals, als im Jahre 2004 Polen, Tschechien und die anderen osteuropäischen Länder der EU beitraten. Da sprang die tägliche Spitzenbelastung auf der A2 von 80.000 auf 120.000 Fahrzeuge.

Die eintönige Gegend um Magdeburg, anderthalb Autostunden westlich von Berlin, schien die Lastwagenfahrer aus dem Osten am häufigsten zu ermüden. Hier hatten sie die deutsch-polnischen Grenzkontrollen etwa vier Stunden hinter sich, und bis ins Ruhrgebiet oder ins Rheinland war es noch weit.

Viele Ortsnamen an der A2, insgesamt 72 Kommunen in ganz Sachsen-Anhalt, enden dort auf "-leben", von Alleringersleben über Irxleben bis Wolmirsleben. Vermutlich ging der Zusatz "-leben" auf die äußerst fruchtbare Börde zurück oder auf das Wort "leve" mit der Bedeutung von "Besitz".

Ausgerechnet wo so viele Orte auf "-leben" enden, enden viele Leben. Dieses knapp hundert Kilometer kurze Stück der A2 in Sachsen-Anhalt gehört zu den unfallträchtigsten und blutigsten Straßen ganz Deutschlands. Pro Jahr ereignen sich allein in diesem Abschnitt mehr als tausend Unfälle, das sind fast drei pro Tag. 

Zum Beispiel dieser in Irxleben bei Magdeburg. 

Die letzte Fahrt von Waldemar Jurkiewicz

Seine letzte Lkw-Fahrt absolviert der 46-jährige Waldemar Jurkiewicz aus Polen in der Nacht zum 17. Juni.

Jurkiewicz lenkt seinen Iveco TurboStar mit dem Kennzeichen KGD 1649 Richtung Westen. Er ist gerade auf jenen baustellen- und unfallreichen Kilometern der A2 unterwegs, die durch Sachsen-Anhalt führen. Allein auf diesem kurzen Stück Autobahn sterben in jenem Juni acht Menschen. 34 Personen werden schwer verletzt. Ansonsten erfordert der Baustellenbereich von Sachsen-Anhalt "nur" fünf Menschenleben im Monatsdurchschnitt. 

Um ein Uhr nachts verliert Jurkiewicz bei Irxleben die Herrschaft auf der verregneten Fahrbahn und kommt ins Schleudern. Sein Lkw durchbricht die provisorische Mittelleitplanke, bäumt sich auf wie ein scheuendes Pferd, das Führerhaus bohrt sich in die Luft, die Scheinwerferkegel schlagen um sich. Das Monster wirft sich auf die Gegenfahrbahn, schneidet dort beide Fahrspuren quer ab und schleudert noch voll Schubenergie dem Verkehr beider Spuren entgegen. Das dauert nur Bruchteile von Sekunden. Sofort kracht auf jeder Spur ein Pkw in das Hindernis. Dahinter crasht im Stakkato ein Fahrzeug ins andere. 

Die A2 bleibt in einer Richtung vier, in der anderen sechs Stunden lang voll gesperrt, dann wird jeweils eine Fahrspur freigegeben. Jurkiewicz bleibt fast unverletzt, steht aber unter Schock.

Endstation Kilometer 106,7 

Auf der Überholspur der Gegenrichtung ist ein anthrazitfarbener Volvo 965 mit Bonner Kennzeichen unterwegs. Eine junge Frau sitzt am Steuer. Es ist eine Stunde nach Mitternacht. Der Regen und die Baustellenphasen nehmen kein Ende. Die Lenkerin und ihr Mann - es ist ihr Hochzeitstag - warten auf den nächsten Parkplatz zum Fahrertausch. Im Fonds schlafen ihre drei Söhne Florian, Sebastian und Maximilian.

Im Kombiteil liegt das Gepäck für den Kreta-Urlaub. Sie werden es nicht mehr brauchen. Denn für die fünfköpfige Familie endet bei Kilometer 106,7 die Fahrt nach Berlin. Ihr Volvo ist das erste Auto auf der Überholspur, das nahezu ungebremst in den entgegenschlitternden Lkw des Waldemar Jurkiewicz kracht.

Diese Familie ist meine Familie. Die Fahrerin ist Brigitte, meine Frau. Der Mann auf dem Beifahrersitz, der sie ablösen möchte, bin ich.

Insgesamt sechs Menschen verlieren neben und hinter uns das Leben. Heerscharen von Schutzengeln und die sprichwörtliche Sicherheit von Volvo retten das unsere. Obwohl wir als erstes Auto voll in das entgegenrutschende Monster rasen, überleben wir, wenn auch schwer verletzt, alle fünf!

In einem der Fernsehberichte über diesen Unfall bestätigt später Denis Schenk vom Wrackabschleppdienst in Hohenwartsleben: "Ohne Volvo hätte die Familie keine Überlebenschancen gehabt." (Das ist kein Product Placement für Volvo. Das ist empirische Wahrheit.) "Der gute Mann wird froh sein, dass er einen so großen Wagen hatte. Da war vorne alles weg, alles regelrecht reinmarschiert in die Fahrgastzelle", schildert Schenk. "Aber die Fahrgastzelle war so stabil, dass alle fünf am Leben geblieben sind." Die Fotos zeigen ein Wrack, das kein einziges Lebenszeichen von Insassen vermuten lässt.

Keine Bewegung

Trotz aller Volvo-Leistung: Ich kann mich nicht ein bisschen bewegen. Ich sehe, dass Brigitte lebt, aber immer wieder wegzusacken droht. Ich kann absolut nichts machen.

Mein rechter Oberschenkel ist zu einem rechten Winkel verformt, einfach abgeknickt. Der Blechsalat vor mir übt einen unerträglichen Dauerdruck auf die Bruchstelle aus. Ich kann den Sitz keinen Millimeter zurücksetzen.

Ein Lkw-Fahrer kriegt meine Beifahrertüre nicht auf. Sie bewegt sich nicht. Der Türrahmen ragt vor, wo sonst die Einfassung der Windschutzscheibe ist. Polizei und Rettung habe er per Funk verständigt, sagt der Mann.

Ich kann mich nicht einmal umdrehen. um nach den Söhnen zu schauen. Ich kann den Jüngsten, der hinter mir sitzt, nicht berühren und beruhigen. Alle drei sind erst durch den Crash aus dem Schlaf gerissen worden.

Galerie entsetzter Gesichter

Direkt neben mir, auf der rechten Fahrspur, kommt eine autobuslange Galerie totenblasser Gesichter zum Stehen. Alle starren uns entsetzt an. Es sind Litauer. Was vor uns los ist, erkenne ich nicht, weil sich die Motorhaube aufgestellt und wie ein Sardinenbüchsendeckel eingerollt hat. Sie nimmt jede Sicht. Aber diese Blicke der Litauer aus den Busfenstern, sie lassen erahnen, was sich direkt vor unserem Auto und schräg versetzt auf der ersten Fahrspur zum Anblick bietet.

Florian, der Älteste, gibt dieses durch Mark und Bein gehende Dauerstöhnen eines Bewusstlosen von sich.

Ein anderer Lkw-Fahrer kommt, registriert, dass wir noch leben, und bittet uns um Geduld: Im roten Mercedes aus Unna seien zwei Tote, und hinten sei ein Kind eingeklemmt, das man vielleicht noch befreien könne. Doch es gelingt ihnen nicht mehr. Das Kind stirbt. Eine Frau, die in Unna zu Hause geblieben ist, hat in einem einzigen Moment ihren 43-jährigen Mann, ihre 6-jährige Tochter und ihre 64-jährige Mutter verloren.

Auf der Fahrerseite unseres Volvo reißen ein paar Männer die Türen auf. Sie holen den bewusstlosen Florian heraus. Stocksteif steht er auf der nassen Autobahn, die Haut strahlt gespenstisch weiß. Das Stöhnen hört nicht auf. Der Rücken blutet aus einer tiefen Fleischwunde. Das engelsgleich weiße Strahlen zeigt den Helfern an, dass er verblutet - nach innen. Die Lunge füllt sich mit Blut. Knochensplitter haben die Lungenbläschen aufgerissen. Jemand legt ihn auf die nasse Fahrbahn und hüllt ihn mit Decken ein. Es stinkt nach Benzin und Öl.

Sebastian wird auf die Leitplanke gesetzt. Es schüttelt ihn ununterbrochen. Ihn wickeln sie in eine Rettungsfolie. Er will etwas sagen. Aber der Zustand seiner Kieferknochen erlaubt kein Wort.

Maximilian verdankt es seinem großen Plüschpinguin, dass er mit Gehirnerschütterung, blauen Flecken und Schürfwunden davon gekommen ist.

Einsatzfahrzeuge, die im Stau stecken

Der Versuch eines Helfers, Brigitte vom schmerzhaften Gurt zu befreien, misslingt. Endlich kann ich ihren Gurt auslösen. Sie kippt ständig aus dem Auto, immer wieder das Bewusstsein verlierend. Einer drückt die elektrischen Tasten links neben dem Fahrersitz, dessen Rückenlehne vertikal gebrochen ist. Er will den Sitz zurückbewegen, um ihr mehr Raum zu verschaffen. Das ist fatal: Ab diesem Moment spielt der Fahrersitz verrückt. Mehrmals vor und zurück drückend, klemmt er ihren Körper, in dem vorn und hinten fast alle Rippen gebrochen sind, unentwegt zwischen Lehne und Lenkrad ein. Meine linke Hand bekommt ihre rechte zu greifen. Ich drücke sie immer wieder. Brigitte kämpft, kommt immer wieder kurz zu sich.

Nach einer Ewigkeit sind Sirenen zu hören. Die rund vierzig Einsatzfahrzeuge haben aus beiden Richtungen - weil es ja Baustellenbereich ist und vollgestaut - größte Probleme, sich voranzukämpfen. Die Feuerwehrmänner reißen mit einem Hebelgerät endlich meine Tür aus dem Rahmen. Eine Notärztin sticht mir in die rechte Hand, ein Lastwagenfahrer muss meinen Arm hochhalten, den es unkontrolliert schüttelt. Mit der daranhängenden Fusion muss der Mann mit meinem Arm die Bewegungen der Feuerwehrleute beim Abreißen der Türe mitmachen.

Dann werden die Beine aus der Karosserie herausgeschnitten. Ich kann noch mitteilen, wo die Zehen sind, damit sie nicht abgezwickt werden. Dann gibt mir ein Unfallarzt eine Narkose. Ich wache erst nach der Operation in der Magdeburger Altstadtklinik auf, den Oberschenkel genagelt, den Körper von Kopf bis Fuß schwarz von Hämatomen, drei Bluttransfusionen. Nach Tagen taucht die Brille auf.

Lebensgefahr

Verdacht auf Wirbelsäulenfraktur bei Brigitte. Serielle Rippenfraktur vorne und hinten. Lange Zeit kleben Glaskrümel in ihren blonden Haaren, sie machen rasend beim Liegen im Spitalsbett.

Florians Schulterblatt und einige Wirbel sind angebrochen. Langsam steht fest: Keine Lähmung. Das Lebensgefährliche aber ist die zusammengeklappte Lunge. Tagelang wird über einen Schlauch Blut aus der Lunge gepumpt. Er hat Glück. Die Lunge bleibt nicht zusammen kleben wie ein entleerter Luftballon.

Sebastians Stirnhöhlenrückwand und Stirnhöhlenvorderwand sind gebrochen, Jochbein und Unterkiefer gleich mehrfach. Durch die Augenhöhle - ein Augapfel wird zu diesem Zweck herausgeholt - werden Titanplättchen an den Stirnknochen angebracht. Nach dem Wiedereinsetzen des Auges sieht Sebastian erst alles doppelt, dann schräg, später wieder normal. Sprechen kann er aber noch lange nicht.

In der Magdeburger Altstadtklinik haben die Ärzte Routine mit schweren Unfällen. Dafür sorgt Tag und Nacht die A2. Unglaublich: Keiner von uns Fünfen wird einen Rollstuhl brauchen.

Als sich die Söhne Prospektmaterial neuer Volvos in die Klinik schicken lassen, die für mehrere Wochen unser Zuhause geworden ist, studieren sie die Skizzen mit den Stahlteilen, die das Wageninnere vor der Aufprallenergie schützen sollen. Unser Volvo hat alles genauso getan, wie es in den Prospekten versprochen wird.

Eine Woche vor dem Prozesstermin wegen fahrlässiger Tötung nimmt sich Jurkiewicz, der Unglücksfahrer, in der Untersuchungshaft das Leben. Er macht sich damit zum siebenten Opfer dieses Unfalls.

Ständig Nachschub für die Unfallchirurgie

Obwohl längst sechsspurig ausgebaut, ist die A2 mörderisch geblieben. Unsere Altstadtklinik wurde Jahre später aufgelöst. Sie übersiedelte an den Standort Olvenstedt nahe Magdeburg. Das liegt sogar noch näher an dieser Ost-West-Schlagader.

Die A2 sorgt ständig für Nachschub in der Unfallchirurgie. Sooft das permanente Verkehrsrauschen ausfällt, ist die Stille mutmaßlich auf einen frischen Unfall mit Stau zurückzuführen.

Das Leben rollt weiter. Auf den West-Ost-Routen sind es immer noch Kräne, Maschinen und Turbinen, halbe Brücken und ganze Stadtviertel, die im Schneckentempo transportiert werden.

Und auf den Nord-Süd-Routen schleppt die deutsche Freizeitgesellschaft nach wie vor Wohnmobile und Bootsanhänger, Skiträger, Surfbretter und Fahrradhalterungen mit sich.

 

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

 

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