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Europa 2020 und Reformen


Täglich kamen Tausende Mauerspechte aus Berlin und der ganzen Welt und besorgten sich kleine Betonteile als Souvenir. Hammer und Meißel waren für den spezialgehärteten Stahlbeton oft zu schwach (Foto vom Juni 1990: dpa)

Täglich kamen Tausende Mauerspechte aus Berlin und der ganzen Welt und besorgten sich kleine Betonteile als Souvenir. Hammer und Meißel waren für den spezialgehärteten Stahlbeton oft zu schwach (Foto vom Juni 1990: dpa)

Aktuell - Freitag 20 August 2010 - Europa 2020 und Reformen

DIE MAUER, DIE MENSCHEN UND DIE MITTE EUROPAS (46) - Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten

Mondlandschaft mit Mauerspechten

Das halbe Berlin als terra incognita: Für die Westberliner war die Ost-, für die Ostberliner die Westseite unbekanntes Land. Die ersten Mauerdurchbrüche begleitete nicht nur das Toktoktok der Mauerspechte, sondern vor allem das Gefühl von Mondlandschaft. Nach dem Fall der Mauer: Zwei Millionenstädte in einer – und keine Orientierung.

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Hätte es damals schon Navigationsgeräte in den Autos gegeben, sie wären kollabiert. Oder die Fahrer hätten sie verzweifelt aus dem Fenster geworfen. Navis wären auch heute kaum geeignet für die Mondlandschaften einer Metropole, in der sich Straßenführung und Straßennamen ständig ändern.

Wer nach dem Fall der Mauer das echte Abenteuer suchte, musste sich schlicht in den Verkehr auf der anderen Seite stürzen. Musste sich vortasten in der unbekannten Stadthälfte, immer neuer Durchbrüche verarbeiten, immer neue Wege über den geräumten Todesstreifen wagen, neue Routen zwischen den Bezirken ausprobieren.

Täglich wechselten die geographischen Zusammenhänge, täglich änderten sich Straßennamen. Zwei Welten sollten wieder zu einer Metropole zusammenwachsen.

Ich war außerdem nicht der einzige, der ganz viel Zeit brauchte, sich daran zu gewöhnen, dass man für den deutsch-deutschen Grenzübertritt keinen Reisepass und keinen grünen DDR-Korrespondentausweis mehr benötigte.

Lotse für die Taxifahrer

Noch lang nach dem Fall der Mauer musste der Fahrgast selbst den Taxifahrer im fremden Stadtteil an sein Fahrtziel lotsen. Wenn ein Taxler überhaupt bereit war, auf die jeweils andere Seite zu fahren. Anschließend musste man ihm erklären, wie er wieder auf sein gewohntes Terrain zurückfindet.

Um zu wissen, ob und wo Nachhilfe gefragt sei, musste man den Fahrer fragen, ob er aus West- oder Ostberlin stamme. Dazu bedurfte es des Fingerspitzengefühls. Westberliner antworteten: “Westberliner.” Betonte einer: "Ich bin Berliner!", war er Ostberliner.

Keine Kunden für die Rückfahrt

Viele Westberliner Taxifahrer weigerten sich lange Zeit, in den Osten zu fahren – und umgekehrt. Die Fahrer hatten Angst vor Anfeindungen der Kollegen von der anderen Seite. Sie fürchteten, das Fahrtziel zu verfehlen. Oder nachher nicht mehr zurückzufinden. Und keine Chance auf Kunden für die Retourfahrt zu haben. Westberliner Taxler wollten natürlich keine DDR-Mark akzeptieren und hatten überdies Angst, drüben kein Benzin zu bekommen. Einige lehnten sogar aus Überzeugung Ostfahrten ab.

Die Taxifahrer mussten sich komplett umstellen. Die Ostberliner, die elf Stadtbezirke gewohnt waren, bekamen in Westberlin zwölf Bezirke dazu. Und die Westberliner Fahrer mussten sich mit den elf Bezirken im unbekannten Osten vertraut machen.  (Viel später wurden die 23 auf zwölf Bezirke reduziert.)

Über Nacht 13.000 Straßen

Plötzlich mussten sie 13.000 Straßen können und sich daran gewöhnen, dass die größte Ost-West-Ausdehnung des Stadtgebiets 45 Kilometer und die Ausdehnung in Nord-Süd-Richtung 38 Kilometer beträgt. Taxischein-Neulinge mussten nach dem Mauerfall praktisch zwei Millionenstädte auf einmal lernen.

Ich musste sehr aufpassen, wenn ich in die Leipziger Straße (im Osten) wollte, nicht in der Leibnizstraße (im Westen) abgesetzt zu werden.

Westberlin als Wüste

In den Stadtplänen der DDR-Hauptstadt war Westberlin bis 1990 als graue, gelbe oder weiße Fläche dargestellt. Terra incognita, unbekanntes Land. Da waren keine Straßen oder Plätze eingezeichnet - als wäre Westberlin unbebaute Wüste.

Auf den Stadtplänen Westberlins dagegen waren beide Teile der Stadt samt Grenzverlauf dargestellt. Einreisende in die DDR durften deshalb keine Westberliner Stadtpläne in den Osten mitnehmen. 

Täglich änderte sich die Situation, täglich kamen neue Grenzübergänge dazu, die West- und Ostberliner Bezirke verbanden. Es war spannend, mit meinem alten Öffnet externen Link in neuem FensterMazda 929 mit dem blauen DDR-Kennzeichen durch die Stadt zu pflügen und den augenfälligen Umbruch im „wilden Osten“ mit immer neuen Überraschungen zu erleben.

Vorbei an den Hinterlandmauern

Überquerte man zwischen den 3,60 Meter hohen Betonsegmenten den ehemaligen Todesstreifen, konnte man die Anlagen noch erahnen. Von der DDR-Seite kommend, sah man zuerst die Hinterlandmauer aus Beton, dann den Streifen, zuletzt die Betonfertigteilmauern mit der aufgestülpten Betonrolle, die Flüchtenden keinen Halt bieten sollten.

Zwischen den Mauern befanden sich auf dem mindestens dreißig Meter breiten Streifen folgende Hindernisse, die man nach den Durchbrüchen beim Überqueren natürlich nicht mehr zu sehen bekam:

Signalanlagen am Boden, die bei Berührung Alarm auslösten; ein übermannhoher “Kontaktzaun” aus Streckmetall, Stachel- und Signaldraht; teilweise Laufanlagen für Schäferhunde; ein Kolonnenweg, über den die Grenzposten abgelöst oder Verstärkung geholt wurden; Lichtertrasse zur Ausleuchtung des Kontrollstreifens; der gleichmäßig geeggte Kontrollstreifen, der Fluchtspuren verraten sollte.

45.000 Mauersegmente

Von den 45.000 Mauerelementen, aus denen die deutsch-deutsche Grenze in Berlin bestand, wurden tagtäglich welche abgebaut. Wo es bis zum Mauerfall nur 13 Straßengrenzübergänge, vier Bahn- und acht Wasserstraßengrenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin gegeben hatte, wurden nun immer mehr Schlupflöcher über die Grenze frei.

Zwischen der Wahnsinnsnacht vom 9. November 1989 und der Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 gab es bereits mehr als hundert grenzüberquerende Straßen über den Todesstreifen.

Dass nicht nur Durchbrüche geschaffen, sondern die komplette Mauer abgetragen werden sollte, beschloss die Volkskammer erst am 27. November 1989.

Bis die innerstädtische Grenzanlage abgebaut war - die Grenze um Westberlin war insgesamt 156 Kilometer lang, davon 44 Kilometer zwischen den beiden Stadthälften und 112 km zwischen Westberlin und dem Bezirk Potsdam - verging ein Jahr. Erst 1992 war sie auch im Berliner Umland fast vollständig abgebaut.

Abbau dauerte zwei Jahre

Als ginge den Souvenirjägern der Abbau nicht schnell genug voran, halfen „Mauerspechte“ in Kleinarbeit nach. Das Toktoktok mit Hammer und Meißel ging Tag und Nacht. Findige verkauften Betonteilchen an Touristen oder vermieteten ihnen gleich die Werkzeuge zum Selberklopfen.

Da die Mauerstücke bunt besprayt waren, mussten Touristen den Eindruck haben, die Mauer sei ein Dorado für Künstler gewesen. Das traf zwar für die Westberlin zugewandte Mauerseite zu. Die Hinterlandmauer auf der DDR-Seite aber wurde erst im November 1989 zur Leinwand. Siehe Öffnet externen Link in neuem FensterEast-Side-Gallery.

Wie gründlich die Mauerspechte werkten, sieht man heute noch an den Betonelementen in der Öffnet externen Link in neuem FensterNiederkirchstraße zwischen Wilhelmstraße und dem Martin-Gropius-Bau in Berlin-Mitte (neben dem Potsdamer Platz).

Auch die Beobachtungstürme verloren ihre Schrecken; fast alle wurden mit der Zeit demontiert.

Hunderte Straßen umbenannt

Was die Orientierung nach der Wende noch erschwert hat: Hunderte Straßen wurden umbenannt, die meisten in Ostberlin.

Schnell wurde die Leninallee zur Landsberger Allee. Allein rund um meinen Wohnblock in der Leipziger Straße tat sich viel: Der Platz der Akademie wurde in Gendarmenmarkt rückbenannt, die Otto-Nuschke- zur Jägerstraße, die Johannes-Dieckmann- zur Taubenstraße, die Wilhelm-Külz- zur Markgrafenstraße.

Die Mohrenstraße, damals Sitz des Internationalen Pressezentrums der DDR (IPZ), blieb vorerst unverändert. An der Bezeichnung reiben sich bis heute politisch Korrekte, die Mohr mit Neger und Kolonialismus gleichsetzen und den Straßennamen auf eine Porzellanmalerin ändern wollen.

Schnell veraltete Stadtpläne

Für die Verleger von Stadtplänen waren es aufregende Zeiten. Die Landkarten trugen noch lange Zeit alte sozialistische Namen. Denn die Umbenennungen erfolgten ja nicht in einem Akt, sondern nach und nach – und ließen die Stadtpläne schnell unaktuell werden.

Sich zurechtzufinden, war also eine täglich neue Herausforderung. Man musste unentwegt (hier wortwörtlich gemeint: unent-wegt) neu peilen und adjustieren, wie nach dem Fall der Mauer und den zunehmenden Durchbrüchen die Stadt zu durchqueren sei.

Viele Namensgleichheiten von Straßen

Dabei ist das Zurechtfinden in Berlin prinzipiell gar nicht so leicht. Verzweifeln lassen etwa die Mehrfachbenennungen von Straßen und Plätzen. Lindenstraße gibt es elf (!) Mal in Berlin, abgesehen von der Verwechslungsgefahr mit Lindenallee (vier Mal) oder Lindenweg (drei Mal).

Insgesamt gibt es 1.600 "echte" Namensgleichheiten in Berliner Straßen. Nimmt man -straße, -weg, -allee oder -platz dazu, wären es noch wesentlich mehr.

Ist man einmal in der richtigen Straße gelandet, irritieren die Eigenheiten der Berliner Hausnummerierung.

Die „fortlaufenden“ Hausnummern

Berlin hat zwei Systeme parallel: Einmal die allerorts gewohnte Variante mit geraden Hausnummern auf der einen und ungeraden auf der anderen Straßenseite, und einmal die heimtückische Art der fortlaufenden Nummerierung: Auf der einen Straßenseite geht es hinauf und auf der anderen wieder hinunter, sodass die Quersumme der Hausnummern immer dieselbe bleibt.

Fortlaufende Nummerierung - auch das ist hier wortwörtlich zu verstehen: Wer dieses System nicht kennt und die Häuserfront erst rauf, dann runter abschreitet, um dann festzustellen, das gesuchte Haus wäre doch gleich am Anfang einfach gegenüber zu finden gewesen, wird das System nie wieder vergessen.

Beispiel: der Kurfürstendamm. Bei der Gedächtniskirche beginnt er mit der Hausnummer 11 (die Nummern 1 bis 10 existieren nicht) und wird 3,5 Kilometer lang "fortlaufend" durchnummeriert bis Halensee. Dort springt die Zählung auf die andere Straßenseite und geht wieder ins Zentrum zurück. Wer also meint, Kurfürstendamm 224 ist "jottweedee" (janz weit draußen), der irrt. 224 liegt im Zentrum nahe der Gedächtniskirche.

Damit haben Navi-Geräte jedoch weniger Probleme, als sie mit den Mondlandschaften nach der Wende gehabt hätten - wenn es damals schon Navis gegeben hätte.

 

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

 

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Weitere Links:

 

Öffnet externen Link in neuem FensterGrenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin

Öffnet externen Link in neuem FensterStraßenumbenennungen laut Amt für Statistik Berlin/Brandenburg

Öffnet externen Link in neuem FensterSystem der Berliner Untergrundbahn

Öffnet externen Link in neuem FensterFotostrecke East Side Gallery

Öffnet externen Link in neuem FensterFotostrecke Mauerreste Niederkirchstraße

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