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Europa 2020 und Reformen


Michael Schneider:

Michael Schneider: "Der Vertrag von Lissabon hat die Rechte des Europäischen Parlaments immens aufgewertet." Foto: EP

Aktuell - Freitag 10 Dezember 2010 - Europa 2020 und Reformen

Ein Jahr Lissabon-Vertrag (10) - Kommentar von Michael Schneider

Mehr Rechte für Bürger und Parlamentarier

In welcher Verfassung befindet sich die Europäische Union? Nach einem Jahr Lissabon-Vertrag zieht EurActiv.de eine Zwischenbilanz und bietet einen Ausblick mit Gastkommentaren von EU-Experten und Politikern der Landes-, Bundes- und Europaebene. Michael Schneider, Staatssekretär des Landes Sachsen-Anhalt, fordert, dass die Chancen des neuen EU-Vertrags konsequent genutzt werden.

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Der Autor


Michael Schneider ist Staatssekretär des Landes Sachsen-Anhalt. Seit 2002 vertritt er Sachsen-Anhalt im Ausschuss der Regionen. Seit Januar 2010 ist Schneider zudem Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Ausschuss der Regionen.


Angesichts der außerordentlich schwierigen Phase seit dem Scheitern des Verfassungsvertrags 2004 ist es nun, ein Jahr nach Inkrafttreten des "Vertrags von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft", im Grunde noch sehr früh, eine wirklich belastbare politische Bilanz zu ziehen.

Die EU hatte sich eine Radikalkur verordnet und war nach der Ablehnung des Verfassungsvertrags in den Referenden in Frankreich und den Niederlanden in einer kritischeren Lage als vordem wegen der durch das Anwachsen der Union auf 27 Mitglieder überaus schwerfällig gewordenen Steuerung der EU und das von den Bürgern empfundene Legitimitätsdefizit.

Demokratische Legitimation der EU


Mit dem Vertrag von Lissabon wurde nicht nur der unbefriedigenden institutionellen Situation der EU27 begegnet. Änderungen traten in Kraft, die die demokratische Legitimation der Europäischen Union stärken und den Bürgern neue Möglichkeiten einräumen, an der Gestaltung europäischer Politik mitzuwirken. So wurde das Europäische Parlament immens aufgewertet: die Mitentscheidung wurde ausgeweitet, es bestimmt nunmehr gleichberechtigt mit dem Ministerrat über den gesamten EU-Haushalt und trägt auch für die in der globalisierten Welt besonders wichtigen Außenbeziehungen durch die Wahl des Präsidenten der Europäischen Kommission und des Hohen Vertreters für die Außen- und Sicherheitspolitik eine besondere Verantwortung. Die Grundrechtecharta ist rechtskräftig geworden. Erstmals ist mit der Europäischen Bürgerinitiative durch den Lissabon-Vertrag auch ein Element direkter Demokratie vorgesehen, dessen Ausgestaltung unter aktiver Beteiligung des Europäischen Parlaments wohl bald abgeschlossen sein wird.

Frühwarnsystem der nationalen Parlamente


Waren bereits im Vertrag von Maastricht für die EU die Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit festgelegt, werden durch den Vertrag von Lissabon vor allem die Rechte der nationalen Parlamente durch ein Frühwarnsystem gestärkt. Diese können innerhalb von acht Wochen nach einem Rechtssetzungsvorschlag der Kommission nun begründen, warum dieser Vorschlag ihrer Ansicht nach gegen den Subsidiaritätsgrundsatz verstößt. Der Bundesrat hat von diesem Instrument bereits in zwei Fällen Gebrauch gemacht. Bei Kritik von einem Drittel der Parlamente muss die Kommission ihren Vorschlag überprüfen. Neben der Subsidiaritätsrüge können die Mitgliedstaaten auch im Namen ihrer nationalen Parlamente bzw. derer Kammern Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) wegen Verstoß eines Rechtaktes gegen das Subsidiaritätsprinzip führen.

Stärkere Beteiligung des Bundesrates


Damit ist aus Sicht der Länder der 2006 auf Initiative von Kommissionspräsident Barroso ins Leben gerufene "politische Dialog" zwischen Kommission und nationalen Parlamenten, wonach die Kommission den nationalen Parlamenten ihre Konsultationspapiere und Rechtsetzungsvorschläge direkt zuleitet und sie um Stellungnahme bittet, auf eine neue Stufe gehoben. Nicht nur, dass diese vom Bundesrat bereits vielfach genutzte Beteiligungsmöglichkeit parallel zum Frühwarnsystem weiterbesteht – sie soll nach dem Willen Barrosos künftig auch auf konzeptionelle Vorschläge wie das Arbeitsprogramm der Kommission ausgedehnt werden.

Mit diesen Instrumenten gelingt es den Ländern, dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichtsurteils zum Lissabon-Vertrag hinsichtlich ihrer Integrationsverantwortung besser gerecht zu werden. Umgekehrt erhält die Kommission auf diese Weise ein klareres Bild von den nationalen politischen Land-schaften. Wir Länder sind "in Brüssel" aktiver als jemals vorher.

Es bleibt festzuhalten, dass der Vertrag von Lissabon neben seinen rechtlichen Instrumenten auf jeden Fall zu einer stärkeren Sensibilisierung - wohl nicht nur des Bundesrates - im Hinblick auf die Mitwirkung in europäischen Angelegenheiten beigetragen hat.

Neue Rechte für Ausschuss der Regionen


Mit dem Lissabon-Vertrag kann nun auch der Ausschuss der Regionen als die EU-Institution, die die Interessen der Städte und Regionen vertritt, vor dem Europäischen Gerichtshof Klage führen. Dies ist eine begrüßenswerte Stärkung der bürgernächsten Ebenen in der EU. Zugleich ist es Ausdruck der gewachsenen Rolle des Ausschusses der Regionen als Beratungsgremium der EU und eine Bestätigung dafür, dass er seine Aufgabe in den zurückliegenden Jahren auf verantwortliche Weise wahrgenommen hat.

Der Lissabon-Vertrag schafft gute Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der EU und bietet stärkere Anreize zu eigenem europapolitischen Handeln. Wir sollten diese Chancen nutzen.


Ein Jahr Lissabon-Vertrag - Die Kommentare


Georg Walter (Asko Europa-Stiftung):
Opens external link in new windowKeine Antwort auf die drängende Frage

Michael Roth (SPD): Opens external link in new windowVerfassungsromantik ade?

Markus Ferber (CSU): Opens external link in new windowHappy Birthday, Lissabon-Vertrag?

Gunther Krichbaum (CDU): Opens external link in new windowVorhaben aus Brüssel kritisch verfolgen

Almut Möller (DGAP):
Opens external link in new windowZukunft der Union liegt in ihrer Anpassungsfähigkeit

Eckart D. Stratenschulte (Europäische Akademie Berlin): Opens external link in new windowKein Ersatz für politischen Willen

Manuel Sarrazin (Grüne):
Opens external link in new windowSmells like European Spirit

Michael Link (FDP): Opens external link in new windowZeit für Streit über politische Inhalte

Rebecca Harms (Grüne):
Opens external link in new windowDeutschland als Zuchtmeister Europas

Michael Schneider (Sachsen-Anhalt):
Opens external link in new windowMehr Rechte für Bürger und Parlamentarier


Zum Thema "Deutsche EU-Kritik im Lissabon-Zeitalter" sind auf EurActiv.de erschienen:

Opens external link in new windowVerheugen: "Der EU fehlt ein überzeugendes Projekt" (20. September 2010)

Opens external link in new windowDeutsche EU-Kritik im Lissabon-Zeitalter (11. August 2010)

Opens external link in new windowWo sind jetzt die Berufspessimisten? (20. August 2010)

Öffnet externen Link in neuem FensterHelmut Schmidt: "Europa ist führungslos" (2.August)

Opens external link in new windowHabermas: Deutsche Politik ohne Europa-Vision (19. Mai 2010)

Opens external link in new windowWehrt euch gegen blanken Unsinn (11. Februar 2010) 

Opens external link in new windowEnzensberger: EU ist "grenzenlos größenwahnsinnig" (2. Februar 2010)


LinkDossier

Opens external link in new windowDer lange Weg zum Lissabon-Vertrag (LinkDossier)


Internetseiten und Dokumente

Spinelli Gruppe: Opens external link in new windowHomepage

Günter Verheugen: Initiates file downloadAntrittsvorlseung an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) (20. April 2010)

EU-Kommission: Opens external link in new windowBarrosos Rede zur Lage der EU (7. September 2010)




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