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Das Kennzeichen QA 43-01 verrät alles: QA = Korrespondent, 43 = Österreich, 01 = Bürochef. Als einziger österreichischer Korrespondent mit Akkreditierung und Autokennzeichen hatte ich selbstverständlich

Das Kennzeichen QA 43-01 verrät alles: QA = Korrespondent, 43 = Österreich, 01 = Bürochef. Als einziger österreichischer Korrespondent mit Akkreditierung und Autokennzeichen hatte ich selbstverständlich "01". (Foto: Ewald König)

Aktuell - Montag 14 September 2009 - Wahlen und Macht

DIE MAUER, DIE MENSCHEN UND DIE MITTE EUROPAS (2) - Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten

Korrespondent aus wo?

Der Frankreich-Korrespondent sitzt in Paris und berichtet über Frankreich. Der Italien-Korrespondent sitzt in Rom und berichtet über Italien. Der USA-Korrespondent sitzt in Washington und berichtet über die USA. Das war von Anfang an so. Aber der Deutschland-Korrespondent?

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Es hat sehr lang gedauert, bis man ganz einfach sagen konnte: Der Deutschland-Korrespondent sitzt in Berlin und berichtet über Deutschland.

Unbefangene ausländische Beobachter mussten sich erst an begriffliche Feinheiten gewöhnen. 1985 kam ich als 29-jähriger Journalist nach Bonn, da war mir nicht sofort klar, welche sprachlichen Fallen im Lauf der Jahre auf einen Deutschland-Korrespondenten warten würden.

Zum Beispiel Bonn

Bonn war all die Jahre nur provisorische Hauptstadt und hieß trotzdem Bundeshauptstadt. Als Regierung und Parlament von Bonn wegzogen, ließen sie das "Bundes-" zurück. Bonn darf sich seither offiziell Bundesstadt nennen. Bis dahin war es als Bundesdorf verspottet worden.

In Berlin kamen sie ohne dieses "Bundes-" an. Kein Mensch spricht von Berlin als Bundeshauptstadt. Berlin ist: Hauptstadt.

Aber lang nicht für alle. Aufschlussreich war, was der frühere Chef der Berlin-Tourismus-Marketinggesellschaft (BTM), Hanns Peter Nerger, einmal ausplauderte. Nur im Ausland werbe die BTM offensiv mit Berlins Hauptstadtfunktion, und das sehr erfolgreich. Aber in Deutschland selbst, wo sie den Inlandstourismus nach Berlin lenken wollte, vermied die BTM die Erwähnung Hauptstadt. Denn bei den Deutschen sei das Hauptstadtthema lange Jahre gar nicht gut angekommen.

Auch wenn immer noch viele Deutsche aus voller Überzeugung nicht nach Berlin fahren, das BTM-Problem scheint mittlerweile entschärft. Aber wundern darf sich ein ausländischer Beobachter schon ein bisschen.

Zum Beispiel Ehemalige DDR

Ein bemerkenswerter Reflex: Immer wenn von der DDR die Rede ist, heißt es automatisch "ehemalige DDR". Es würde doch genügen, einfach von der DDR zu sprechen. Die DDR ist genau definiert: Es gab nur die eine von 1949 bis 1990. Es gibt ja keine Nachfolge-DDR, was eine solche Differenzierung nötig machen würde.

Man sagt ja auch nicht "ehemalige Weimarer Republik", und niemand spricht von der "ehemaligen D-Mark". Es scheint, als wolle man mit dem Zusatz "ehemalige" den Ostdeutschen ständig in Erinnerung rufen, dass sie von gestern sind, Ehemalige, Vergangenheit. Es klingt, als wolle man den Beigetretenen nochmals nachtreten.

Genau genommen müsste man vielmehr von der "ehemaligen Bundesrepublik" sprechen. Das wäre sinnvoll, um die alte Bundesrepublik mit den elf von der neuen mit den 16 Bundesländern zu unterscheiden. Aber "ehemalige Bundesrepublik"? Natürlich sagt das niemand.

Zum Beispiel Neue Länder

Nach der Wende hatten manche Ostdeutsche ihre Probleme mit den neuen Bezeichnungen. Als ich den Jazzmusiker Ernst-Ludwig Petrowsky interviewte, verwechselte er konsequent die Begriffe alte und neue Länder. Es war keine Absicht. Er erklärte mir, warum er sich so oft irrte: Im DDR-Erbe sei doch alles alt und verrottet gewesen, und trotzdem müsse man dazu neue Länder sagen. Und den Westen, wo für Ossis alles neu glänzte, müsse man alte Länder nennen. "Da komme ich gefühlsmäßig immer durcheinander."

Irritierend ist das mit den “alten Ländern” auch deshalb, weil die Alterspyramide die neuen Länder zu den eigentlich alten macht. Die Ex-DDR hat einen Bevölkerungsschwund wie zu Zeiten der Pest. Die Jungen gehen in die alten Länder im Westen, und die Alten bleiben in den neuen Ländern.

Zum Beispiel Ostdeutschland

Auch "Ostdeutschland" ist nicht optimal und kann verletzend wirken: "Jetzt gehören wir endlich zum Westen, was wir doch immer wollten", meinte Burghard Mooshammer, einst Regisseur im "Palast der Republik". "Wir wollen nichts mehr hören, was mit 'Ost-' beginnt!"

Und "Mitteldeutschland"? Kann, aber muss nicht revanchistisch gemeint sein. Teils steht es für die ganze Ex-DDR als Synonym für Ostdeutschland, teils nur für die drei Bundesländer Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt. Dass der Begriff im Mitteldeutschen Rundfunk und in der Mitteldeutschen Zeitung fortlebt, regt niemanden auf. Die Bevölkerung weiß, dass ihr Territorium in Mitteldeutschland liegt, würde sich selbst aber nie als Mitteldeutsche bezeichnen lassen.

Zum Beispiel Beitrittsgebiet

Besonders Eilige sprachen lange Zeit von den "FNL", den "fünf neuen Ländern". Oder von Neufünfland. Oder immer noch von der "Zone”. Viele Funktionäre aus Politik und Wirtschaft glaubten, sich mit "Beitrittsgebiet" elegant aus der Verlegenheit zu stehlen. Auch auf amtlichen Formularen wird der Begriff gern verwendet. Wie erniedrigend es für manche Betroffene gewesen sein mag, aus einem "Beitrittsgebiet" zu kommen, hat Wessis wenig gekümmert.

Originell fand ich einen Lokalpolitiker aus Brandenburg. Er sprach in einer Pressekonferenz über die westlichen Bundesländer und sagte: "Na, Sie wissen schon, die RICHTIGEN Bundesländer..."

Zum Beispiel Bundesrepublik

Aber schon vor der Wiedervereinigung war es schwierig, sich politisch korrekt auszudrücken.

Da war Westdeutschland meist nur "die Bundesrepublik". Obwohl das wenig sympathisch klingt, weil es nur die Staatsform ausdrückt. Und dauernd "Bundesrepublik Deutschland" zu sagen, ist etwas mühsam. Das passte ja auch in keine Zeitungsüberschrift.

Zum Beispiel BRD

Doch wehe, man sagte BRD. Das provozierte viele, weil es von der DDR-Nomenklatur übernommen schien, obwohl dem Kürzel überhaupt nichts Ehrenrühriges anhaftete. Sehr wohl dagegen dem DDR-Kürzel aus westlicher Sicht, weshalb die Springer-Journalisten bis knapp vor dem Zusammenbruch des Staates die DDR stets in Gänsefüßchen setzen mussten.

In der DDR sprach man über den Klassenfeind nur von BRD und nie von Bundesrepublik.

Zum Beispiel DDR

Umgekehrt bezeichnete Erich Honecker selbst sein Land nicht als DDR, sondern konsequent als Deutsche Demokratische Republik. Wobei er das Kunststück fertigbrachte, das Wortungetüm in einer einzigen Silbe zu nuscheln.

Zum Beispiel Berlin

Die Teilung Berlins strapazierte nicht nur die Bewohner, sondern auch die Sprache. Ob West-Berlin oder Westberlin oder Berlin (West), allein schon an der Art der Ortsangabe ließ sich ablesen, a) woher einer kommt und b) wo er politisch steht.

Ostberlin beziehungsweise Berlin (Ost) hieß im Arbeiter- und Bauernstaat offiziell erst "Berlin, Hauptstadt der DDR". Später hatte man zu schreiben: "Berlin (Hauptstadt der DDR)".

Wollte man geografisch in den Berliner Norden, musste man politisch in den Osten; wollte man geografisch in den Berliner Süden, ging's in den Berliner Westen.

Zum Beispiel Westdeutschland

Auch heute noch, fast zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, sagen viele Berliner, sie fahren nach Westdeutschland (und meinen es anders, als wenn sie Süddeutschland sagen würden).

Westberliner sagen immer noch, sie fahren in den Osten, selbst wenn sie in westlicher Richtung nach Brandenburg oder Magdeburg fahren. Ganz abgesehen davon, dass Westberliner fast nie in den Osten fahren. Und umgekehrt Ostberliner nicht in den Wannsee baden gehen würden.

Aber die Himmelsrichtung ist ohnehin egal. Eigentlich ist rund um Berlin immer Osten. Und genau genommen ist Berlin es selber auch.

Zum Beispiel Wiedervereinigung

Die Namenshürden gehören sicherlich zu den kleineren Problemen der deutschen - ja, was eigentlich? Wiedervereinigung ist zwar am gebräuchlichsten, doch verweisen Puristen darauf, dass es ganz korrekt bloß Vereinigung heißen müsste.

Wie auch immer - es geschieht nicht so häufig, dass sich das Revier eines Korrespondenten von 60 auf 80 Millionen Menschen vergrößert und von elf auf 16 Bundesländer erweitert. Das passiert sonst nur Kriegsberichterstattern. 

Zum Beispiel Deutschland

Wie unkompliziert ist das heute, einfach BERLIN und DEUTSCHLAND sagen zu können. In diesem Sinne kann ein Korrespondent wie in anderen Ländern ganz normal sagen: “Ich bin Deutschland-Korrespondent und berichte aus Berlin.”

 

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung.

Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder e.koenig@euractiv.de

 

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