Schäuble für EU-Präsidenten in direkter Volkswahl
Als langfristige Antwort auf die Schuldenkrise will Wolfgang Schäuble der EU deutlich mehr...
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Markante Gebäude im ehemaligen Regierungsviertel von Bonn: Rechts der neue Posttower, daneben der "Lange Eugen", heute Sitz von 19 UN-Organisationen (Foto: Stadt Bonn)
Aktuell - Montag 4 Oktober 2010 - Europa 2020 und Reformen
Durch Berlin waberte der Geist der Geschichte, durch Bonn jagten die Schockwellen: Mauerfall, Einheitsfeiern, Hauptstadtentscheidung und Umzugsbeschluss bedeuteten für die provisorische Hauptstadt am Rhein nichts Gutes. Wer in Bonn Sympathien für Berlin zeigte, bekam schon mal lautstark zu hören: „So geh’n Sie doch! Geh’n Sie doch!"
Je mehr Jahrestage der Deutschen Einheit kommen und gehen, desto weiter rutscht Bonn als ehemalige Hauptstadt in die Fußnote der Geschichte.
Um es gleich vorwegzunehmen: Bonn geht es gut (sieht man von hausgemachten Skandalen beim Bau eines großen Konferenzzentrums und Hotelklotzes im Ex-Regierungsviertel ab). Sogar sehr gut. Die „Bundesstadt“ Bonn entwickelt sich auch ohne Hauptstadttitel und ohne Bundesregierung, ohne Bundestag und ohne Bundesrat, ohne Botschaften und ohne Pressehaus prächtig.
Bonn verzeichnet mehr Einwohner als damals, hat mehr Arbeitsplätze denn je, eine geringere Arbeitslosenquote als früher, ein höheres Durchschnittseinkommen sowie einen jüngeren Altersdurchschnitt seiner Bevölkerung als zur Zeit von Regierungspolitik und dazugehörigen Beamten.
Es ist Sitz von Konzernen, verfügt über beste Infrastruktur, ist eine Universitätsstadt mit 40.000 Studenten und sogar ernstzunehmende UN-Stadt mit mittlerweile 19 Organisationen, nachdem es anfangs wegen des UN-Fledermaus- und des Wüstensekretariats belächelt worden ist.
Noch immer sitzen sechs Bundesministerien in Bonn, nur deren „Kopfstellen“ haben eine Berliner Adresse. Noch immer arbeitet mehr als die Hälfte der Ministerialbürokratie am Rhein. Durch das Bonn-Gesetz wurde die 300.000 Einwohner starke Kommune großzügig entschädigt. Von der befürchteten Geisterstadt kann keine Rede sein.
Hans Daniels war damals Bonns Oberbürgermeister. Als ich ihn einmal interviewte, räumte er ein, dass direkt nach dem Fall der Berliner Mauer auch vielen Bonnern klar gewesen sei, dass Berlin wieder die Hauptstadt werde. Aber je länger die Diskussion lief, desto mehr Chancen glaubte er für Bonn zu erkennen. Sein Vorschlag: Bonn sollte die Bundeshauptstadt bleiben und Berlin nur die Haupt-Stadt werden. Deutschland müsse föderalistisch sein, da solle nicht eine Stadt absolut dominieren.
Es sollte anders kommen, wenn auch äußerst knapp. Nur 18 Stimmen sind im Bundestag an jenem 20. Juni 1991 ausschlaggebend. Von den 660 abgegebenen Stimmen sind 338 für Berlin und 320 für Bonn. Eine Stimme ist ungültig, und ein SPD-Abgeordneter aus Ostdeutschland enthält sich der Stimme.
In Bonn wächst der blanke Hass auf das zusammenwachsende Berlin und auf die Ossis. Die Freude über den Mauerfall (weit weg, irgendwo in Richtung Sibirien) weicht zunehmend einer gereizten Stimmung. Besonders die Entscheidung, Regierung und Parlament nach Berlin zu verlegen, sorgt für schrillen Streit.
Wohin man in Bonn auch hört, es zischen die Emotionen. In den Geschäften fallen Sätze, als sollte die ganze Wiedervereinigung so schnell wie möglich ungeschehen gemacht werden und als sei Bonn, eine der wohlhabendsten Gegenden Deutschlands, ein Armenviertel.
„Die können ihren Hintern nicht vollkriegen“, hört man über die Ossis. Bei all den – namentlich bekannten - Bundestagsabgeordneten, die sich erlaubt hätten, für Berlin zu stimmen, müsse man „einmal genau in die Steuererklärung gucken“.
Ein 33-jähriger Architekt jammert allen Ernstes, den Bonnern gehe es jetzt am schlechtesten von allen Deutschen: „Jedem Ostdeutschen wird es besser gehen als uns!“ Ein junger Zahnarzt pflichtet ihm bei: „Wir sind die eigentlichen Verlierer der Einheit!“
Ein Villenbesitzer im Diplomatenviertel Bad Godesberg ist außer sich: „Die haben jetzt alle die gesamtdeutsche Krankheit!“ Die Europäische Gemeinschaft und der Binnenmarkt „gehen flöten, weil kein Geld mehr da sein wird“. Ein anderer empört sich in breitem Rheinländisch: „Die sind doch uns beigetreten, nicht wir ihnen!“
Eine norddeutsche Hausfrau, die wegen der „Steuerlüge“ aus der CDU ausgetreten ist und deren Mann im Fall einer „Hauptstadtlüge“ das Gleiche getan hätte, wird fast aus dem Supermarkt geworfen, als sie beim Thema Berlin-Umzug einwirft, ihr Mann, Offizier bei der Bundeswehr, werde samt seiner fünfköpfigen Familie sogar alle paar Jahre dienstversetzt. „So geh’n Sie doch! Geh’n Sie doch!“ herrscht die Kassierin sie an.
Die Aussage von Finanzminister Theo Waigel (CSU), es werde wegen des Umzugs von Regierung und Parlament nach Berlin keine Steuererhöhung geben, macht misstrauisch. Nachdem Bundeskanzler Helmut Kohl gerade erst einer großen Steuerlüge überführt worden ist, ist die Bevölkerung hellhörig geworden: „Wegen Berlin gibt’s vielleicht keine Steuererhöhung, dann halt wegen Bonn!“ Gleich darauf muss sich Waigel korrigieren. Er könne umzugsbedingte Steuererhöhungen doch nicht ausschließen, weil er ja noch gar nicht wisse, wie die Umzugspläne aussähen, und die Kosten nicht kenne.
Die Bonner SPD warnt vor einer „Bonn-Lüge“ und kündigt an, die Forderungen zum Ausgleich für Verluste in der Bonner Region so hochzuschrauben, dass die Berlin-Befürworter „beim schlechten Gewissen gepackt werden“.
Ein Vulkanausbruch in der benachbarten Eifel hätte Bonn nicht schlimmer treffen können als die knappe Hauptstadtentscheidung. Die Weltuntergangsstimmung war am „Day after“ zum Greifen. Versteinerte Gesichter im Regierungsviertel verraten, wen es hart trifft. Wie am Rand eines Begräbnisses diskutieren Grüppchen die Pro-Berlin-Entscheidung.
„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann gehen“, steht an der Imbissbude in der Ladenzeile des Bundestags. Eine Sekretärin holt vom Postfach die Briefe, auf denen der Poststempel noch für Bonn als Regierungssitz wirbt: „Das müssen wir erst verdauen. Bei mir geht das wenigstens synchron mit der Rente. Aber alle anderen?“
Neben ihr schiebt sich ein verschwitzter CDU-Abgeordneter, der diesmal nicht zitiert werden will, nervös ein Bonbon nach dem anderen in den Mund. Er hat größte Bedenken: „Gestern haben wir die Bonner Republik erledigt.“ Er befürchtet „ein völlig neues Nationalverständnis“. „Die kleine, bescheidene Bonner Republik war das Wertvollste, das wir geschaffen haben.“ Nach kurzer Pause, als meine er sich selber: „Jetzt müssen wir viele Leute wieder aufbauen.“
„Ich kann mir Bonn nur noch als Geisterstadt vorstellen“, resigniert die Hilfskraft eines Abgeordneten. „Für die ganze Region ist das schlichtweg eine Katastrophe!“
Diese „Geisterstadt“ ist aber noch gar nicht fertig. Vom Nebengrundstück dröhnt der Lärm an diesem Freitag irgendwie sinnlos herüber. Bonn befindet sich gerade in einer veritablen Gründerphase. Was soll aus der Großbaustelle neben dem 29-stöckigen „Langen Eugen“ und den vielen anderen Baumaßnahmen überhaupt noch werden?
„Die großdeutschen Leidenschaftler haben sich durchgesetzt“, ätzt im Bonner Tulpenfeld eine Angestellte, deren „Ja zu Bonn“-Aufkleber an der Bürotüre die zerstörten Hoffnungen verrät. „Aber zahlen müssen wir dafür alle!“
Der Hausmeister des Pressehauses im Regierungsviertel, der legendäre Siegfried Franzen, von vielen Journalisten gern als Volkes Stimme verwendet, warnt die Politiker, denen er sonst im Saal der Bundespressekonferenz die Mikrofone einschaltet: „Die müssen sich jetzt was einfallen lassen. Denn das dauert nicht zehn Jahre. Das Pressehaus ist in vier Jahren leer!“ glaubt er zu wissen.
Auch die Großbäckerei Nicolai demonstriert ihre Abscheu. Wer Krapfen (Pfannkuchen) kaufen will, wird enttäuscht. Die werden vorübergehend nicht erzeugt. Sie heißen im Rheinland nämlich „Berliner“. Ein Modehaus dekoriert den Eingangsbereich mit Holzlatten und spielt damit aufs Brett vorm Kopf der Berlin-Befürworter an.
Als schlechter Verlierer erweist sich der Bonner „General-Anzeiger“, die wichtigste Regionalzeitung. Seitenweise waren ausschließlich Bonn-Befürworter zitiert worden, nachdem der frühere Chefredakteur wegen seiner berlinfreundlichen Haltung hatte gehen müssen. Seither war keine Meldung unwichtig genug. Selbst private Umfragen eines unbekannten Künstlers unter siebzig Freunden waren einen Zweispalter wert, einschließlich der Meldung, dass natürlich auch sein Kater für Bonn sei.
Der Leitartikel nach der Hauptstadtentscheidung war außerordentlich emotional geraten. Helmut Kohl sei nicht der Enkel Adenauers, als der er sich bezeichne, sondern jener Bismarcks.
Als die Abstimmung im Parlament abgeschlossen wird, betrete ich gerade in Berlin-Tegel die letzte Maschine nach Köln/Bonn. Sie sollte längst in der Luft sein. Verspätungen sind hier normal, der Luftraum immer überfüllt. Doch diesmal geht die Verspätung auf das Konto von drei Journalisten und drei Stewardessen. Sie hören sich gemeinsam aus einem Scheckkartenradio - Twitter gab es ja noch nicht - rasch das Ergebnis der Abstimmung an, bevor sie ins Flugzeug eilen.
Gleich in der ersten Reihe sitzt zufällig der damalige Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau persönlich. Als er das Ergebnis erfährt, weiß er sichtlich nicht, wie er reagieren soll. Ein italienischer Kameramann, dessen Frau in Bonn eine renommierte Galerie betreibt, schlägt sich entsetzt die Hände vors Gesicht. Seinem Sitznachbarn entfährt es bitter: „Das werden die noch bereuen!“
In 7.000 Metern Höhe meldet sich der Flugkapitän „an diesem historischen Abend“, nachdem man „die soeben gewählte Bundeshauptstadt“ verlassen habe. Es geht ihm wie den meisten, die vergessen, dass Berlin bereits seit dem 3. Oktober 1990 Bundeshauptstadt ist und nicht erst jetzt dazu gewählt worden ist. Er meint natürlich Regierungssitz. Aber die quälende Diskussion um Hauptstadt, Regierungs- und Parlamentssitz ist auch wirklich zu verwirrend.
Die Reaktion der Fluggäste auf die Durchsage des Piloten zeigt, dass in dieser Maschine lauter Bonner oder Kölner nach Hause fliegen. Nur ganz wenige klatschen kurz. Ein paar Stifterln Sekt reichen für die vollbesetzte Maschine. Fast niemandem ist zum Feiern zumute. Ein seltsamer Flug nach Bonn: Viele starren den Sonnenuntergang an – ein sehr schöner Sonnenuntergang – und grübeln über die privaten Konsequenzen dieser Entscheidung, mit der sie wohl nicht gerechnet haben.
Wie in einem kitschigen Film muss die Maschine über Köln/Bonn – auch hier ist der Luftraum dicht – mehrere Runden drehen. Man fühlt sich diesmal wie ein Aasgeier.
Helmut Kohl warnt davor, von Siegern und Besiegten zu sprechen. Dennoch scheinen die Gräben sehr tief zu sein. Das jüngste Mitglied der Bundesregierung, die 35-jährige Frauen- und Jugendministerin Angela Merkel, hat in der Donnerstag-Debatte die Frage aufgeworfen: „Wenn die Leute hier im Rheinland sicher sind, dass die Region sterben wird, wie sollen dann die 16 Millionen in den neuen Bundesländern Hoffnung schöpfen, dass es mit ihnen unter viel katastrophaleren Umständen aufwärts gehen wird?“
Bonn wollte wenigstens Sitz des Bundesrates bleiben, wollte neben Brüssel und Straßburg „Europastadt“ werden und Verwaltungszentrum der BRD sein. Die Rheinstadt sah sich als „geborene Kongressstadt“, als „neuen Schreibtisch für Westeuropas Wirtschaft“ und als Wissenschaftszentrum.
Dass die Wohn- und Gewerbemieten in Berlin rasch stiegen, überraschte nicht. Dass aber auch in Bonn höhere Mieten verlangt wurden, verwunderte schon. Ein Makler erklärte dies damit, dass in den nächsten Jahren natürlich kein neuer Wohnraum geschaffen und die Wohnmöglichkeit daher noch knapper sein werde. Keiner, der dienstlich nach Bonn versetzt wird, werde in der nächsten Zeit ein Haus kaufen, sondern bloß mieten.
Der prominente Gastronom Friedel Drautzburg reagierte auf die Entscheidung schnell und pfiffig: Ausgerechnet der Gründer der „Ja zu Bonn!“-Bewegung und Initiator der Donnerstag-Demonstrationen auf dem Bonner Marktplatz war unter den Allerersten, die in Berlin das große Geschäft witterten. Er gründete zusammen mit seinem Bonner Compagnon Harald Grunert die
Ständige Vertretung (StäV) am Schiffbauerdamm (gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße) und bietet in seinem polit-urigen Kölsch-Lokal direkt an der Spree nicht nur allen entwurzelten Rheinländern eine Ersatzheimat an, sondern auch den zugereisten Gästen die Hoffnung, dass sie hier rheinländische Abgeordnete treffen können. Das Konzept funktioniert, die StäV ist immer voil.
Nicht uninteressant fand ich übrigens das Ergebnis einer Umfrage unter den in Bonn akkreditierten Auslandskorrespondenten, deren Vorsitzender ich damals war. Ich stellte den Kollegen aus fast siebzig Ländern zwei Fragen: Wie wird ihrer Meinung nach die Hauptstadtentscheidung ausgehen – für Bonn oder für Berlin? Und zweitens: Welche Option würden sie persönlich bevorzugen?
Ich selbst fühlte mich zwar wohl in Bonn, war aber Berlin-Befürworter. Die Beteiligung an der Umfrage war überraschend stark, und ebenso überraschend waren die Antworten der Auslandskorrespondenten: beide Male eine Mehrheit mit Bonn-Präferenz.
Am 3. Oktober 2011 ist Bonn der Schauplatz der offiziellen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit. Da hat nämlich Nordrhein-Westfalen die Bundesratspräsidentschaft inne und richtet den 21. Geburtstag des wiedervereinten Deutschlands aus. Nicht in der Landeshauptstadt Düsseldorf, sondern in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch erwartet Hunderttausende Besucher: "Wir laden die Bürger Deutschlands herzlich ein, mit uns in der Beethovenstadt und der deutschen UNO-Stadt ein großes Fest zu feiern.” Bis dahin werden die alten Bonner Wunden längst vernarbt sein.
Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de
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Artikel von Sven Felix Kellerhoff in der "Welt": "Nicht lochen!" - Der Brief zur Einheit: Drei Tage braucht das Schreiben von Ost-Berlin nach Bonn. Doch im Kanzleramt geht etwas schief (4. Oktober 2010)
Übersicht aller bisher erschienenen Kapitel dieser Serie zum Anklicken

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29 Juni 2012 5th EUROPEAN SUMMER ACADEMY FINANCIAL CONTROL OF EU FUNDS
28 Juni 2012 BDEW Kongress vom 26. bis 28. Juni 2012 in Berlin: Energie- und Wasserwirtschaft diskutiert mit Politik
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