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Ansichtskarte aus der DDR: Am IHZ (Bild Mitte) arbeiteten Japaner, Schweden, Österreicher und DDR-Werktätige. Das Gebäude steht noch. Das Palasthotel (links) und das Ahornblatt (rechts) sind längst abgerissen (Foto: König)
Aktuell - Dienstag 19 Oktober 2010 - Europa 2020 und Reformen
Die DDR war das reinste Arbeiterparadies. Nicht für die DDR-Werktätigen, aber für die vielen Handwerker aus Schweden, Österreich und Japan, die auf Montage in Ostdeutschland arbeiteten und Stahlwerke, Interhotels und Kaufhäuser hochzogen. Die jungen Männer aus dem kapitalistischen Ausland waren bei DDR-Frauen extrem gefragt. Viele leben noch immer in Berlin. Einige wurden richtig kriminell.
„Privilegiert ist noch untertrieben“, erinnert sich der Austro-Berliner Elektrotechniker Hans Wagner an das DDR-Paradies Ende der Siebziger-Jahre. „Wir haben viel verdient, konnten jederzeit rüber, haben in Westberlin eingekauft, konnten Devisen zu guten Schwarzmarktkursen in DDR-Mark umtauschen und damit in Nobellokalen rumschmeißen und im Auto westliche Zeitungen nach Ostberlin schmuggeln.“
Nur ein einziges Problem hatten sie: Sie konnten sich der DDR-Frauen kaum erwehren.
Für die 18- bis 20-jährigen Männer, die aus tiefkatholischen Heimatdörfern stammten, die noch nie zuvor im Ausland waren, die noch nie eigenes Geld gehabt hatten, die noch nie in teuren Lokalen gewesen waren, die noch nie mit Frauen zu tun gehabt hatten, war es das Paradies. Aber nur, weil sie Handwerker aus dem NSW waren, aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet.
Mit den neutralen Ländern Schweden und Österreich hatte die DDR besondere Beziehungen. Das schlug sich in großen Aufträgen nieder. Schwedische und österreichische Firmen, aber auch japanische Konzerne errichteten Stahlwerke und Interhotels, Kaufhäuser und Tankstellen sowie das Internationale Handelszentrum (IHZ) am Bahnhof Friedrichstraße.
Mit diesen Baustellen kamen große Gruppen von Arbeitern und Handwerkern aus Schweden, Österreich und Japan in die DDR. Das waren junge, abenteuerlustige Männer. Für sie war die DDR ein Paradies.
Die Österreicher unter ihnen kamen fast alle aus dem Mostviertel in Niederösterreich. In diesen katholisch-bäuerlichen Dörfern des Voralpenlandes hatte sich schnell herumgesprochen, dass es in der DDR unglaubliche Arbeitsbedingungen gab: super Gehalt, billiges Leben, Frauen im Überschuss und überhaupt.
Vom politischen System der DDR, von den Hintergründen der deutschen Teilung hatten die Handwerker-Partien anfangs keine Ahnung. Da die Schweden, Österreicher und Japaner zusammen mit DDR-Arbeitern werkten, bekamen sie deren Lebensumstände erst nach und nach mit.
Hinter der Auftragsvergabe bei großen DDR-Projekten steckte oft politisches Kalkül. Das DDR-Regime erhoffte sich von den beiden neutralen Ländern die Pionierrolle bei der Anerkennung als Staat und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Im Falle Österreich kam hinzu, dass die DDR etwa mit Siemens nicht direkt Verträge abschließen wollte. Da suchte sich Siemens österreichische Partner, um das Geschäft unter österreichischer Flagge laufen zu lassen.
Auch die DDR-Aufträge an die Japaner hatten politischen Hintergrund, etwa der Bau des Fünf-Sterne-Interhotels "Merkur" in Leipzig mit 700 Betten. Den Zuschlag erhielt der Baukonzern Kajima-Corporation Japan. Der Auftrag war ein Gastgeschenk Erich Honeckers bei dessen Japan-Besuch 1978. Kajima errichtete von 1978 bis 1981 das knapp 100 Meter hohe Hotel mit 27 Geschossen, zehn Restaurants, japanischem Garten und Wasserspielen.
Zwischenschnitt: Nach der Wende wurde es von Inter-Continental übernommen. General Manager war damals der Österreicher Gerhard Mitrovits. Er erzählte mir, er habe vorher schon weltweit Hotels geführt und überall eine kleine UNO als Belegschaft gehabt. Dieses Leipziger Hochhaus sei sein allererstes, in dem nur Einheimische beschäftigt seien. Keine Ausländer, pures Germanien. Heute wird das Hotel von der Westin-Kette als “The Westin Leipzig” betrieben.
Auch das knapp 100 Meter hohe, 25-geschossige Hochhaus IHZ, das Internationale Handelszentrum, wurde von der Kajima-Corporation Japan errichtet.
Hans Wagner (Jahrgang 1958), heute Inhaber eines kleinen, erfolgreichen Elektrounternehmens in Westberlin, hat in seiner Heimat im niederösterreichischen Mostviertel beim Landsteiner Elektriker gelernt.
Hans war damals noch Lehrbub. Er war 18 Jahre alt, in einem kleinen Mostviertler Dorf aufgewachsen und hatte gerade erst den Führerschein gemacht. Von Österreich hatte er ein bisschen gesehen, vom Ausland noch gar nichts. Er hatte absolut keine Ahnung, was die DDR für ein Land war. Das galt für alle, die auf Montage gingen. Trotzdem beorderte ihn Landsteiner auf Montage nach Ostberlin.
Allein von Landsteiner arbeiteten mehr als zwanzig Elektriker in der DDR. Dazu kamen weitere Handwerker von weiteren Firmen.
Wie sie vom Arbeitgeber auf den Auslandseinsatz in der DDR vorbereitet worden seien? Mit nur zwei Wörtern: „Buam! Oaweitn!“ („Buben! Arbeiten!“)
Landsteiner war unter anderem für die Elektroinstallationen des 25-stöckigen IHZ am Bahnhof Friedrichstraße zuständig, das die japanische Kajima-Corporation aufgezogen hatte. Desgleichen für das Centrum Warenhaus am Ostbahnhof und für das Palasthotel neben dem Berliner Dom, das nach der Wende wieder abgerissen und durch das Radisson Blu Hotel ersetzt wurde. Außerdem lieferte Landsteiner die Zapfsäulen an zahlreichen DDR-Tankstellen.
Für die jungen Männer war es das Paradies. Ausgerechnet das kommunistische Land, das sich durch Mauerbau und Stacheldraht von der großen Welt abgeschottet hatte, empfanden die jungen Monteure so, als wären sie „plötzlich mitten in der Welt“. Die jugendlichen Österreicher aus den Mostviertler Dörfern unter gleichaltrigen Schweden und Japanern zusammen auf einer Baustelle, das war die Welt!
Sie fühlten sich voll privilegiert, es fehlte ihnen an nichts. Außer an Kenntnissen über die DDR. Was das für ein Staat war, bekamen sie erst ganz langsam mit – teils durch die Westzeitungen und den „Spiegel“, die sie unter dem Autofußbodenbelag über den Checkpoint Charlie in den Osten schmuggelten, teils durch den Kontakt mit den DDR-Arbeitern an ihren Baustellen. Über Politik redeten sie aber nie, das interessierte sie wenig.
Ihr Gehalt bekamen sie nicht in die DDR überwiesen, sondern direkt aufs heimische Konto. Aber zum Leben in der DDR erhielten sie eine „Auslöse“, eine Art Auslandszulage, in der Höhe von 1.000 D-Mark, heute rund 500 Euro. Das war unglaublich viel Geld für die jungen Männer. Erst recht, wenn sie die Devisen auf Ost-Mark eintauschten. Manchmal war der Umtauschkurs auf dem Schwarzmarkt so gut, dass sie für die 1.000 DM „Auslöse“ eines Monats sogar 12.000 Ost-Mark bekamen – abgesehen vom Gehalt in der Heimat (das freilich gering war).
Zum Vergleich: Die DDR-Arbeiter auf der gleichen Baustelle, die schon eine Familie zu ernähren hatten, bekamen damals zwischen 400 und 600 DDR-Mark. Und natürlich keine „Auslöse“.
„Wir gingen in die feinsten Lokale“, erzählt der Eletriker Hans. „Wir waren im Lindencorso, wo die Frauen scharf auf Westhaberer (= Freunde aus dem Westen) waren. Wir waren in der Karl-Marx-Allee in der Nachtbar vom Café Moskau, wo sonst nur Diplomaten saßen und alles extrem teuer war. Für uns war das so gut wie nichts wert.“
Bei den „Einlassern“ in den ostdeutschen Lokalen – sie ließen die Gäste warten, bevor sie sie „platzierten“ – waren die jungen Monteure beliebte Gäste. Sie konnten die Warteschlangen vor dem Lokal ignorieren, sagten bloß „Hallo Norbert!“, drückten ihm einen Zehner in die Hand und hatten sofort ihren Tisch.
Die Montage auf der IHZ-Baustelle hatte die jungen Arbeiter zur festen Clique zusammengeschweißt. Keiner wollte heim, als das IHZ fertig war und das Visum ablief. „Wir wollten alle bleiben - wegen des schönen Lebens in der DDR.“
Alle suchten sich neue Jobs auf ostdeutschen Baustellen, an denen ausländische Firmen tätig waren. Hans und viele seiner Kollegen landeten bei schwedischen Arbeitgebern. Die Schweden errichteten damals unter anderem das Kaufhaus „Centrum Berlin Ostbahnhof“ (heute Galeria Kaufhof) und das Palasthotel (heute Radisson Blu). Dazu kam, dass die Ladeneinrichtung für das „Centrum“-Warenhaus von der Firma Umdasch kam, einem Amstettner Unternehmen, ebenfalls im Mostviertel in Niederösterreich ansässig, der Heimat der Handwerker.
Die jungen Monteure aus Österreich und Schweden hatten so viel Geld zur Verfügung, dass sie auf Westberliner Seite gerne das Spielcasino (damals im Europa Center neben der Gedächtniskirche) besuchten. Mal gewannen, mal verloren sie. Auf jeden Fall wurden sie so glücksspielsüchtig, dass sie sogar auf ihren Ostberliner Baustellen mit einem Spielzeug-Roulette um viel Geld spielten.
Hans erinnert sich an eine Glückssträhne, in der er einmal so viel Geld gewann, dass er alle Kumpel in die „Jägerklause“ beim Ostbahnhof zum Wildschweinessen einlud. Dort setzte sich die Glückssträhne fort: In der „Jägerklause“ lernte er Christine kennen, die junge Optikerin, die bald darauf seine Frau wurde.
Jeder seiner nächtlichen Besuche bei Christine wurde von der Hausbuchbeauftragten – einer Art Blockwartin, deren Namen Hans nie vergessen wird - protokolliert. Christine fand alle Eintragungen später in ihren Stasi-Akten wieder.
Ansonsten hatte die Staatssicherheit die jungen Männer aus dem NSW offenbar in Ruhe gelassen.
Die schwedischen Kollegen konnten durchwegs gut deutsch sprechen. Die Österreicher freundeten sich schnell mit ihnen an und lernten die wichtigsten schwedischen Wörter. Damit waren nicht Begriffe aus der Arbeitswelt gemeint, sondern aus der Damenwelt. Denn auch die Schweden hatten offenbar nichts am Wegesrand liegen gelassen. Oft hatten sie sogar Beziehungen auf beiden Seiten der Mauer parallel laufen.
Gewohnt haben die Schweden und die bei den schwedischen Firmen arbeitenden Österreicher im „Schwedenhotel“. So nannten sie das Arbeiterwohnheim in der Leninallee, der heutigen Landsberger Allee, schräg gegenüber dem neuen (österreichischen) Hotelkomplex „andel’s“.
Nicht nur an die Schweden, auch an die Japaner erinnern sich die Österreicher gern zurück, mit denen sie beispielsweise auf der IHZ-Baustelle arbeiteten. Auch die Japaner konnten gut deutsch. Sie beeindruckten die europäischen Kollegen, weil sie sich ohne Gurte in schwindelerregender Höhe auf den Stahlträgern bewegten.
Sie hatten einen eigenen japanischen Koch in ihrer Kantine (der später ebenfalls nach Westberlin ging).
Die Japaner verbeugten sich jeden Morgen vor den schwedischen und österreichischen Kollegen zur Begrüßung. Hans Wagner erinnert sich, wie sie ihn stets mit „Wagnersan“ ansprachen, japanisch für „Herr Wagner“ oder „Meister Wagner“. Die Japaner beteiligten sich übrigens leidenschaftlich gern an den Saufgelagen der Schweden und der Österreicher.
Hans Wagner fühlte sich „wie der Kaiser von China“: Als Elektriker hatte er mehrere Baustellen in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), im vogtländischen Dorf Mehltheuer und anderen Orten gleichzeitig zu betreuen. Daher hatte er einen Firmenwagen zur Verfügung – aber kein DDR-Auto und keinen VW-Bus, sondern einen amerikanischen Van mit niederösterreichischem Kennzeichen. „Ich glaub, es war ein Dodge. So etwas haben die Leute dort noch nie gesehen gehabt, und dann steig ich als Zwanzigjähriger aus!"
Als dann auch bei den schwedischen Firmen (Svenska Elektrogruppen Malmö und Elektro Sandberg) die Arbeit aus- und das DDR-Visum wieder abgelaufen war, suchte und fand die Partie Arbeit in Westberlin.
Die verschwenderischen Zeiten im Arbeiterparadies waren aber jäh vorbei. In Westberlin war das Geld schnell knapp. Die Männer wohnten gedrängt in einer Wohnung auf der westlichen Seite der Friedrichstraße, kauften Schmalz und das billigste Brot und hatten gerade noch ein paar Münzen, um daheim anzurufen und um Geld zu betteln.
Nicht nur viele Österreicher, auch viele Schweden haben DDR-Frauen geheiratet, und viele sind in Berlin geblieben. Die Motive fürs Heiraten waren aber unterschiedlich:
Manche Ehen kamen tatsächlich aus Liebe zustande und halten heute noch. Dazu gehören übrigens Hans Wagner und seine Christine.
Manche Ehen kamen vereinbarungsgemäß nur pro forma zustande und wurden sofort wieder geschieden, kaum dass die DDR-Frau über der Grenze im Westen war.
Und manche Ehen kamen aus Naivität zustande: Er heiratete sie aus Liebe, wogegen sie ihren Frischgetrauten aus dem Westen nur als Vehikel zur Ausreise benutzte und sich sofort wieder absetzte. Diese DDR-Frauen machten sich einfach die mangelnde Lebenserfahrung der jungen Burschen vom Lande zunutze.
Über die Eheschließungen mit den ausländischen Handwerkern war die DDR übrigens nicht erfreut. Sie ließ sich schikanöse Prozeduren einfallen. Im Falle der Österreicher mussten Dokumente wie Geburtsurkunde und Staatsbürgerschaftsnachweis in einem Spießrutenlauf auf allen Ebenen beglaubigt werden: in der Heimatgemeinde, in der Bezirkshauptmannschaft, auf der Ebene des Landesregierung, bei den zuständigen Bundesbehörden und zuletzt auch noch an der Botschaft der DDR in Wien.
Auch die Ausreise war schikanös: Die jungen Ehepaare durften nicht direkt von Ost- nach Westberlin ziehen, sondern mussten über das Drittland Tschechoslowakei ausreisen. Die Kofferinhalte mussten penibel aufgelistet werden: 1 Paar Socken rot, 1 Paar Socken weiß, 1 Unterhose gestreift... Und am CSSR-Übergang dauerte die Prozedur mehrere Stunden, in denen eiskalte DDR-Grenzer jedes Detail der Inventarliste überprüften und viele Fragen stellten.
Zu Hause im Mostviertel war man anfangs stolz auf die jungen Männer auf Montage. „Des sand Hund’, de Buam!“ (Das sind Hunde, die Buben!), hieß es anerkennend in der Heimat.
Allerdings rechtfertigten nicht alle „Buam“ den Stolz ihrer Familien und Nachbarn im Dorf. Manche wurden vom Leben arg gebeutelt, manche sogar richtig kriminell.
Ihre Namen kenne ich, ich muss sie hier aber nicht unbedingt aufzählen. An sich war keiner von ihnen ein „geborener Verbrecher“. Aber der ungewöhnliche Lebensweg überforderte manche „Buam“, sie rutschten ab.
Der eine, selbst ein armer Schlucker, gründete in der Dominikanischen Republik mit einem betrügerischen Partner eine Bank. Ein anderer wurde als Drogenkurier erwischt, in New York eingesperrt und dann nach Österreich abgeschoben. Einer hatte sich so sehr verschuldet, dass er von einer Luxushotel-Baustelle in Westberlin trotz strengster Bewachung von Handtüchern über Mikrowellenherd bis hin zu einem Tresor (!) alles stahl und weiterverkaufte. Einer wurde, während er in Haft saß, von seiner Ostberliner Ehefrau verlassen, wobei sie seine Konten und die Lebensversicherung abräumte.
Einer, der Bauernbub Peppi R. aus der Gegend von Seitenstetten im Mostviertel, nennt sich seit seiner Elektriker-Karriere zu DDR-Zeiten Freiherr von D. zu S., wobei sich im letzten Teil seines noblen Pseudonyms ein kleines Lehen-Grundstück in seiner einschichtigen Heimatgemeinde wiederfindet. Er lebt unbeanstandet als Freiherr in Berlin. Niemand kennt hier seinen wahren Namen Peppi R. und seine niedrige Herkunft.
Zu den schillerndsten und zugleich traurigsten Figuren gehörte Karl T. alias Kart Touff. Er war einer von der jungen Mostviertler Partie, die 1977/78 als Elektriker auf Montage in die DDR ging. Von seinem Ostberlin-Abenteuer bis zur Überführung seiner Asche aus der Dominikanischen Republik in sein Mostviertler Heimatdorf spannte sich ein filmreifes Leben.
Erst hatte T. ebenfalls im Auftrag des Elektrounternehmers Landsteiner in Ostdeutschland gearbeitet. Dann heuerte er bei einer schwedischen Firma an und war auf der „Centrum“-Baustelle am Berliner Ostbahnhof beschäftigt.
Mit dieser schwedischen Firma ging er anschließend auf Baustellen nach Libyen und in den Irak, dann machte er in Westberlin Station.
Wie die anderen jungen Männer seiner Partie war auch Karl T. den Reizen einer Sächsin erlegen. In seinem Fall war es Andrea aus Leipzig. Ihr Vater war ein hohes Tier bei der Stasi. Um Karl aus dem kapitalistischen Ausland heiraten zu können, musste sich Andrea von ihrem Vater lossagen. Karl und Andrea hatten drei Söhne.
Sofort nach der Wende kauften Andreas Vater und Karl T. – wie es viele andere hochrangige Stasi-Funktionäre taten - Stasi-Immobilien zum Spottpreis, renovierten sie und verkauften sie teuer weiter. Dabei machten sie in Rekordzeit Millionengewinne. „Das war der Beginn von T.s Imperium und seinem Hang zu teuren Autos“, erzählt einer seiner damaligen Freunde.
Das Immobilienimperium geriet in Schieflage. Karl T. musste sich immer öfter vor Kunden verstecken, die er übervorteilt hatte. Die Schulden häuften sich. Als er sich Mitte der neunziger Jahre in die Dominikanische Republik absetzte, begleiteten ihn Andrea und die drei Kinder noch.
Doch die hielt es nicht lang. Mit Hilfe eines befreundeten Rechtsanwalts (von einer Interessensgemeinschaft T.-Geschädigter) kehrten sie zurück. Die Aktion soll den Charakter einer Geiselbefreiung gehabt haben. Karl tauchte für ein, zwei Jahre in Kolumbien unter. „Aber auch von dort musste er über Nacht abhauen, sonst wäre er weggeräumt worden.“
Obwohl er seinen Namen auf Kart Touff geändert und die österreichische, dann deutsche und schließlich die dominikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte und obwohl er stets mit einer Steyr Mannlicher bewaffnet gewesen sein soll, wurde er am 12. März 2008 um zehn Uhr morgens in der Playa Laguna, dem Strand von Sosúa bei Puerto Plata, mit einer Machete regelrecht enthauptet.
Auch seine zweite Ehefrau - María Dolores Rodríguez Ceballos, genannt Lolita, eine Mexikanerin, die er trotz aufrechter Ehe mit Andrea geheiratet hatte - wurde dabei verletzt. Die Täter, drei oder vier Männer und eine Frau, dürften aus Rache gehandelt haben. Denn alle Käufer von Wohneinheiten in einem Komplex in der Playa Laguna dürften von „Kart Touff“ betrogen worden sein. Sie hatten ahnungslos gar kein Eigentum an den Wohnungen erworben und mussten sogar für seine hinterlassenen Schulden haften. Nach Angaben der Polizei soll es indes ein gewöhnlicher Raubüberfall haitischer Krimineller gewesen sein.
Mit Hilfe österreichischer Behörden wurde die Urne mit seiner Asche im Frühjahr 2010 nach Euratsfeld in Niederösterreich überführt. Das ging sehr diskret vor sich. Niemand im Ort außer der Mutter, seinen Schwestern und dem Dorfpfarrer erfuhr davon. In aller Stille wurde er beigesetzt.
(Wäre ich im Filmgeschäft, ich würde aus diesem Kapitel einen Film produzieren, einen mit Untertiteln...)
Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de
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