Schäuble für EU-Präsidenten in direkter Volkswahl
Als langfristige Antwort auf die Schuldenkrise will Wolfgang Schäuble der EU deutlich mehr...
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Ungarns Botschafter József Czukor (R) im Gespräch mit EurActiv.de-Chefredakteur Ewald König und den Redakteuren Alexander Wragge und Michael Kaczmarek (v.r.n.l.). Foto: Marko Cubelic
Aktuell - Montag 21 März 2011 - Europa 2020 und Reformen
Die erste Halbzeit der ungarischen Ratspräsidentschaft verlief schwierig. Im Interview mit EurActiv.de plädiert Ungarns Botschafter József Czukor für mehr Fairness im Umgang mit seinem Land. Czukor definiert, welche Ziele die EU bis Ende Juni erreichen sollte. Außerdem spricht er über die Ursachen der zunehmenden EU-Skepsis und über die strukturellen Probleme Ungarns.
József Czukor ist seit Dezember 2010 Botschafter Ungarns in Deutschland.
In Ungarn gibt es drei Millionen arme Menschen, die weniger als 300 Euro monatlich verdienen. Darunter sind 700.000 Sinti und Roma. Die Roma sind in den vergangenen 20 Jahren sozial und wirtschaftlich an den Rand der Gesellschaft geraten.
Die Arbeitslosigkeit unter den Sinti und Roma ist in Ungarn und in allen Ländern, die ähnliche Probleme haben, drei bis vier Mal höher als die durchschnittliche Arbeitslosenquote.
In Europa leben zwischen zehn und zwölf Millionen Roma. Es ist also nicht nur ein ungarisches Problem. Auch die Zahl der Roma in Berlin nimmt zu. Die Armutsbekämpfung und die Lösung des Roma-Problems im Rahmen der Europa-2020-Strategie sind uns besonders wichtig.
EurActiv.de: Hat Ungarn das Ziel inzwischen aufgegeben, die Schengen-Erweiterung um Rumänien und Bulgarien gegen die deutsch-französischen Widerstände bis Juni durchsetzen zu wollen?
CZUKOR: Die Ratspräsidentschaft bleibt ambitioniert. Wir wollen eine politische Entscheidung für den Schengen-Beitritt von Rumänien und Bulgarien bis Ende Juni im Europäischen Rat oder im Rat der Justiz- und Innenminister. Diese politische Entscheidung ist uns sehr wichtig. Wann der Beitritt konkret erfolgen wird, ist eine andere Frage. Falls Nachholbedarf besteht, müssen die Regierungen in Bukarest und Sofia sich schnell bewegen und zeigen, dass sie die Anforderungen für den Schengen-Beitritt voll erfüllen. Andererseits darf der Prozess nicht hinausgezögert werden. Beide Länder haben sich bemüht und versucht, sich auf den Beitritt vorzubereiten.
Die EU-Erweiterung um Kroatien ist uns ebenfalls sehr wichtig. Wenn die Kroaten die letzten Probleme, die noch ausstehen, lösen, dann sollten die Beitrittsverhandlungen noch während der ungarischen Ratspräsidentschaft abgeschlossen werden.
Ungarn bereitet sich zudem auf den nächsten Gipfel der Östlichen Partnerschaft vor, der während der polnischen Ratspräsidentschaft stattfinden wird. Aber es geht nicht nur um die östliche, sondern auch um eine neue südliche Nachbarschaftspolitik. Die politischen Veränderungen in Nordafrika haben Konsequenzen für Europa.
Europa und die EU sind ein Vorbild: Der Export des europäischen Modells ist die beste Antwort auf Ihre Fragen. Es geht darum, das Modell der EU so attraktiv zu halten, dass es diese positive Auswirkung auch auf Staaten hat, die Sie womöglich im Sinn haben. Europa ist aber keine Weltmacht. Wir wollen auch niemandem unser Modell aufzwingen.
Der erfolgreiche Transformationsprozess in den Ländern, die seit sieben Jahren Mitglied der EU sind, bestätigt das Erfolgsmodell EU. Ich bin daher optimistisch, dass sich die Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft Europas in die positive Richtung entwickeln, solange Europa seine positive Ausstrahlung behält.
EurActiv.de: Große Teile der ungarischen Bevölkerung sehen den Transformationsprozess und die EU-Mitgliedschaft nicht so positiv wie Sie. Die Zustimmung zur EU sinkt stark. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 60 Prozent der Ungarn ihr Land als Verlierer des Regimewechsels nach 1989 betrachten.
Im März 2009 war Ungarn fast bankrott, die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu. Vor zehn Jahren hatten wir eine Arbeitslosenquote von sechs Prozent, jetzt liegt sie bei elf bis zwölf Prozent. Die Anzahl der Armen hat sich seit dem Systemwechsel von 1,5 Millionen auf heute drei Millionen Menschen verdoppelt. Das hat aber nichts mit der EU zu tun, sondern mit den wirtschaftspolitischen Fehlern der Vorgängerregierungen.
EurActiv.de: Die Ungarn sind mit ihrer zunehmenden Skepsis gegenüber der EU nicht allein. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Skeptiker. Viele Menschen sind mit den supranationalen Institutionen unzufrieden. Sehen Sie die Gefahr, dass sich die Menschen emotional von der EU entfernen?
CZUKOR: Das kann passieren, wenn wir Ursache und Wirkung verwechseln. Bleiben wir beim Beispiel Ungarn: Wir haben hausgemachte große Probleme, da die vorherigen Regierungen mehr Geld ausgegeben als eingenommen haben. Außerdem haben sich auch Privatpersonen so stark verschuldet, dass nun ungefähr eine Million Ungarn Schwierigkeiten haben, ihre Kredite zurückzuzahlen. Das ist kein von der EU verursachtes Problem.
Manche Politiker machen es sich aber sehr einfach und verweisen bei allen Problemen auf Brüssel. Brüssel ist aber nicht die Ursache. Brüssel muss sich mit den Wirkungen beschäftigen. Die EU erwartet zu Recht von Ungarn, dass wir die Maastricht-Kriterien einhalten und die Defizitziele von drei Prozent einhalten. Und das werden wir in diesem Jahr auch wieder erreichen.
Ungarns Problem ist nicht Brüssel, sondern die enorme Schuldenlast für Staat und Privatpersonen. Wir müssen den Mittelstand fördern, um Arbeitsplätze zu schaffen und damit die Einnahmen für den Staat und die Menschen zu verbessern.
Wenn sich herausstellt, dass sie nicht korrekt waren, dann werden wir sie korrigieren. Nochmals: Es ist keine Kampagne gegen ausländische oder deutsche Firmen. Die Förderung des Mittelstands steht im Zentrum der neuen ungarischen Wirtschaftspolitik. Wir versuchen, passende Antworten auf die beiden Kernprobleme, Verschuldung und Arbeitslosigkeit, zu finden.
EurActiv.de: Eine befristete Sondersteuer, die mehrheitliche ausländische Unternehmen trifft, wird die Wirtschaftsprobleme Ungarns nicht lösen. Welche strukturellen Reformen setzt Ungarn um?
CZUKOR: Die Staatsverschuldung Ungarns, die derzeit bei 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, muss ziemlich schnell und drastisch reduziert werden. Nach deutschem Vorbild werden wir eine sogenannte Schuldenbremse in die ungarische Verfassung einbauen. Damit wird die Staatsverschuldung auf 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzt.
Zugleich spart der Staat in der öffentlichen Verwaltung. Wir haben bisher über 3.000 Kommunen, die alle verschuldet sind. Die verschuldeten Kommunen können zum Beispiel die Kosten ihrer Grundschulen nicht bezahlen. Deshalb sollen in der Zukunft die Aufgaben von mehreren Kommunen in neue Verwaltungseinheiten, in Bezirken, zusammengefasst werden. Das soll den Verwaltungsaufwand verringern und Kosten sparen. Das wird schwierig.
Weitere Reformen gibt es im öffentlichen Verkehrswesen. Ungarn hat eine moderne Verkehrsinfrastruktur; innerhalb von zehn Jahren wurden ungefähr 1.000 Kilometer Autobahn neu gebaut. Diese Infrastruktur muss aber finanziert werden, und zwar nicht nur vom Steuerzahler, sondern auch von denen, die sie nutzen. Daher führen wir ein elektronisches Mautsystem ein, wie es Deutschland oder Österreich bereits nutzen, und die Zahl der öffentlichen Verkehrsbetriebe wird durch Fusionen reduziert.
Die Diskussion über die neue Verfassung läuft seit September: Einige beteiligen sich daran, andere verweigern sich und diskutieren stattdessen über das Aussehen des ungarischen Staatswappens. Dabei haben wir dieses Staatswappen seit 20 Jahren. Ich bitte um eine faire Diskussion, denn ich möchte nicht, dass Ungarn aufgrund des Versuchs, sich eine moderne Verfassung zu geben, wieder ins Kreuzfeuer der Kritik gerät.
EurActiv.de: Sie plädieren also für weniger Kritik an Ungarn?
CZUKOR: Nein, ich plädiere für mehr Fairness für Ungarn. Politische Diskussionen sind wichtig, davon lebt die Demokratie. Doch niemand muss ungerechte Kritik akzeptieren.
Interview: Alexander Wragge, Michael Kaczmarek, Ewald König, Sabrina Schadwinkel, Mimoza Troni
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