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Europa 2020 und Reformen


Bunkerkomfort für das Staatsoberhaupt. Hier hätte der Bundespräsident geschlafen. Seine Frau hätte er nicht mitnehmen dürfen (Foto: dpa)

Bunkerkomfort für das Staatsoberhaupt. Hier hätte der Bundespräsident geschlafen. Seine Frau hätte er nicht mitnehmen dürfen (Foto: dpa)

Aktuell - Donnerstag 26 August 2010 - Europa 2020 und Reformen

DIE MAUER, DIE MENSCHEN UND DIE MITTE EUROPAS (48) – Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten

Bonner Bunker für Bundeskanzler Üb

Im Osten war es die Berliner Mauer, im Westen war der Regierungsbunker bei Bonn das Symbol für den Kalten Krieg. Die Mauer war weltweit bekannt, doch der Bunker war bestgehütetes Staatsgeheimnis der Bundesrepublik. Lokalaugenschein in der „Dienststelle Marienthal“, der einst teuersten Einzelinvestition Deutschlands.

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In den Weinhängen des Ahrtals 25 Kilometer südlich von Bonn steht ein Baudenkmal, das die Zeit des Kalten Kriegs drastisch vor Augen führt. Ebenso wie die Berliner Mauer steht es für eine Epoche – und zeigt, wie sich die Bundesrepublik Deutschland auf einen Dritten Weltkrieg vorbereitet hat.

Der Regierungsbunker hätte im Ernstfall 3.000 Personen aufnehmen und von der atomar verseuchten Außenwelt hermetisch abschirmen sollen. Die offizielle Bezeichnung war “Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit (AdVB)”. Was sich hinter dieser „Dienststelle Marienthal“ tatsächlich verbarg, ja sogar wo sie sich befand, wussten nur Eingeweihte.

Kein Wunder also, wenn einige Mythen nicht auszurotten sind. So war die Anlage entgegen manchen Darstellungen nie der größte und teuerste Atombunker der Welt. Beispielsweise ist Englands Ausweichsitz bedeutend größer und noch teurer gewesen, wie Heike Hollunder, die Leiterin der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, schildert. „Aber er war die teuerste Einzelinvestition und das geheimste Bauwerk Deutschlands.“

Von Anfang an veraltet

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurde mit dem Bau in den Resten eines alten Eisenbahntunnels begonnen. 1959 wurden die Trümmer geräumt, der Ausbau erfolgte 1962 – und bei ihrer Fertigstellung 1971 war die Anlage längst veraltet. Mondernster Militärtechnik hätte sie nicht mehr standgehalten. Der Feind im Osten wusste dank tüchtiger Spione über den Bunker ziemlich genau Bescheid - dennoch ging von ihr eine politische Botschaft aus: Wir wehren uns.

Am Tag X bzw. im V-Fall (Verteidigungsfall) hätten alle Verfassungsorgane des Bundes 110 Meter unter der Idylle der Weinhänge des Ahrtals eine gemeinsame Notunterkunft gehabt. So sollten die Bundesrepublik handlungsfähig bleiben und die Regierbarkeit des Landes sichergestellt sein. Ein spartanisches Fernsehstudio hätte Ansprachen des Bundespräsidenten oder des Bundeskanzlers an die Bevölkerung ermöglicht.

Zum Ernstfall kam es freilich nie. Nur ein einziges Mal - 1968 zur Krise in der CSSR – war es nahe dran.

Übung mit Bundeskanzler Üb

Es gab jedoch immer wieder Übungen. Unter anderen spielte Waldemar Schreckenberger, Helmut Kohls Schulfreund und damals Chef des Bundeskanzleramtes, den Herrn „Bundeskanzler Üb“.

Auch Klaus von Dohnanyi, einst Hamburger Bürgermeister, musste in seiner Zeit als Staatsminister im Auswärtigen Amt den "Bundeskanzler Üb" geben. Der SPD-Politiker erinnerte sich, wie solche Übungen von Medien und auch von den Ministerien und Behörden milde belächelt worden seien. "Ihr Ernst wird so ernst nicht genommen. Das ist ein Fehler." Er glaubte ferner, dass nicht einmal die Beteiligten selbst immer spürten, was sie eigentlich taten. 

Von Dohnanyi war über sich selber erschrocken, als er in einer Übungspause zum Frische-Luft-Schnappen vor den Bunker trat. "Da hatte ich plötzlich das Gefühl der Irrationalität." Gerade noch hatte er im Bunker Kabinettsbeschlüsse am Rande eines atomaren Kriegs verabschiedet, und nun, draußen im Sonnenschein, merkte er, wie er in der Rolle eines Krisenkanzlers aufgegangen war.

Kein Wort zum Ehepartner

Auch Beamte und Abgeordnete mussten die dreiwöchige Notstandsverwaltung proben und gelegentlich in der Bunker-WG absteigen. Auch sie durften nicht einmal ihren Ehepartnern irgendetwas darüber erzählen.

Der Bunker hätte aber im Ernstfall gar nicht geholfen, schildert der Bunker-Experte Bernd Riedel einer Gruppe von Korrespondenten, während er uns zeigt, wie die 25 Tonnen (!) schweren Schleusentore in zehn Sekunden die unterirdische Anlage mit ihren fünf „Stadtteilen“ abschließen sollten (siehe Öffnet externen Link in neuem FensterTondokument.) „Der Bunker war schon bei der Fertigstellung nicht mehr in der Lage, einen Atomschlag überleben zu lassen.“

Schlangestehen für die Dekon

„Dekon“ hieß die Dekontaminierungsanlage in den Schleusen im Eingangsbereich. Sie erinnern entfernt an Gaskammern eines KZ.

Kontaminierte Frauen und Männer hatten sich nackt auszuziehen und in einen Raum mit sechs Duschen mit Wasser und Schmierseife abzuwaschen. Kontrolliert wurden die Duschszenen durch ein Sichtfenster vom Schleusenkommandanten, einer Art "Spanner vom Dienst". Über die Lautsprecheranlage meldete er sich wie folgt: "Der Mann von Dusche 2: Nochmals die Ohren duschen!" Mit einer Handkurbel bediente er einen Scheibenwischer für das angelaufene Fensterglas.

Im Moment hat es dort 13 Grad. Im Normalbetrieb wären es 18 Grad gewesen. Und wenn sich Menschen ausziehen mussten, hätte man für 24 Grad sorgen können.

Pro Durchgang waren zehn Minuten eingeplant. Das heißt: Nur 36 Personen pro Stunde. Für Hunderte, die stundenlang in der Warteschlange ausharren mussten, war nur eine einzige Toilette vorgesehen.

Die Geduschten schlüpften danach ohne Unterwäsche in Bundeswehroveralls, die in drei Größen auslagen.

Der Bunker mit seinem insgesamt 17,3 Kilometer langen Haupttunnel- und Seitenstollensystem, seinen 40 Kubikmetern Stahlbeton pro Laufmeter wurde noch bis 1997 betriebsbereit gehalten. Allein die jährlichen Betriebskosten verschlangen 22 Millionen Euro.

Drohszenarien zwischen Ost und West 

Die „Türen“, die einem Druck von dreißig Bar standhalten sollten; die sieben Tiefbrunnen zur Wasserversorgung der 3.000 Personen; das Notstromaggregat, das so viel Energie verschlang wie 350 Einfamilienhäuser; die Fluchtwege und Notausstiege, die Regierungschefs wie Konrad Adenauer (zu gebrechlich) oder Ludwig Erhard (zu beleibt) gar nicht hätten benützen können; das schlichte Schlafzimmer des Bundespräsidenten (nicht mal er hätte seine Frau mitnehmen dürfen); das Fernsehstudio für die Ansprachen ans Volk – das so lang so streng gehütete Staatsgeheimnis lässt sich heute besichtigen und macht das weltweite Drohszenario der Supermächte in Ost und West anschaulich.

192 Leute waren im Dreischichtendienst ständig beschäftigt. 32 oberirdisch in Marienthal, 160 unterirdisch. Die Kommandozentrale war ununterbrochen besetzt. Die Mitarbeiter unterstanden dem Innenministerium. Sie waren ausnahmslos verbeamtet. Damit sollten Streiks verhindert werden.

Einmal, es war im Mai 1997, kam Innenminister Manfred Kanther (CDU) in den Bunker. In einer Betriebsversammlung sagte er damals zur Bunker-Mannschaft: "Sie haben den sichersten Arbeitsplatz der ganzen Bundesrepublik." Doch schon wenige Monate später kam es anders. Im Dezember 1997 wurde der Strom abgeschaltet.

Bunkerkoller unvermeidlich

Während der Übungen erwischte viele Leute der Bunkerkoller. Ohne Tageslicht ging jegliches Zeitgefühl für den Tag- und Nachtrhythmus verloren. Der Schichtdienst machte die zeitliche Orientierung noch schwieriger. Man konnte sich bestenfalls daran orientieren, dass es nur nach der Nachtschicht frische Brötchen gab. Ab dem dritten Tag hatte keiner mehr ein Gefühl dafür, ob es draußen hell oder dunkel ist.

Die Tore hatten einem Luftdruck von 300 Tonnen pro Quadratmeter standzuhalten und mussten wegen möglicher Kampfstoffe absolut luftdicht abschließen.

Die Kapazität war auf 3.000 Menschen für dreißig Tage angelegt. Das bedeutet: 90.000 Verpflegungssätze. Fünf Großküchen hätten je 600 Personen mit drei Tagesmahlzeiten versorgen müssen.

Nach den dreißig Tagen hätten alle raus gemusst. Lebensmittel- und Energievorräte waren dann zu Ende gewesen.

25.000 Türen?

Dass die komplette Anlage insgesamt 25.000 Türen gehabt haben soll, gehört nach Heike Hollunder zu den unausrottbaren Gerüchten. Die Dimension des Bauwerks verleitet allzu schnell dazu, diese Zahl für realistisch zu halten.

Es gab 934 Schlafräume und 896 Büroräume. In vielen dieser Büros ist nie jemand gesessen, nicht einmal bei den Übungen.

Die schmale Kammer mit der Bezeichnung 196/14 war der "Schlafraum Bundeskanzler". Nur dem Regierungschef und dem Staatsoberhaupt standen Einzelzimmer zu, alle anderen hatten Mehrbettzimmer. Sonst gab es keine Ausnahmen für den Bundespräsidenten und den Kanzler. Auch für sie standen nur die schmalen Feldbetten der Bundeswehr bereit. Und auch sie hätten im Ernstfall nicht ihre Ehefrauen mitnehmen dürfen.

Bunkerwein als Wirtschaftsfaktor

Selbstverständlich galt striktes Alkoholverbot im Bunker– allerdings nur bei den ersten Übungen. Später konnte man in den Kantinen ganz legal Alkohol erwerben. Die Ahrwinzer erfanden den "Bunkerwein", der sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelte.

Psychologisch belastend für die Insassen war die Aussicht, im Ernstfall als Funktionsträger in den Bunker zu dürfen bzw. zu müssen, aber den Lebenspartner nicht mitnehmen zu dürfen.

Dazu grübelten sie über den Wert eines Lebens danach: Was, wenn nach einem Nuklearschlag ohnehin alle Familienmitglieder zu den Opfern zählen würden und nur man selbst überlebt habe?

Pro Laufmeter waren 40 Kubikmeter Stahlbeton verarbeitet. Die Baumaßnahmen wurden aus Geheimhaltungsgründen kaschiert und dem Technischen Hilfswerk (THW) zugeordnet. Allein im Eingangsbereich sind 10.500 Kubikmeter Stahlbeton verarbeitet. Die beiden Haupttunnel waren fast drei Kilometer, die Seitenstollen 17 Kilometer lang.

Bierkästen für die Betonmischer

Dadurch waren Zehntausende Betonmischer durch das Ahrtal unterwegs. Es ist kein Zufall, dass in dieser Zeit der private Hausbau in der Gegend florierte. Bierkästen am Straßenrand signalisierten, dass ein Häuslbauer eine Ladung Beton brauchte.

Die Profiteure konnten sicher sein, dass sie nicht angezeigt und gerichtlich verfolgt würden. Denn die Gerichtsverfahren wären öffentlich gewesen. Und Öffentlichkeit war im Zusammenhang mit dem Bunkerbau absolut tabu.

Daher wurde der Schwund so dargestellt, dass bei "Überprüfungen" der Betonmischer die Betonqualität gelegentlich nicht gut genug für den Bunkerbau gewesen sei, aber noch ausreichend für den privaten Hausbau...

Skurrile Konzepte für zivile Nutzung

Vor dem Beschluss zur Aufgabe und zum Rückbau der Anlage prüfte man noch mögliche zivile Nutzungen. Außer skurrilen Ideen gab es keine tragfähigen Konzepte: Eine Champignonzucht - mit den 17 Kilometer langen Gängen hätte man damit die ganze Welt versorgen können -, Erlebniswelt und Vergnügungspark, Bunkerdisco, Abenteuerhotel, Münzdepot, Jugendgefängnis, private Bunkerplätze für Reiche, Depot zur Aufbewahrung von CDs über alle achtzig Millionen Deutsche für 300 Jahre und so fort.

Die Chefin der Dokumentationsstätte stellt indes klar: „In einer späteren Nutzungsphase sollte der Bunker nie als Jugendgefängnis, als Ausweichsitz für Reiche oder als Depot für CDs dienen. Es gab die Idee, Kulturgut bzw. das, was Einzelpersonen (gegen Bezahlung) für wichtig erachteten, in kleinen Containern im Bunker zu lagern und dann nach vielen Jahren für spätere Generationen wieder zu öffnen.“

Alle potenziellen Investoren schreckten die Kosten der Brandschutzsanierung ab. Man hätte dafür umgerechnet bis zu 40 Millionen Euro kalkulieren müssen. Die laufenden Betriebskosten hätten rund zehn Millionen Euro betragen.

Daher wurde der Regierungsbunker in den folgenden Jahren mit einem finanziellen Aufwand von 30 Millionen Euro geräumt und versiegelt. 2006 waren die Abrissarbeiten beendet. Übrig blieben die nackte, mit Beton ausgekleidete Tunnelröhre und ein kleines Bunkerstück von 203 Metern Länge, das nun das Museum „Dokumentationsstätte Regierungsbunker" beherbergt.

Immerhin wurde das teuerste Bauwerk, das sich die Bundesrepublik je geleistet hat, im Jahr 2009 von der Europäischen Kommission zum Europäischen Kulturerbe erklärt.

 

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

 

 

Links:

Öffnet externen Link in neuem FensterHomepage der Dokumentationsstätte, Träger: Heimatverein Alt-Ahrweiler

http://www.alt-ahrweiler.de/7-102-006.htm

Öffnet externen Link in neuem FensterAudio-Dokument vom Zufahren der Haupttore des Regierungsbunkers und vom Schließen der Brandschutztüren

Öffnet externen Link in neuem FensterFotogalerie Dokumentationsstätte Regierungsbunker

Öffnet externen Link in neuem FensterMedienbericht über Öffnet externen Link in neuem FensterTheo Saevecke: "Vom NS-Kriegsverbrecher zum Sicherheitschef im Regierungsbunker"

 

Öffnet externen Link in neuem FensterÜbersicht aller bisher erschienenen Kapitel dieser Serie zum Anklicken

 

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