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Aktuell - Dienstag 10 Januar 2012 - Erweiterung und Nachbarn

"Die neue Türkei"

Die boomende Wirtschaft und das neue Selbstbewusstsein in der Außenpolitik sind nur zwei Gesichtspunkte, die eine "neue Türkei" kennzeichnen. Kann das Land als Vorbild für die arabischen Reformländer dienen? Hat sich Ankara endgültig von der EU abgewendet? Unter dem Titel "Die neue Türkei" hat EurActiv.de Experten aus Politik und Wissenschaft zu einer offenen Debatte über die Veränderungen und Entwicklungen in der Außen- und Sicherheitspolitik des Landes eingeladen.

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Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas boomt die Wirtschaft der Türkei. Auch politisch ist das Land zu einem Schwergewicht geworden. Der EU-Beitritt scheint derweil längst nicht mehr so wichtig wie zu Beginn des Jahrzehnts. Angesichts der Veränderungen und Entwicklungen in der Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei hat EurActiv.de im Herbst 2011 eine Debatte zum Thema gestartet. Experten aus Politik und Wissenschaft analysieren in ihren Gastkommentaren die neue Außenpolitik Ankaras, erläutern Chancen und Risiken für die EU und gehen der Frage nach, ob das Land den eigenen Führungsanspruch in der islamischen Welt glaubhaft vertreten kann.

Die "neue Türkei"

Politische Positionen


Gernot Erler, MdB, Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, schreibt in seinem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDer 'türkische Weg': Modell für die Transformation in der arabischen Welt?", dass die Entwicklung der Türkei sich als "Exportschlager" für die benachbarten Staaten der Levante und Nordafrikas entpuppen könnte. Deutschland und die EU wären gut beraten, den besonderen Zugang, den die Türkei in diese Länder hat, anzuerkennen und dies politisch zu nutzen - anstatt wie Paris und Berlin den "Bremsverstärker" einzuschalten.

Elmar Brok, außenpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Europaparlaments, fragt in seinem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterFür eine Rückbesinnung der 'neuen Türkei' auf alte politische Leitlinien", ob sich die Türkei endgültig von der EU abgewendet hat. Zumindest scheine sich eine "neue" Türkei herausgebildet zu haben, die sich durch ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung, Trotz und Arroganz auszeichnet. Die EU brauche indes eine neue Türkei, die sich wieder auf alte Werte und Leitlinien ihrer Außenpolitik besinnt.

Uta Zapf (SPD), MdB, Vorsitzende des Unterausschusses Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung des Auswärtigen Ausschusses, schreibt in ihrem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDie Widersprüchlichkeiten der neuen Außenpolitik der Türkei", dass es das Bestreben der Türkei sei, sich als Modell einer islamischen Demokratie in der Region zu empfehlen, gleichzeitig aber seine regionalen und wirtschaftlichen Interessen auszuweiten. Die "soft-power"-Politik Ankaras erfordere hohe Flexibilität bei der Reaktion auf die Veränderungen durch die Prozesse des arabischen Frühlings. Denn die populistische Rhetorik und die Propagierung des "demokratischen Modells Türkei" geraten schnell in Konflikt mit dem Bedürfnis stabiler guter Nachbarschaft.

Birgit Schnieber-Jastram (CDU), Mitglied im Entwicklungsausschuss und Sprecherin der CDU/CSU Gruppe im EU-Parlament für Entwicklungspolitik, erklärt in ihrem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDie neue Türkei: Herausforderungen für die EU", dass der EU-Beitritt für die Türkei längst nicht mehr so wichtig wie zu Beginn des Jahrzehntes ist. Aus eigenem Interesse sollte die EU der Türkei nicht voreilig den Weg versperren.

Wissenschaftliche Analysen


Günter Seufert, Mitglied der Forschungsgruppe EU-Außenbeziehungen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Berlin, schreibt in seinem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDie Teilung Zyperns: Folge der Uneinigkeit Europas und der neuen Stärke der Türkei", dass Ankara die Nichtanerkennung der Republik Zypern erneut ins Zentrum seiner Politik gerückt hat, nachdem der Annan-Plan gescheitert und Europas Zypern-Politik zum Erliegen gekommen war. Nach Jahren eines für die EU komfortablen Stillstands habe die Thematik in den letzten Monaten wieder an Dynamik gewonnen. Um die Teilung der Insel zu überwinden, sollten die EU-Mitglieder das Zypern-Problem nicht länger als Hebel gegen den EU-Beitritt der Türkei instrumentalisieren.

Gülistan Gürbey, Politikwissenschaftlerin und Privatdozentin an der Freien Universität Berlin, erklärt in ihrem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem Fenster'Strategische Tiefe' als neues außenpolitisches Konzept der Türkei?", dass die Türkei mit dem außenpolitischen Konzept der "Strategischen Tiefe" nationalistische, pan-türkische und islamische Elemente zusammenführt. Die traditionelle Westbindung werde dabei nicht explizit in Frage gestellt. Der EU-Beitrittsprozess sei jedoch inzwischen in der Hierarchie der außenpolitischen Prioritäten nach hinten gerückt.

Ludwig Schulz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Orient-Institut, Berlin, erklärt in seinem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDie neue Türkei: Vorbild für die arabischen Reformländer?", dass kaum ein anderes Land 2011 im Zuge der politischen Umstürze in den arabischen Ländern so oft als Vorbild und Modell genannt wird wie die Türkei. Ob eine Kombination aus Realitätsreduktion und demokratischem Wunschdenken weiterhilft, die komplexen Zusammenhänge in der Region verstehen zu können, sei indessen zu hinterfragen.

Cemal Karakas, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), schreibt in seinem Beitrag: "Öffnet externen Link in neuem FensterDie 'neue Türkei' - Chance oder Risiko für den Westen?", dass die boomende Wirtschaft und das neue Selbstbewusstsein in der Außenpolitik die zwei Determinanten sind, welche die "neue Türkei" kennzeichnen. Es sei jedoch zweifelhaft, ob das Land den eigenen Führungsanspruch in der islamischen Welt glaubhaft vertreten kann. Dennoch sollte klar sein: Die Türkei ist kein Entwicklungsland mehr und auch kein Bittsteller.

Links


Dokumente

EU-Kommission: Öffnet externen Link in neuem FensterErweiterungsstrategie und wichtigste Herausforderungen 2011-2012 (12. Oktober 2011)

EU-Kommission: Öffnet externen Link in neuem FensterKey findings of the 2011 progress report on Turkey (12. Oktober 2011)

EU-Kommission: Öffnet externen Link in neuem FensterBeziehungen EU - Türkei

EU-Kommission: Öffnet externen Link in neuem FensterTürkei - Eckdaten des Landes

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