Tomislav Nikolić wird Serbiens neuer Präsident
Tomislav Nikolić hat sich in der Stichwahl um das Präsidentenamt überraschend gegen den Am...
Lesen Sie weiter
"Wir hatten an einem entscheidenden Punkt in unserer Geschichte Pech", sagt der Botschafter Montenegros mit Blick auf die Jugoslawienkriege. "Wir hatten einen Haufen verantwortungsloser und machtbesessener Politiker", so Vladimir Radulović im Gespräch mit EurActiv.de.
Aktuell - Donnerstag 3 Juni 2010 - Erweiterung und Nachbarn
Montenegro fühlt sich Serbien stark verbunden und agiert trotzdem unabhängig. Gegen den Widerstand Belgrads erkennt man das Kosovo an und drängt in die NATO. Den mentalen Dualismus Montenegros erklärt Botschafter Vladimir Radulović im EurActiv.de-Interview. Zwischen 2014 und 2018 sei der EU-Beitritt seines Landes denkbar - allen internen Problemen der Union zum Trotz.
ZUR PERSON:
Vladimir Radulović ist der Botschafter Montenegros in Deutschland. Er hatte unterschiedliche Positionen im Außenministerium Jugoslawiens in Belgrad inne, bevor er diesen Karriereweg 1993 beendete und nach Montenegro zurückkehrte. Dort war er unter anderem Berater für das montenegrinische Büro des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR). Von 2004 bis 2006 war er Botschafter Serbiens und Montenegros im Königreich Dänemark.
EurActiv.de: Herr Botschafter, Montenegro hat sich vor gut vier Jahren von Serbien losgelöst. Sind die Montenegriner heute stolz auf ihre Unabhängigkeit und die eigene Identität?
RADULOVIC: Das ist eine gute und natürliche Frage. Eines sollte jedoch klargestellt werden: Montenegro hat sich nicht von Serbien abgespalten. Wir haben daher auf folgende Formulierung bestanden: Montenegro hat mit dem Referendum vom 21. Mai 2006 nur seine Unabhängigkeit wiedererlangt, welche 88 Jahre zuvor bei der Pariser Friedenskonferenz verloren worden war. Montenegro wurde erstmalig beim Berliner Kongress von 1879 international anerkannt. Berlin ist also im Kontext von internationalem Recht und Politik die Geburtsstätte meines Landes! Es stimmt, wir waren die letzte von sechs ehemaligen jugoslawischen Republiken, die beschlossen hat, sich "abzuspalten" oder – um präziser zu sein – unabhängig zu werden.
EurActiv.de: Warum so spät?
RADUOLOVIC: Montenegro stellte einen besonderen Fall dar: Zum Zeitpunkt des Referendums war die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht tief gespalten. Auch in Bezug auf die Frage, ob man unabhängig werden oder in Union mit Serbien bleiben wolle. Aus vielen Gründen: kulturellen, historischen, religiösen und sprachlichen. In der Geschichte unserer Beziehungen mit Serbien hatten wir unsere Hochs und Tiefs, gute wie schlechte Tage und Jahre. Es war daher keine leichte Entscheidung. Das Referendum fand unter strikter EU-Aufsicht und unter bislang beispiellosen Auflagen der EU statt. 55,5 Prozent der Montenegriner stimmten für die Unabhängigkeit, 45,5 Prozent dagegen. Hierdurch wurde klar, wie tief die Teilung war und zu einem gewissen Grad noch ist.
EurActiv.de: Haben Montenegriner eine eigene Identität?
RADULOVIC: Viele Bürger Montenegros erklären, dass sie Serben sind, obwohl sie, ihre Vorfahren, ihre Väter und Großväter in Montenegro geboren sind! Einige von ihnen sind sogar noch niemals in Serbien gewesen. Aber trotzdem sagen sie: Ja, wir sind Montenegriner, aber wir sind auch Serben. Dieses etwas ungewöhnliche Phänomen lässt sich besser verstehen, wenn man über die nationale Befreiungsbewegungen und die große Idee einer gesamtslawischen Vereinigung während des 18. und 19. Jahrhunderts informiert ist.
Die meisten Menschen in Montenegro fühlen sich immer noch als Teil dieses größeren Landes, das als Jugoslawien bekannt war. Es existiert ein gewisser politischer, mentaler, psychologischer Dualismus, den man in keinem anderen Land findet. Viele Menschen sind gegenüber der Meinung Serbiens loyal oder zumindest aufmerksam.
EurActiv.de: Gibt es international ähnliche Konstellationen?
RADULOVIC: Obwohl das Ziehen historischer Parallelen leicht zu falschen Schlussfolgerungen führen kann, könnte man eine zu Deutschland und Österreich ziehen, um das komplexe Verhältnis zwischen Montenegro und Serbien zu verstehen. Zwei Nationen, die dieselbe Sprache sprechen und eine gemeinsame Vergangenheit haben, die manchmal Verbündete, manchmal Rivalen waren. Vielleicht lassen sich auch Ähnlichkeiten mit dem ukrainischen Fall finden. Die Ukraine ist tief gespalten zwischen denen, die pro-westlich sind, die Unabhängigkeit befürworten und stolz auf ihre Identität sind. Dann gibt es diejenigen, die nach Osten orientiert sind und sich Russland in einem kulturellen und politischen Kontext verbunden fühlen. Einiges von diesem Muster findet sich auch in Montenegro wieder.
EurActiv.de: Wie hat sich das Selbstbild seit 2006 verändert?
RADULOVIC: Heute, vier Jahre nach dem Referendum, steigt der Anteil derer, welche die Unabhängigkeit Montenegros befürworten und unterstützen, leicht, aber kontinuierlich. Würde heute ein Referendum abgehalten werden, würden zwischen 60 und 65 Prozent der Bürger Montenegros für die Unabhängigkeit stimmen. Diese Tendenz wird durch das Ergebnis von kürzlich abgehaltenen Regionalwahlen in Montenegro untermauert. Je mehr Zeit vergeht, desto geringer wird das Gefühl von Frustration oder "Verrat".
EurActiv.de: Was war der Beweggrund für das Referendum?
RADULOVIC: Der Schlüssel zum Verständnis unserer Entscheidung findet sich in den Vorgängen im ehemaligen Jugoslawien in den neunziger Jahren. Es ging nicht so sehr um die Trennung von Serbien, unseren serbischen Freunden und der serbischen Bevölkerung. Es ging um die Trennung von dem damaligen serbischen Regime. Die Trennung von der Politik von Präsident Milošević. Die Trennung von der serbischen Entscheidung zur Selbst-Isolation. Die Grenzlinie war klar: Wollten wir uns eine europäische Zukunft bewahren und zum restlichen Westbalkan aufschließen, mussten wir uns von Serbien zu der Zeit abwenden.
EurActiv.de: Jetzt hat sich die Situation verändert, und die serbische Regierung drängt in die EU. Gibt es heute vielleicht keinen Grund mehr für Montenegro, einen eigenen Weg zu gehen?
RADULOVIC: Im ehemaligen Jugoslawien gab es einen berühmten Soziologen, der versuchte, uns über die Gründe der Auflösung aufzuklären. Er schrieb: "Im Bereich kleiner Unterschiede zu leben, ist immer schwierig." Und das stimmt. Das ehemalige Jugoslawien bestand aus sechs Republiken, sechs Nationen und vielen ethnischen Gruppen und nationalen Minderheiten, die sich ähneln, aber trotzdem unterschiedlich sind und immer versuchen, ihre Identität nicht nur zu bewahren, sondern auch festzuklopfen.
EurActiv.de: Montenegro tritt also eigenständig auf...
RADULOVIC: Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Montenegro, als kleinstes und vielleicht nicht am weitesten entwickelte Land im Erweiterungsprozess der EU, nun einige Schritte vor anderen potenziellen EU-Kandidaten – auch Serbien – liegt. Dies liegt an einer klaren Vision und an klar antizipierten Zielen. Daran, dass wir nicht mehr gegen die Geister der Vergangenheit ankämpfen, wie es einige Länder der Region noch tun, mit oder ohne Grund.
Montenegro hat seine Ambitionen auf eine NATO-Mitgliedschaft deutlich kundgetan. Dies ist immer heikel und nicht sehr populär. Wir glauben aber, dass dies nicht nur in unserem nationalen Interesse, sondern – noch wichtiger – im Interesse der langfristigen Stabilität Südosteuropas und der europäischen Perspektive des gesamten Westbalkans ist. Beim letzten NATO-Gipfel in Bukarest trat Montenegro dem sogenannten Membership Action Plan bei. Dies ist die letzte Stufe vor einer vollwertigen NATO-Mitgliedschaft. Wenn wir mit der erfolgreichen Implementierung unserer nationalen Agenda fortfahren, habe ich kaum Zweifel daran, dass eine Einladung der NATO bald folgen wird.
EurActiv.de: Montenegro wird schon heute eingebunden...
RADULOVIC: Vor zwei Monaten hat Montenegro eine erste Einheit von 31 Soldaten – etwa ein Prozent unserer Armee – in die Kunduz-Region Afghanistans geschickt. Dies geschah in enger Kooperation und mit außergewöhnlicher Unterstützung des deutschen Verteidigungsministeriums und des Regional Command North. Wir sind unseren deutschen Freunden sehr dankbar. Vor einigen Monaten nahm unser Außenminister zum ersten Mal an einem Treffen der NATO-Minister teil, und unser Verteidigungsminister nahm an der Berliner Truppenstellerkonferenz teil.
EurActiv.de: Die NATO-Einbindung ist in der Region nicht unumstritten, vor allem in Serbien...
RADULOVIC: Einige unserer Nachbarn denken immer noch darüber nach, welche Richtung sie am Ende des Prozesses einschlagen und ob sie von der NATO-Komponente der EU-Integration Abstand nehmen. Mir erscheint es weder möglich noch vernünftig, eine Art von neutraler oder blockfreier Haltung im Balkan einzunehmen. Aber wir treffen alle unsere eigenen Entscheidungen und übernehmen für diese die Verantwortung. Ich stelle nur in Frage, ob es ein weiser Entschluss wäre, nicht der NATO beizutreten. Kann man mitten im Westbalkan sicher leben, während alle Nachbarn NATO-Mitglieder sind? Ist es besser, Mitglied zu sein oder nicht? Es ist für uns alle eine legitime Entscheidung, und letztendlich werden wir alle einen gewissen Preis dafür zahlen. Nicht mehr, nicht weniger.
EurActiv.de: Serbiens EU-Beitritt wird erschwert, weil Belgrad das Kosovo nicht als unabhängigen Staat anerkennt. Warum hat Montenegro damit kein Problem?
RADULOVIC: Erstens: Die Kosovo-Frage ist sehr heikel und schmerzhaft, insbesondere für unsere serbischen Freunde. Das Kosovo ist Teil der serbischen Geschichte, vielleicht auch Teil des serbischen Mythos. Viele Menschen in Serbien werden Ihnen sagen, dass das Kosovo für sie die gleiche symbolische Bedeutung hat wie Jerusalem für die Juden, Mekka und Medina für Araber, wie Berlin in vielerlei Hinsicht für die Deutschen. Es liegt nicht an mir, darüber zu urteilen, wo Geschichte endet und ein Mythos beginnt. Es war und ist offensichtlich noch eine sehr schwierige Frage.
Am Ende des Tages wurde Kosovo von 22 EU-Mitgliedern, den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern als unabhängiges Land anerkannt. So auch von allen Ländern der Westbalkan-Region, wie Montenegro, mit Ausnahme von Bosnien und Herzegowina. Meine persönliche Meinung ist, dass man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann und dass es nicht realistisch ist zu erwarten, dass Kosovo jemals wieder – oder zumindest in absehbarer Zeit – ein Teil Serbiens sein wird. Ich wiederhole: Das ist meine persönliche Meinung.
EurActiv.de: Erwarten Sie, dass Serbien trotz der Querelen um die Kosovo-Frage an der Westbalkan-Konferenz teilnimmt?
RADULOVIC: So weit ich weiß, wurden Einladungen an alle Außenminister des Westbalkans geschickt. Das sogenannte Gymnich-Format wurde den Teilnehmern angeboten. Das heißt, es werden nur die Namen der Teilnehmer aufgeführt ohne Namen der Länder oder Funktionen. Ich habe weiter verstanden, dass es eine Teilnahme von UNMIK-Kosovo geben wird. Ein ähnliches Format wurde sogar kürzlich von den Slowenen beim Gipfel in Slowenien von einem Monat vorgeschlagen, aber Serbien entschied sich dafür, nicht teilzunehmen. Wir befinden uns jetzt auf der Ebene des politischen Lavierens. Wie soll das der öffentlichen Meinung in Belgrad und Priština verkauft werden, wenn man zurückkehrt?
Unsere Informationen deuten darauf hin, dass alle Länder des Westbalkans in Sarajewo teilnehmen werden. Ich glaube, dass - wenn sie auftauchen, und ich glaube, sie werden kommen – es ein weiser Entschluss wäre. Die Botschaft der Westbalkanstaaten wird laut und klar vernommen werden: Ja, es gibt vielleicht immer noch ein paar Probleme innerhalb der Region, aber es gibt eine Bereitschaft, Offenheit und Notwendigkeit für einen Dialog, Verhandlungen, Vertiefung regionaler Kooperation und für Gespräche über schwierige und weniger schwierige Themen. Ohne eine gute Kommunikation innerhalb der Region und der Länder kann man keine europäische Zukunft für die Region erwarten. Ich hoffe und glaube, dass diese Botschaft verstanden wird. Ich erwarte, dass an dem Treffen in Sarajewo alle Länder des Westbalkans teilnehmen.
EurActiv.de: Was wäre das Signal, sollte die Konferenz scheitern?
RADULOVIC: Es wäre kein gutes Signal. Weder für Serbien, Kosovo oder den Westbalkan als Ganzes. Es könnte ein weiteres Warnsignal an die EU sein, dass zumindest einige Länder der Region für eine Vollmitgliedschaft noch nicht bereit sind. Es könnte aussagen, dass die Haltung einiger politischer Leitfiguren sich noch nicht wesentlich geändert hat. Alle möglichen negativen Signale könnten an unsere europäischen Freunde gesendet werden. Aber noch mal: Ich bin der festen Überzeugung, dass dies nicht geschehen wird.
EurActiv.de: War es eine schwere Enscheidung für Montenegro, das Kosovo anzuerkennen?
RADULOVIC: Vor einem Jahr hat Montenegro Kosovo anerkannt. Es war eine sehr heikle und politisch sensible Entscheidung. Es gab verschiedene Meinungen, und nicht alle waren mit der Entscheidung der Regierung einverstanden. Wir unternahmen diesen Schritt, weil wir glaubten, dass es in unserem besten Interesse sei und diese Entscheidung der langfristigen Stabilität und der europäischen Perspektive der Region diene.
Nach der Anerkennung des Kosovo bat Serbien unseren Botschafter darum, Belgrad zu verlassen. Unsere serbischen Freunde waren über die Entscheidung nicht erfreut. Eine kleine diplomatische Krise brach für die nächsten sechs bis sieben Monate aus. Daraufhin begann ein langsamer Prozess der diplomatischen Aussöhnung. Jetzt haben wir einen neuen Botschafter in Belgrad. Meine persönliche Auffassung ist, dass es sich um eine erneute Demonstration von regionaler Arroganz handelte, ein Überbleibsel oder Muster einer historisch dauerhaften väterlichen Einstellung. Andererseits verstehe ich, dass unsere Anerkennung psychologisch und emotional schmerzhaft für Serbien gewesen ist.
EurActiv.de: Wie sehen junge Montenegriner die aktuellen Entwicklungen?
RADULOVIC: Unsere jüngere Generation denkt über ihre eigene Perspektive nach, über ihre eigene Zukunft, über die Zukunft von Montenegro in der EU, über ein besseres Leben. Ihre Gedanken verweilen nicht in der Vergangenheit. Vor einigen Monaten haben wir diplomatische Beziehungen zum Kosovo aufgenommen. Dies war ein logischer Schritt vorwärts. Natürlich gab es eine weitere Reaktion des Widerspruchs aus Belgrad. Die Reaktion war sehr laut, insbesondere in Bezug auf die Frage, warum wir jetzt so handelten, während sie auf die Meinung des Internationalen Gerichtshofs zum Rechtsstatus des Kosovo warten. Diesmal blieb unser Botschafter jedoch da, die Lektion war gelernt. Wir müssen in vielerlei Hinsicht darauf achten, was Serbien - als größtes Land und als solches mit dem meisten Potenzial – denkt und plant.
Gleichzeitig müssen wir uns um unsere eigenen Interessen kümmern, unseren Weg gehen und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Immer wenn man als kleines Land, das einst als Teil einer größeren Union gesehen wurde, selbstständig agiert, ist es bei "älteren und größeren Brüdern" nicht sehr populär. Klingt bekannt, oder?
EurActiv.de: Kommen wir zur EU. Nach den Ereignissen in Griechenland steckt die EU in einer tiefen Krise. Erwarten Sie, dass die gegenwärtigen 'internen' Probleme der EU den Beitrittsprozess des Westbalkans und Montenegros bremsen?
RADULOVIC: Wir leben heute in einer vernetzten und voneinander abhängigen Welt. Wir sind uns der jüngsten Entwicklungen in der EU vollkommen bewusst. Ich beziehe mich nicht nur auf die neusten Entwicklungen in Griechenland, diese mögen nur die Spitze eines Eisbergs darstellen. Es hat auch einen sehr langen Prozess der Umgestaltung und Neuformung gegeben, der in der Billigung des Lissabon-Vertrages mündete. Zuvor kam es zum Scheitern des Verfassungsvertrages, zu den – unseren EU-Freunden zufolge – nicht so erfolgreichen Beitrittsgeschichten einiger neuer Mitgliedsländer, zur globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, zu internen Differenzen in der EU...
Wir wissen, dass all dies die Erweiterung nicht einfacher machen wird. Gleichzeitig glaube ich, dass der Erweiterungprozess der größte Erfolg der EU gewesen ist. Die Idee der Europäischen Union war eine kolossale Idee, vielleicht die größte politische Idee des 20. Jahrhunderts. Die Wirtschaft ist wichtig, sehr wichtig sogar. Aber mir gefällt die Idee nicht, dass wir als Menschen auf unsere Profitdimension reduziert werden. Ich hoffe, dass die europäischen Bürger nicht nur europäische Konsumenten sind. In der EU teilt man nicht nur einen gemeinsamen Markt, sonder primär gemeinsame Werte. Die Grundidee der EU ist die einer Union von Werten: Demokratie, Menschenrechte, Bürgerrechte, Pluralismus, Meinungsfreiheit - es sind fundamentale und zentrale Werte.
Die Erweiterung war ohne Zweifel bislang der größte Erfolg der EU. Ich habe keine Zweifel, dass der Prozess weitergeführt werden wird und muss. Trotz der Probleme und Hindernisse, die nicht unterschätzt werden dürfen.
EurActiv.de: Wann rechnen Sie mit dem Beitritt von Montenegro?
RADULOVIC: Es könnte drei oder vier Jahre dauern, dies ist ein sehr schwer vorhersehbarer Prozess. Zur Zeit sieht es recht deprimierend und pessimistisch aus. In ein oder zwei Jahren sieht die Situation vielleicht besser oder schlechter aus, alles ist in Bewegung. Wir können nur vermuten, wie lange die Verhandlungen dauern werden. Kürzlich äußerte Griechenland mit Unterstützung von Italien, Slowenien und einigen anderen Ländern die Idee, dass 2014 das Jahre sein könnte, zu dem die restlichen Westbalkanländer für einen EU-Beitritt bereit sein könnten.
Das wäre im symbolischen Kontext des Jahres 1914, als der Erste Weltkrieg im Westbalkan – in Sarajewo – ausbrach, eine schöne und gute Nachricht.
EurActiv.de: Wäre dieses Datum für Sie vorstellbar?
RADULOVIC: Unter den gegebenen Umständen wäre das ein nobles, aber vielleicht wenig realistisches Ziel. Ich glaube, dass der Zeitraum zwischen 2014 und 2018 derjenige sein könnte, zu dem der gesamte Westbalkan der EU beitreten sollte. Nicht nur geographisch befindet sich dieser im Herzen Europas. Ohne den Westbalkan wäre Europa nicht vollständig.
EurActiv.de: Ist Montenegro fit für die EU?
RADULOVIC: Reist man heute nach Montenegro, ist es dort wie überall sonst in Europa. Wir sind nicht besonders reich und noch nicht besonders entwickelt. Unser BIP hat in den letzten drei bis vier Jahren signifikant zugenommen. Obwohl Montenegro das Land mit dem größten Portfolio von Auslandsinvestitionen pro Kopf ist, obwohl der letzte Lissabon-Bericht des World Economic Forums behauptet, Montenegro sei das führende Land unter den 11 nicht-EU-Staaten, sind wir keine Träumer. Wir wissen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis wir das EU-Level erreicht haben. Aber was Werte und Orientierungen angeht, sind die früheren Republiken Jugoslawiens vielleicht näher an der EU als einige Länder, die bereits Mitglied sind. Namen müssen jetzt nicht genannt werden.
EurActiv.de: Sie sagen, ohne den Westbalkan wäre Europa nicht vollständig. Sind Sie heute traurig darüber, dass die Jugoslawienkriege eine rasche Integration des Westbalkans verhinderten?
RADULOVIC: Wir hatten während eines entscheidenden Punktes in unserer Geschichte Pech. Ich beziehe mich auf das Ende der 80er Jahre und die Zeit während des Mauerfalls. Wir hatten einen Haufen verantwortungsloser, kurzsichtiger und machtbesessener Politiker. Sie verstanden nicht, was los war, sie verstanden die Bedeutung des Mauerfalls nicht. Sie haben den Charakter und die Dimension der globalen Veränderungen nicht begriffen. Statt mit dem Rest Europas mitzuhalten, fingen sie an miteinander zu streiten, um Gebiete zu kämpfen, die nationalen Gefühle und Identitäten der Menschen zu manipulieren. Wir landeten in einem Alptraum. So wurde unsere goldene Chance verschwendet.
Wenn sie klüger gewesen wären, wäre Jugoslawien als Ganzes oder in Form eines losen Verbundes von sechs souveränen Ländern EU-Mitglied geworden. Nicht 2004, sondern zehn Jahre früher. Es gab Menschen, die eine solche Lösung befürworteten – mich eingeschlossen – aber wir wurden zu der Zeit als nationale Verräter betrachtet. Überall: in Serbien, Montenegro, Kroatien. Aber das ist jetzt Geschichte, das Kapitel ist geschlossen und wir müssen in die Zukunft blicken.
Zum ersten Mal teilen alle Länder des Balkan eine Vision und einen Traum – ein Teil eines vereinten Europa zu sein. Das ist unser stärkstes Band. Ich glaube, dass Europa dies versteht. Es ist im Interesse der EU, diese Länder aufzunehmen. Wir reden von neuen Märkten, neuen Gebieten mit 30 oder 40 Millionen Menschen. Es könnte die Abstimmungen innerhalb der EU verkomplizeren, aber nochmal: Ich glaube, vielleicht naiverweise, dass es in Europa vor allem um Werte geht.
EurActiv.de: Mit welcher Reaktion aus Belgrad rechnen Sie, wenn Montenegro noch vor Serbien der EU beitreten sollte?
RADULOVIC: Ich weiß es nicht. Ich hoffe aber, dass sie uns wohlgesonnen sind, und sich freuen. So wie wir uns über die Fortschritte Kroatiens freuen. Es ist ein ermutigendes Signal für uns alle. Individuelle Leistungen und das Regatta-Prinzip sind entscheidend und müssen Säulen der Beitrittspolitik der EU bleiben. Ich hoffe, dass die Region als Ganzes, jedes einzelne Land eingeschlossen, mit dem stetigen Fortschritt zur EU-Mitgliedschaft weitermacht.
EurActiv.de: Sie erwähnten den Nationalstolz und Mythen auf dem Westbalkan. Auch heute gibt es zum Beispiel noch Literatur, die Kriegsverbrecher glorifiziert. Wie präsent sind diese Gespenster der Vergangenheit noch?
RADULOVIC: Es ist schwierig, eine allgemeingültige Antwort zu geben. Zu den Fällen von General Mladić oder Radovan Karadžić sollten Sie lieber den Botschafter Serbiens befragen. Quer durch den Balkan wird man noch eine Menge Menschen finden, die ihre Frustration darüber, was mit ihren "Nationalhelden" gemacht wurde, nicht verheimlichen. In einigen Nachbarstaaten Montenegros ist das Phänomen viel komplizierter. Ja, einige halten diese Typen immer noch für Helden. Aber das klingt langsam ab, glaube ich. Sehr langsam.
Eine neue Generation einer politischen und sozialen Elite tritt nun vor. Diejenigen, die in der Vergangenheit leben, verschwinden langsam von der öffentlichen Bildfläche, nicht nur biologisch. Was unsere Gesellschaft angeht, sind zehn Jahre keine lange Periode. Die Wunden sind noch da, heilen aber langsam. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Unterstützung radikaler politischer Orientierungen abflaut. Wir haben in Montenegro keine solchen Probleme mehr.
Das wirkliche Problem unserer Gesellschaften ist, dass es immer noch an einer guten, glaubwürdigen, europäisch orientierten und tatsächlich demokratischen Opposition fehlt. Die Opposition zur montenegrinischen Regierung setzt sich in der Hauptsache aus Überbleibseln der Pro-Milošević Parteien zusammen. Es ist nicht nur, dass sie die Unabhängigkeit Montenegros weiter in Frage stellen. Das Problem ist, dass ich als Bürger Montenegros meine Stimme nicht abgeben kann, ohne zu befürchten, dass alles bislang erreichte untergraben und gefährdet wird. Die Situation in Serbien ist in diesem Zusammenhang sogar noch komplexer.
EurActiv.de: Kommen wir noch einmal zur jüngsten Geschichte. Montenegro geriet in die Kritik, die Geldwäsche zu ermöglichen, zumal es den Euro eingeführt hat..
RADULOVIC: Nur wenige wissen, dass Montenegro de facto Teil der Euro-Zone ist und den Euro verwendet. Der Wechsel zum Euro hat sich als sehr weise herausgestellt. Diese Meinung teilen übrigens alle Montenegriner.
Sie haben Recht: Hier und da gibt es den Verdacht der Geldwäsche. Institutionen zur Korruptions- und Geldwäschebekämpfung wurden eingerichtet. Sie befassen sich mit den Problemen. Einige Täter wurden vor Gericht gestellt. Bislang nicht in dem Maße, wie die EU und ich es gerne hätten, aber ein tatsächlicher Fortschritt wurde in den Berichten aller relevanten Institutionen und Agenturen der EU und UN festgestellt. Natürlich ist es noch ein langer Weg, bevor wir behaupten können, dass wir eine Gesellschaft mit einer perfekt funktionierenden und vollkommen effizienten Rechtsstaatlichkeit haben. Es ist ein nie endender Prozess.
Montenegro ist jedoch solch ein kleiner Ort. In keiner Form kann es die Stabilität der europäischen Finanzinstitutionen untergraben.
EurActiv.de: Was steckt hinter den Medienberichten, dass montenegrinische Banken Kredite an Kriminelle vergeben haben?
RADULOVIC: Lassen Sie mich etwas klarstellen: Das Bankensystem in Montenegro ist vollständig privatisiert. Alle Banken außer einer sind internationale Banken. Der Prozess der Privatisierung der Finanzmärkte ist erfolgreich abgeschlossen. Es gibt eine Bank, die First Bank, die sich zum Teil noch im Besitz von montenegrinischen Unternehmern und Privatpersonen befindet. Einige Teilhaber kommen aus der Familie des Premierministers und es hat daher eine Menge von Spekulationen und Verdächtigungen gegeben. Bislang wurde jedoch nichts bewiesen.
Alle Länder des ehemaligen Jugoslawiens leiden unter diesen Problemen. Sie sind typisch für Gesellschaften, die sich in der Phase nach dem Übergang, nach dem Kommunismus und nach dem Krieg befinden. Montenegro ist sehr klein, so dass es schwierig ist, von organisiertem Verbrechen zu sprechen. Als solches würde man das bezeichnen, was in Serbien vor der Ermordung von Premierminister Đinđić passiert ist. Das hatte wirklich die Struktur von organisiertem Verbrechen.
In Montenegro, wo jeder jeden kennt, ist es nahezu unmöglich, organisiertes Verbrechen per definitionem zu finden. Natürlich wird ein objektiver Beobachter trotz unserer Bemühungen von Zeit zu Zeit leicht feststellen können, dass es noch nicht genug Transparenz, schwache Institutionen und ein Rechtssystem gibt, das weiter ausgebaut und vollkommen unabhängig gemacht werden muss. Niemand verheimlicht die Versuche, das Rechtssystem zu beeinflussen. Es gibt zudem eine Kultur der Monopole und zu starker Verbindungen zwischen den politischen, finanziellen und neuen Unternehmer-Eliten.
Wenn Sie mir diese Frage vor fünf Jahren gestellt hätten, hätte ich gesagt: Ja, es handelt sich um ein erhebliches Problem. Heute ist die Lage unvergleichlich besser.
EurActiv.de: Alle potenziellen EU-Mitglieder werden besonders kritisch betrachtet...
RADULOVIC: Wir stehen unter intensiver Beobachtung von den EU-Institutionen, Teams von Experten sind fast täglich präsent, alle 25 Botschafter sitzen in Podgorica und berichten ihren Regierungen. Die Möglichkeiten von Manipulation und Missbrauch sind viel kleiner als zuvor. Unsere Richter und das Rechtssystem haben sich wesentlich verbessert. In den letzten drei Jahren hat sich der Anteil von noch zu bearbeitenden Fällen um 80 Prozent verringert. Die Gehälter von Richtern wurden erhöht und ihre Unabhängigkeit gestärkt. Eine Reihe von Institutionen wurde nach EU-Standards geschaffen.
EurActiv.de: Hat Montenegro also ein Imageproblem?
RADULOVIC: Sie werden in der Presse viele Geschichten finden. Einige sind belegt, manche weniger, manche gar nicht. Die Medien können jedoch frei über unsere Fehler und Mängel recherchieren und berichten. Dies zeigt, dass die montenegrinische Gesellschaft nicht perfekt ist, beweist jedoch, dass es sich um eine wahrhaft demokratische Gesellschaft handelt. Eine Menge dieser Geschichten wurden völlig übertrieben. Einige werden politisch missbraucht, entweder von der Opposition oder von Nachbarländern, um aufzuzeigen, dass Montenegro nicht so gut ist, wie wir sagen. Wenn ich mich nicht irre, unterscheidet sich das nicht von dem, was man in jedem anderen EU-Mitgliedsstaat sieht oder hört.
EurActiv.de: Montenegro ist also auf einem guten Weg...
RADULOVIC: Um es zusammenzufassen: Wenn ich das heutige Montenegro mit den 90er Jahren vergleiche, sprechen wir über zwei vollkommen verschiedene Gesellschaften. Wir sind nicht perfekt, wir werden als "Peripherie Europas" betrachtet, unbedeutend für alle außer uns selbst. Der Fortschritt der letzten vier Jahre ist jedoch absolut bemerkenswert. Ich habe keine Zweifel daran, dass wir entweder im Dezember dieses oder Anfang nächsten Jahres den EU-Kandidatenstatus erhalten werden und dass Beitrittsverhandlungen im Laufe von 2011 eröffnet werden. Wir hoffen, beim nächsten NATO-Gipfel in Lissabon eine Einladung zu bekommen, das 29. Mitglied der NATO zu werden. Offensichtlich wurde etwas Gutes erreicht – obwohl es noch ein weiter Weg ist – seitdem wir unsere Unabhängigkeit wiedererlangt haben.
Interview: Ewald König, Elisa Oddone, Daniel Tost, Alexander Wragge
Kosovos Botschafter Vilson Mirdita:
"Serbien muss uns nicht sofort anerkennen" (16. April 2010)
Serbiens Botschafter Ivo Visković:
Tadic will Srebrenica-Resolution oder Neuwahlen (26. Februar 2010)
Türkischer Botschafter Ahmet Acet:
Türkei-Beitritt: Absage wäre am Ende akzeptabel (15. Januar 2010)
Rumäniens Botschafter Lazăr Comănescu:
Glaubwürdigkeit der EU steht auf dem Spiel (7. Januar 2010)
Weißrusslands Botschafter Andrei Giro:
EU-Sanktionen gegen Belarus politisch wirkungslos (4. Januar 2010)
Litauischer Botschafter Mindaugas Butkus:
Litauens Energiesicherheit: "Ganz prekäre Lage" (17. Dezember 2009)
Ungarischer Botschafter Sándor Peisch:
"Orbán könnte den 'harten' Ungarn machen" (12. November 2009)
Ukrainische Botschafterin Natalia Zarudna:
"Ukraine teilt alle europäischen Werte" (18. September 2009)
Lettlands Botschafter Ilgvars Klava:
"Der Euro bleibt unser Ziel bis 2012" (21. August 2009)
Russischer Gesandter Andrey Zverev:
Krise minimieren - und mit allem rechnen (13. August 2009)
Schwedens Botschafterin Ruth Jacoby:
Schweden allein in Europa (20. Juli 2009) 
Tomislav Nikolić hat sich in der Stichwahl um das Präsidentenamt überraschend gegen den Am...
Lesen Sie weiter14 September 2012 11th Dialogue on Science Future Cities: Technologie, Gesellschaft und die Akteure des Wandels
29 Juni 2012 5th EUROPEAN SUMMER ACADEMY FINANCIAL CONTROL OF EU FUNDS
28 Juni 2012 BDEW Kongress vom 26. bis 28. Juni 2012 in Berlin: Energie- und Wasserwirtschaft diskutiert mit Politik
Zur Übersicht