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20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion geht der Schweizer Journalist Christian Weisflog der Frage nach, welche Gefahren von den postsowjetischen Republiken ausgehen. Foto: dpa
Aktuell - Dienstag 21 Februar 2012 - Globales Europa
Seit zwei Jahrzehnten ist die Sowjetunion Vergangenheit, offiziell jedenfalls. Doch die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken durchleben eine Phase des Verfalls. Vielerorts warten Pulverfässer auf Lunten. Das zeigt ein Reportageband von Christian Weisflog über den Zustand der Ex-Sowjetrepubliken. Eine Rezension von Steffen Klatt.
Im Frühjahr 1990 versuchte ein junger Oberstleutnant in Dresden, sowjetische Soldaten zum Schutz seiner KGB-Villa aufzubieten. Doch aus Moskau kam keine Antwort. So musste Wladimir Putin mit ansehen, wie Demonstranten die Villa stürmten.
Die scheinbar kampflose Preisgabe der sowjetischen Weltkriegsbeute in Osteuropa hat er auch später nie verwunden. Nun will er wieder als Präsident in den Kreml einziehen. Sein Blick reicht längst weiter: Wenigstens die Reste der Sowjetunion will er wieder an das einstige Mutterland binden. Doch deren Trümmer sind trostlos und von Konflikten verseucht, wie der Schweizer Journalist Christian Weisflog in seinem Reportageband "Das explosive Erbe der Sowjets" beschreibt (Das Buch erscheint Ende Februar bei
Orell Füssli in Zürich).
Am spürbarsten wird das in Tschetschenien. Putins Statthalter Ramsan Kadyrow hat zwar mit russischen Milliarden die sichtbaren Trümmer wegräumen und die zerbombte Hauptstadt Grosny wieder aufbauen lassen. Doch sein Staat funktioniert nur mit brutaler Gewalt gegen alle, die seine Macht herausfordern – ob es nun Islamisten, Konkurrenten im eigenen Lager oder einfach nur Leute sind, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Für Tschetschenen, die anderswo zu Geld gekommen sind und nun wieder nach Hause wollen, ist da kein Platz. Die einen verprassen das Geld aus Moskau, die anderen ducken sich.
Spürbar wird das auch in den armen Republiken Mittelasiens. Usbekistans Despot Islam Karimow ließ 2005 in Andischan Demonstranten niedermähen. Bis zu tausend Menschen kamen binnen weniger Stunden ums Leben. Der Westen protestierte, dann machte er wieder Geschäfte.
Wenig anders war es ein paar Kilometer weiter auf der kirgisischen Seite der Grenze. Hier ließ der kirgisische Staat – oder das, was sich so nennt – 2010 den Mob auf die alteingesessenen Usbeken los. Auch das ohne Folgen für die Täter.
Bedrängt wird auch die ismailitische Minderheit in Tadschikistan. Aber sie hat im Bürgerkrieg ihre Kampffähigkeit bewiesen, mit ihr legt sich niemand so rasch an. In Mittelasien haben diejenigen recht, die eine Kalaschnikow in der Hand haben.
Das gilt auch mitten in Europa. Wenn Weisflog durch Lemberg schlendert, dann bewundert er nicht in erster Linie den verfallenen Charme des Habsburgerreiches. Er spricht mit denen, die bereits wieder in den Wäldern für den Partisanenkrieg proben – für den Fall, dass die Ukraine zerbricht.
Wer Weisflogs Kapitel über Lemberg im Westen, Donezk im Osten und die Krim im Süden gelesen hat, glaubt nicht mehr an eine Zukunft dieses Landes. Und wenn dieses eigentlich reiche und riesige Land zerbricht, dann kaum friedlich.
Dass Russland selbst keine Demokratie ist, kein Rechtsstaat, das ist aus Weisflogs Sicht ohnehin klar. Er macht es fest am Fall Michail Chodorkowski. Der einst reichste Mann Russlands hat es sich mit Putin verscherzt und sitzt seit 2003 wie ein Schwerverbrecher in Haft. Solange Putin an der Macht ist, dürfte sich daran nichts ändern. Weisflog beschreibt das Kinderheim, das Chodorkowski einst einrichten ließ und das unter Leitung seiner Eltern weitergeführt wird. Das Bild, das Weisflog vom gefallenen Ölmagnaten zeichnet, ist eines der wenigen Fragezeichen im Buch: Chodorkowski ist nicht als Säulenheiliger zu seinem Reichtum gekommen.
Lichtblicke gibt es für Weisflog eigentlich nur dort, wo sich einzelne Republiken aufgrund ihres eigenen Rohstoffreichtums ein wenig Selbstständigkeit von Russland leisten können. Die Herren von Kasachstan, Aserbaidschan und Turkmenistan, die ihre Macht allesamt aus der Sowjetunion herübergerettet haben, können ihrem Land und vor allem sich selbst Stabilität kaufen. Für viele derer, mit denen Weisflog spricht, ist das bereits das Maximum des Möglichen. Freiheit gehört zu diesem Leben nicht dazu.
Für Russland und den postsowjetischen Raum gibt es keine Hoffnung, jedenfalls nicht, solange Putin und seinesgleichen die Macht in ihren eisernen Fäusten halten – so das Fazit Weisflogs nach sechs Jahren, die er als Journalist im Reich der neuen Zaren verbracht hat. Für alle diejenigen, die es in diesen Staaten der Willkür nicht aushalten, gibt es nur einen Ausweg: Fremdsprachen lernen und auswandern.
Steffen Klatt
Christian Weisflog
Das explosive Erbe der Sowjets
Von Kaliningrad nach Kabul. Eine politische Reportage
Orell Füssli Verlag, Zürich 2012
224 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-280-05442-0
€ 19.95 / CHF 26.90
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