Energieeffizienz: Der neue Aktionsplan der EU

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Ein Bauarbeiter montiert eine Styroporplatte zur Wärmedämmung. Gebäuden sind 40 Prozent des Energieverbrauchs in der EU zuzurechnen. Foto: dpa.

Eine technische und ökonomische Revolution soll in Europa zu mehr Energieeffizienz führen. Millionen Gebäude müssen saniert, der Verkehrssektor umgestellt werden. Die EU-Kommission arbeitet an einem neuen Aktionsplan bis 2020. Gestritten wird um verbindliche Vorgaben.

Aktuelle Artikel zur Energieeffizienz

EU droht Energiespar-Ziel weit zu verfehlen (6. Januar 2011)

Energieeffizienz EU-Parlament fordert verbindliches Ziel  (16. Dezember 2010)

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Oettinger legt Energie-Infrastrukturpaket vor (19. November 2010)

Energieeffizienz durch Marktkräfte (16. November 2010)

EU-Kommission legt Energiestrategie 2020 vor (10. November 2010)

Ineffizienz der Effizienzpolitik (31. Mäz 2010)

Zusammenfassung

Die EU-Kommission wird Anfang 2011 einen neuen Aktionsplan zur Energieeffizienz vorlegen. Dabei handelt es sich um eine Neuauflage des Plans von Oktober 2006. Ziel ist bislang, die Effizienz in der EU bis 2020 um 20 Prozent zu steigern. Anders als die EU-Vorgaben zum Anteil der Erneuerbaren am Energiemix ist das Effizienz-Ziel allerdings nicht rechtsverbindlich. Das EU-Parlament fordert, die Zielmarke verbindlich vorzugeben (EurActiv.de vom 16. Dezember 2010). EU-Energiekommissar Günther Oettinger zeigt sich dafür offen, die Vorgaben ab 2012 verbindlicher zu gestalten, wenn sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt. Die Mitgliedsstaaten wehren sich bislang gegen verbindliche Regelungen. Als problematisch gilt die Frage, wie Effizienzsteigerungen gemessen werden.

Die EU-Kommission hat ihre Vorstellungen zur künftigen Effizienz-Politik in der Energie-Strategie 2020 skizziert und zeigt sich enttäuscht von der bisherigen Entwicklung. Bisher steuere die EU auf eine Steigerung von nur elf Prozent zu.

Die Effizienz sei ein "Schlüsselfaktor" für den Klimaschutz, so die Kommission. Die Behörde drängt darauf, "Worten endlich Taten folgen zu lassen". Energieeffizienz müsse in alle relevanten Politikbereiche einbezogen werden, um derzeitige Verhaltensmuster zu ändern. Energieeffizienzkriterien müssten in allen Bereichen durchgesetzt werden, auch bei der Vergabe öffentlicher Mittel.

Schätzungen zufolge können die angepeilten Effizienz-Steigerungen die CO2-Emissionen der EU um 780 Millionen Tonnen verringern und 100 Milliarden Euro Treibstoffkosten sparen. Die Spar-Effekte würden die Kosten der nötigen Investition in energieeffiziente Technologien überwiegen, so die Kommission. Privathaushalte könnten um bis zu 1000 Euro im Jahr entlastet werden. Eine Million Jobs könnten in der EU entstehen. In der deutschen Industrie besteht nach wissenschaftlichen Studien ein wirtschaftliches Einsparpotential von jährlich 10 Milliarden Euro.

Der Aktionsplan von 2006 identifiziert notwendige Maßnahmen in zehn Schlüsselbereichen, die zwischen 2007 und Ende 2012 umgesetzt werden sollen. Hierzu gehören unter anderem:

• "Ökodesign"- Effizienzstandards für Produkte wie Fernseher, Kühlschränke und Lampen (EurActiv LinkDossier)

• Die Überarbeitung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EurActiv LinkDossier)

• Die Begrenzung der CO2-Emissionen von Autos und Kleinlastern (EurActiv LinkDossier)

• Die Schaffung des Konvents der BürgermeisterInnen (EurActiv LinkDossier)

Die Mitgliedsstaaten haben der EU-Kommission nationale Energieeffizienz-Aktionspläne (EEAP) vorgelegt. Darin beschreiben sie den Weg zu den Effizienz-Zielen bis 2016.

Allerdings zeigt sich die Behörde unzufrieden mit den Maßnahmen. "Die Qualität der nationalen Aktionspläne für Energieeffizienz (...) ist enttäuschend, so dass das in diesem Bereich vorhandene beträchtliche Potenzial ungenutzt bleibt", heißt es in der Energiestrategie 2020. Die Verbesserung der Energieeffizienz im Verkehssektor gehe beispielsweise zu langsam voran. 

Deutschland will in der EU vorangehen

Die Bundesregierung widmet der Energieeffizienz ein eigenes Kapitel im Energiekonzept 2050. Unter anderem will man gemeinsam mit den Verbänden der Energiewirtschaft ein Pilotvorhaben "Weiße Zertifikate" durchführen, um zu prüfen, ob mit einem solchen Instrument analog zum Emissionshandel kostengünstige Einspar- und Effizienzpotentiale erschlossen werden können und welche Synergieeffekte mit bereits wirksamen Instrumenten möglich sind. Ab 2011 werde man einen Energiespar-Fonds auflegen, der zunächst mit 1 Milliarde Euro ausgestattet wird.

Deutsches Ziel ist es, 80 Prozent des Gebäudebestandes bis 2050 nahezu klimaneutral zu machen. Hierfür müssten 18 Millionen Gebäude saniert werden. Neubauten sollen ab 2020 nahezu keine Energie mehr verbrauchen.

Außerdem hat Deutschland die Exportinitiative Energieeffizienz ("efficiency from germany") gestartet.

Fokus auf Gebäude

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat mehrfach angekündigt, dass der Fokus des überarbeiteten Aktionsplans auf der Energieeffizienz von Gebäuden liegen wird. Gebäude sind für 40 Prozent des Energieverbrauchs in der EU verantwortlich.

Anreiz-Dilemma

"Im Wohngebäudesektor ist die Frage geteilter Anreize zwischen Eigentümern und Mietern zu klären", heißt es in der Energiestrategie. Ein Eigentümer hat nicht unbedingt ein Interesse an einer energetischen Sanierung, von der die Mieter durch Energieeinsparungen profitieren.

Öffentliche Gebäude sollen Vorbild sein

Was den großen Bestand an öffentlichen Gebäuden betrifft, so müssten die Behörden alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (auch die der EU-Regionalpolitik) ausschöpfen, um die Energieeffizienz und Energieautonomie der Gebäude zu verbessern, so die Kommission.

Der große Wurf?

In der Diskussion ist eine Initiative zu europäischen Gebäuden, um die Sanierung von 15 Millionen Gebäuden bis zum Jahr 2020 zu stimulieren. Alle Mitgliedsstaaten könnten dazu verpflichtet werden, einen Nationalen Energieeffizienzfonds einzurichten, um zum Beispiel Vorzugskredite oder Hilfen zur Risikoteilung zu unterstützen. Die Einführung von "Smart Meters" (intelligenten Zählern) soll Effizienzfortschritte beschleunigen.

Training für mehr Effizienz

In der Diskussion ist eine europäische Trainingsstrategie für eine energieeffiziente Arbeitswelt. Mehr Architekten, Bauarbeiter und Installateure sollen befähigt wären, Verbesserungen in der Energieeffizienz umzusetzen. Mehr Experten sollen Energieprüfungen durchführen können.

Verkehr

An zweiter Stelle der Prioritäten steht der Straßenverkehr, der 26 Prozent des Energieverbrauchs in der EU ausmacht. Der Ausstoß von Autoabgasen soll bis 2012 auf 120 g CO2/km beschränkt und der Kauf sparsamer Autos durch eine deutlichere Kennzeichnung gefördert werden. Außerdem werden Alternativen zum Autofahren wie der öffentliche und der nicht motorisierte Verkehr sowie die Telearbeit gefördert.

Einige Optionen beinhalten strengere Standards für die Effizienz von Kraftfahrzeugen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, den Wechsel zu weniger energieintensiven Formen des Transports und der öffentlichen Verkehrsmittel, sowie die Förderung erneuerbarer und alternativer Treibstoffe.

Smart Cities

Die "Smart Cities"-Initiative will Ansätze in mehreren Sektoren zusammen bringen - von der Mobilität bis zur Netz-Infrastruktur. Die Idee ist, dass die EU 25 bis 30 europäische Städte auswählt, um Energieeffizienz und erneuerbare Energien als Vorreiter einzuführen, sowie "Smart Networks", eine neue Generation von Gebäuden und alternativen Verkehrsmitteln.

Positionen


Think Tank

Hohe Energieversorgungssicherheit und Klimaschutz seien unstrittige Ziele der Energiepolitik der EU, schreibt das Centrum für Europäische Politik Freiburg (CEP) in einer umfassenden Opens external link in new windowAnalyse der EU-Energiepolitik. Fraglich sei jedoch, ob die Kommission den Weg weiterverfolgen sollte, Energieeffizienz – entweder als eigenständiges Ziel oder als Mittel zur Erreichung andere Zwecke – politisch vorzugeben. Die Kommission solle sparsam mit regulatorischen Instrumenten zur Erzielung einer höheren Energieeffizienz umgehen. Stattdessen sollte die Informationslage der Verbraucher z. B. durch Kennzeichnungssysteme gestärkt werden und marktliche Mechanismen wie das Emissionshandelssystem und die Energiebesteuerung stärker berücksichtigt werden.

Wirtschaft

EuroACE, die Europäische Allianz der Unternehmen für Energieeffizienz in Gebäuden, will neue, verbindliche Ziele für den Gebäudesektor. Ohne klare Vorgaben laufe Europa Gefahr, sein Effizienzziel zu verfehlen, so der Verband in einer Erklärung.

Das Industrielle Energieeffizienzforum (EEIF), das Organisationen wie das Europäische Kupfer-Institut, den Europäischen Verband für Lampenhersteller (ELC) und den Europäischen Verband der Intelligenten Energieeffizienzdienstleister vertritt, fordert eine ehrgeizige Baustrategie, die sich auf die Renovierung existierender Gebäude konzentrieren sollte, in Verbindung mit einer Finanzierungsstrategie für Bauten mit sehr niedrigem Energieverbrauch.

Die Task-Force des Europäischen Bausektors für den Aktionsplan zur Energieeffizienz, der Industrieverbände angehören, wie der Europäische Verband der Bauindustrie (FIEC) und das RICS (Royal Institution of Chartered Surveyors), NGOs wie die European Climate Foundation, aber auch die Europäische Investitionsbank (EIB), hält verbindliche Sanierungsziele für nötig. Dies müsse mit den Finanzierungs- und Anreizsystemen verbunden und vollständig koordiniert sein. Die Ziele müssten auch durch effektive Zertifizierungsprogramme für Energieeffizienz unterstützt werden, die es Investoren und Steuerbehörden ermöglichten, eine faire Bewertung der Energieleistung und des Sparpotentials eines Gebäudes durchzuführen, so die Fachleute.

Sie errechneten, dass 50 Millionen Gebäude bis 2020 Energierenovierungen durchlaufen sollten. Dieses Ziel müsse so definiert werden, dass es an die Richtlinie über die Gesamteffizienz von Gebäuden gebunden werden könne.

Veolia Environnement sieht mit der Neuauflage des Plans die Möglichkeit, Hindernisse zur effektiven Maßnahmendurchsetzung in vorrangigen Bereichen – wie Ko-Erzeugung, Fernheizung und Gebäude - zu identifizieren und zu überwinden. Der Rahmen der Energieeffizienz müsse dauerhaft transparent, mit klaren Zielen, wirtschaftlich attraktiv und sichtbar sein. 

Umweltverbände

Europäische Umwelt-Organisationen drängen auf ein verbindliches Ziel zur Energieeffizienz mit einer absoluten Grenze für den Energieverbrauch jedes Mitgliedsstaats bis 2020. In einem Brief an EU-Kommissionsprädisent José Manuel Barroso schreiben CAN-Europe, das EEB, Greenpeace, Friends of the Earth Europe und der WWF, das verbindliche Ziel sollte mit Bestimmungen einhergehen, wie die Einhaltung gemessen wird.

Die NGOs fordern zudem steuerliche Anreize zur Energieeffizienz. Man erwarte hier einen klaren Vorschlag der Kommission.

EurActiv/awr

Links


EU-Kommission:

Energieeffizienz. Übersicht.

Opens external link in new windowEnergiepolitik: Kommission stellt neue Strategie bis 2020 vor. Pressemitteilung (10. November 2010)

Opens external link in new windowEnergiestrategie 2020. Übersicht.

Opens external link in new windowKonsultation zur Energiestrategie

Aktionsplan für Energieeffizienz (2007-2012)

Energieeffizienz im Jahr 2020

EU-Parlament

Opens external link in new windowEntschließung des Europäischen Parlaments zu der Überarbeitung des Aktionsplans für Energieeffizienz (2010/2107(INI)) (15. Dezember 2010)

Opens external link in new windowBendtsen-Berich zur Überarbeitung des Aktionsplans für Energieeffizienz

Deutschland

Bundesregierung: Energiekonzept 2050

BMU: Energieeffizienz

BMWi: Energieeffizienz & Energieeinsparung

BMWi: Nationaler Energieeffizienz- Aktionsplan (EEAP) der Bundesrepublik Deutschland (2007)

BMWi: Opens external link in new windowExportinitiative Energieeffizienz

Dena: Initiative EnergieEffizienz

Dena: Energieeffiziente Kommune

Think Tanks

CEP: Kompass zur EU-Energiepolitik

IEP European Energy Policy Monitoring: Energieeffizienz

International Organisation

International Energy Agency (IEA): Energy efficiency

Wirtschaft

Energy Efficiency Industrial Forum (EEIF): Contribution to the consultation on Energy Efficiency Action Plan 2006 (3. August 2009)

EuroACE: EU energy saving target key to achieving the new Europe 2020 objectives (18 Juni 2010)

Veolia: Revision of the 2006 energy efficiency action plan: Veolia's perspective (25. September 2010)

Energy Efficiency Action Plan Task Force of the Construction Sector: The Fundamental Importance of Buildings in Future EU Energy Saving Policies (12. Juli 2010)

International Union of Property Owners (UIPI): Making energy efficiency in buildings a priority should not create unnecessary burdens for private building owners (9. September 2010)

Energy Efficiency Industrial Forum:
5Cs for Energy Efficiency: The cornerstone of a viable energy policy for Europe (Juni 2010)

Umweltverbände

CAN-Europe, WWF, European Environmental Bureau (EEB), Friends of the Earth Europe and Greenpeace: Letter to Commission President: Revision of the EU’s Energy Efficiency Action Plan (29. Oktober 2009)

WWF: Energy efficiency

Greenpeace: Energy efficiency

European Climate Foundation: 'Energy Savings 2020' report and related papers (September 2010)

Pew Center on Global Climate Change: Corporate Energy Efficiency Project

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