Van Son: "Es fehlt nachhaltige Energie, die aus dem Ausland kommen muss"

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Als Geschäftsführer der Desertec Industrial Initiative (Dii) ist Paul van Son viel in Ländern wie Tunesien, Ägypten und Marokko unterwegs. "Man spürt einen neuen Zeitgeist voller Hoffnung und Aufbruchsstimmung", sagt van Son bei einem Besuch der EurActiv.

Paul van Son (Desertec Industrial Initiative) im Interview

In der Debatte zur deutschen Energiewende spielte das Wüstenstromprojekt Desertec bislang kaum eine Rolle. Paul van Son, Chef der Desertec Industrial Initiative (Dii), gibt sich im Interview mit EurActiv.de gelassen: "Wir haben gar nicht das Bedürfnis, jeden Tag zu rufen: Hier sind wir noch." Außerdem verrät van Son, inwieweit Griechenland auch für Desertec wichtig ist und warum er Konkurrenz aus den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens nicht fürchtet.

Zur Person


Paul van Son
ist seit 2009 Geschäftsführer der Desertec-Industrial-Initiative (Dii GmbH), die sich für die Übertragung von in Wüstenregionen erzeugtem Solar- und Windstrom nach Europa engagiert. Das Ziel: Bis 2050 soll ein erheblicher Teil des Energiebedarfs der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika) und etwa 15 Prozent der europäischen Stromnachfrage gedeckt werden. Van Son ist seit vielen Jahren im Energiesektor tätig und arbeitete unter anderem für den niederländischen Stromkonzern Essent. Vor rund zwölf Jahren gründete der Niederländer den europäischen Energiehändlerverband Efet. Außerdem startete van Son die Stiftung Energy4All, die Ökostrom-Projekte in Afrika fördert.

Der Dii haben sich zahlreiche Partner angeschlossen, darunter der Technologiekonzern Siemens, der Versicherungskonzern Munich Re, die Stromkonzerne RWE und Eon.
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EurActiv.de: In Europas Schuldenkrise gerät auch der Energiesektor in den Blick (EurActiv.de vom 26. Juli 2011). Was halten Sie von der Idee, die Solarthermie in großem Stil in Griechenland und Portugal zu fördern, um diesen krisengeschüttelten Euro-Ländern neue Exportchancen zu eröffnen? Ergeben sich hier Kooperationsmöglichkeiten mit Desertec?

VAN SON: Wie ich verstanden habe, hat Griechenland gute Voraussetzungen, um Strom aus Windanlagen und Photovoltaik für den Eigenverbrauch und den Export in andere EU-Staaten zu produzieren. So könnte ein neuer Wirtschaftszweig entstehen, und mehr fossile Brennstoffe könnten eingespart werden. Noch besser als in Europa sind die Bedingungen gerade für Solarenergie in Nordafrika und dem Nahen Osten. Die Länder dieser Region verfügen über sehr große nutzbare Wüstenflächen mit weitaus höherer Sonneneinstrahlung. In der Netzverbindung der EU mit der Türkei und dem Nahen Osten kommt Griechenland als Transitland eine Schlüsselrolle zu.

Transformation in Nordafrika: "Ein neuer Zeitgeist"

EurActiv.de: Seitdem die Desertec Industrial Initiative (Dii) gestartet ist, hat sich die Situation in Nordafrika grundlegend verändert. Sie sind viel in Ländern wie Tunesien, Ägypten und Marokko unterwegs. Wie empfinden Sie dort die Stimmung?

VAN SON: Ich bin hauptsächlich mit politischen und wirtschaftlichen Vertretern dieser Länder in Kontakt. Man spürt einen neuen Zeitgeist voller Hoffnung und Aufbruchsstimmung. Ich stelle vor allem fest, dass es eine breite Zustimmung zum Ausbau von Erneuerbaren Energien gibt.

EurActiv.de: Treffen Sie auf andere Partner als vor den Umbrüchen?

VAN SON: Die Energiefachleute in den Ministerien und Unternehmen sind die gleichen geblieben. In Ägypten hat der Energieminister als einziger den Regierungswechsel überstanden. In Tunesien ist der Staatssekretär für Energie nun Minister geworden. In Fachfragen sehen wir Kontinuität.

EurActiv.de: Bremst der Transformationsprozess ihr Projekt?

VAN SON: Die Veränderungen in den Ländern bestärken uns in unserem Vorhaben. Die Bevölkerung fordert nun, in solche Entwicklungen involviert zu werden und teilzuhaben. Die Menschen äußern den Wunsch nach nachhaltiger Energieversorgung, die auch wirtschaftliche Chancen bietet.

"Ich bin sehr zufrieden, wie man die Idee in Berlin aufnimmt"

EurActiv.de: Inzwischen ist die Rede davon, dass die Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrika (MENA) nicht auf die Desertec Industrial Initiative angewiesen sind, um das Ökostrom-Potenzial der Region auszuschöpfen. Beispielsweise forciert Marokko den Bau von über zehn Windparks entlang des Atlas-Gebirges und an der Atlantikküste und will bis 2019 Solarkraftwerke mit 2000 MW Leistung an fünf Standorten bauen. Galal Osman, Vizepräsident der World Wind Energy Association aus Kairo, wird vom Online-Portal Heise.de mit den Worten zitiert: "Die MENA-Länder werden nicht auf die europäische Desertec-Initiative warten". Fürchten Sie die einheimische Konkurrenz?

VAN SON: Ich sehe hier keinen Widerspruch. Man muss die Arbeit der Industrieinitiative von der Idee "Desertec" unterscheiden. Grundlage dieser Vision ist, dass die Länder selbst Erneuerbare Energien aufbauen und nutzen. Unsere Aufgabe ist es, dafür ein Wegbereiter zu sein. Wir unterstützen mit technischem Wissen, Finanzierungskonzepten und Vorschlägen für politische Rahmenbedingungen, um die Energie an die Märkte zu bringen.

EurActiv.de: Kommen wir zu Deutschland. Die Bundesregierung hat die Verkürzung der AKW-Laufzeiten auf den Weg gebracht. Das ursprüngliche Energiekonzept aus dem Herbst 2010 wurde entsprechend umgekrempelt. Sind Sie zufrieden mit der Rolle, die Desertec bei der geplanten Energiewende zugemessen wird?

VAN SON: Wir waren schon vergangenes Jahr zufrieden, dass Desertec im Energiekonzept erwähnt wurde. Das jetzt der Fokus erst mal auf dezentraler Versorgung mit Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz liegt, ist sinnvoll. Das ist die richtige Reihenfolge, um die Energiewende zu schaffen. Wir gehen davon aus, dass Desertec ein Teil des Gesamtkonzepts bleibt.

EurActiv.de: Bislang gibt es im Energiekonzept nur das allgemeine Bekenntnis, dass der Import von Solarstrom aus Ländern Nordafrikas perspektivisch bis 2050 einen Beitrag für die zukünftige Energieversorgung in Europa leisten kann. Außerdem wurde eine "Task Force" für die Koordinierung zwischen der Industrieinitiative Dii und der Bundesregierung eingerichtet, angesiedelt beim Wirtschaftsministerium. Die beteiligten Unternehmen sollen im Rahmen der Exportförderung unterstützt werden. Auch bei Gesprächen mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) zur Finanzierung könnte die Arbeitsgruppe helfen. Reicht Ihnen das?

VAN SON: Ich bin sehr zufrieden, wie man die Idee in Berlin aufnimmt. Dass eine Bundesregierung mit so vielen Ministerien eine eigene Task Force gründet, ist sehr gut. Wir haben mit dieser Arbeitsgruppe bereits mehrere konstruktive, sehr detaillierte Gespräche geführt.

"Grundlastfähiger Strom aus den Wüstenregionen"

EurActiv.de: Theoretisch ist der Ökostrom-Import aus Drittländern schon heute auf Grundlage der Erneuerbaren-Richtlinie der EU möglich. Hätten Sie sich gewünscht, dass die Novelle des deutschen Erneuerbaren-Energie-Gesetztes (EEG) Öko-Stromimporte als langfristigen Weg stärker betont?

VAN SON: Der Import ginge schon kurzfristig. Aus Marokko können Sie sozusagen morgen Erneuerbare Energien in die EU importieren. Deutschland könnte bei entsprechendem Ausbau der Übertragungsnetze in wenigen Jahren Solarstrom aus Nordafrika beziehen. Die Infrastruktur zwischen Nordafrika und Europa ist vorhanden. Es gibt zwei Kabel zwischen Spanien und Marokko. Noch exportiert Spanien nach Marokko aber es ginge eben auch umgekehrt.

EurActiv.de: Das heißt, die Idee des Ökostrom-Imports im großen Stil ist in Deutschland noch nicht angekommen?

VAN SON: Ökostrom-Import ist ja ein entschiedener Teil der Desertec-Vision. Diese Idee ist durchaus angekommen.

EurActiv.de: Aber in der Fukushima-Debatte kam die Möglichkeit der Ökostrom-Importe kaum vor. Niemand sagte: 'Wir schaffen die Energiewende, indem wir 10 Prozent unserer Energie aus Erneuerbaren im Ausland beziehen'…

VAN SON: Das ist richtig. Konkrete Importpotenziale waren nicht Teil der Debatte. Man sollte zuerst fragen: Wie steigern wir die Energieeffizienz? Welches Potenzial haben die dezentralen Erneuerbaren in Deutschland? Und dann wird man zu dem Schluss kommen, es fehlt noch nachhaltige Energie, die sowieso aus dem Ausland kommen muss. Diese zentrale Energieversorgung können Erneuerbare Energien aus Nordafrika leisten.

EurActiv.de: Steckt hinter der deutschen Zurückhaltung gegenüber dem Ökostrom-Importen nicht der Wunsch, sich im Zeitalter der Erneuerbaren möglichst autark und dezentral zu versorgen, auch im Interesse der heimischen Solarbranche?

VAN SON: Die Energieversorgung in Europa, insbesondere in Deutschland ist nur schwer nachhaltig zu gestalten. Wir gehen davon aus, dass Photovoltaik in Deutschland ausgebaut wird, soweit das ökonomisch sinnvoll ist. Man muss natürlich berücksichtigen, dass dieser Strom sehr volatil ist. Gas wird noch lange eine Brückentechnologie sein. Zum Import von Atomstrom aus Frankreich und Tschechien ist grundlastfähiger Strom aus den Wüstenregionen Nordafrikas eine gute Alternative.

"Wir steigen ein, wenn die Konditionen stimmen"

EurActiv.de: EU-Energiekommissar Günther Oettinger drängt darauf, die Förderung der Erneuerbaren Energien zunehmend europäisch zu koordinieren, was auch den Ökostrom-Import aus Nicht-EU-Staaten erleichtern könnte. Bislang stößt er vor allem in Berlin auf Widerstand, wo Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) von einer EU-weiten Förderungspraxis noch nichts wissen will. Ärgert es Sie, dass die EU als eine Gemeinschaft für Erneuerbare nicht vorankommt?

VAN SON: Die Energieversorgung war lange eine nationale Angelegenheit. Es braucht Zeit, um auf ein größeres, europäisches System umzusteigen. Es gibt zum Beispiel Befürchtungen, dass dann in bestimmten Ländern gar nicht mehr investiert wird. So eine Harmonisierung muss schrittweise geschehen. Es geht um einen Prozess, um Vertrauen, Gewöhnung und Akzeptanz.

EurActiv.de: Es geht ja nicht nur um die technische Machbarkeit. Ökostrom aus solarthermischen Anlagen (CSP) in Nordafrika ist noch nicht marktreif und müsste in irgendeiner Form von den europäischen Abnehmern subventioniert werden. Es gibt absehbar aber noch keinen EU-weit einheitlichen Förderungssatz. Wie soll das also funktionieren?

VAN SON: Die derzeitigen Kosten sind nicht die entscheidende Frage. Klar ist, die Herstellungskosten werden langfristig sinken und auf Marktniveau gebracht werden müssen. Einige Regierungen sehen, die Notwenigkeit einer solchen Entwicklung und möchten diese Entwicklung stimulieren.

EurActiv.de: Welche Stimulierung braucht die Dii?

VAN SON: Es sind viele Wege vorstellbar wie beispielsweise: Abnahmevereinbarungen, die Förderung der Investitionen oder verbilligte Darlehen Wir sprechen mit vielen Regierungsvertreten und zeigen die Optionen auf. Wie es am Ende ausgestaltet wird, das bleibt den Regierungen überlassen.

EurActiv.de: Kommen wir zur privaten Finanzierung. Wie ist die Stimmung auf den Märkten, können Sie Investoren überzeugen?

VAN SON: Unsere Gesellschafter sagen weiterhin: Wir steigen ein, wenn die Konditionen stimmen. Das hat sich nicht verändert. Ich nenne keine Namen, aber es gibt sehr prominente Gesellschafter und Partner, die darauf vorbereitet sind zu investieren.

Fokus auf die lokalen Verbesserungen

EurActiv.de: In letzter Zeit, ist etwas still um die Dii geworden. Es gab auch Gerüchte, die Initiative komme nur schleppend voran…

VAN SON: Mir ist wichtig, dass wir planmäßig vorankommen. Wir haben vergangenes Jahr unsere Strategie festgelegt. Bis Ende 2012 werden wir einen "Rollout-Plan" vorlegen. Dann wollen wir Rahmenbedingungen für die Stromerzeugung, die Übertragung und das regulatorische Umfeld liefern. Die Kooperation funktioniert. Jeder macht seine Arbeit. Wir haben gar nicht das Bedürfnis, jeden Tag zu rufen: 'Hier sind wir noch!'

EurActiv.de: Am 2. und 3. November 2011 findet die zweite Desertec-Jahreskonferenz statt, diesmal in Kairo. Was ist von dem Treffen zu erwarten?

VAN SON: Wir haben bei der ersten Konferenz in Barcelona 2010 alle Partner aus Wirtschaft und Politik eingeladen. Das war zu unserer Überraschung eine riesige Veranstaltung. Es haben sich 450 Personen angemeldet. Auch Energiekommissar Günther Oettinger ist gekommen. Das wollen wir in Ägypten wiederholen. In Kairo werden uns noch mehr auf die sozioökonomischen Effekte von Desertec konzentrieren – also auf die neuen Arbeitsplätze, die Industrialisierung und die lokalen Verbesserungen.

"Solarstrom für Hunderte von Millionen Menschen"

EurActiv.de: Als die Initiative 2009 startete, wirkte sie visionär. Das Projekt klang wie aus einem Abenteuerroman von Jules Verne. Folgt der Phase des Visionären, der Begeisterung nun eine Art Ernüchterung, weil es an die Umsetzung geht?

VAN SON: Ich will wissen: Wie entsteht für Desertec ein normaler Markt? Das finde ich schon eine starke Vision. Jetzt geht es um die Umsetzung. Wie machen wir das? Wie nimmt der Markt das auf? Was sagen die Regierungen in Nordafrika und im mittleren Osten, die Bevölkerung, die Unternehmen und die Regierungen in Europa?

EurActiv.de:
Die kommende Entwicklung der Energietechnologien scheint unberechenbar. Weltweit wird an unterschiedlichsten Konzepten geforscht – zum Beispiel an der Kernfusion, an Energietürmen, an genetisch veränderten Algen für die Sprit-Produktion. Was passiert, wenn sich durch Technologiesprünge in zehn Jahren herausstellt, dass Desertec gar nicht gebraucht wird?

VAN SON: Das ist eine interessante Frage. Wir müssen unterscheiden zwischen nachhaltigen Energiequellen und den Technologien für Energiegewinnung aus diesen Quellen. Was Quellen anbetrifft, kann ich mir kaum etwas besseres vorstellen als Sonne und Wind aus menschenleeren Gegenden. Was die Umsetzung betrifft, sind wir komplett offen. Da kann sich noch vieles ändern. Man weiß noch nicht, ob es noch irgendwann neue Quellen gibt, die in jeder Hinsicht besser sind. 

EurActiv.de: Sollte die Dii tatsächlich eines Tages zehn Prozent der europäischen Strom-Nachfrage decken, wäre das ein gigantisches Geschäft. Edda Müller, Vorsitzende von Transparency Deutschland, mahnte bereits, das Desertec-Konsortium müsse Vorkehrungen gegen  Korruption und die Bereicherung einzelner Akteure in der MENA-Region treffen. Besteht Handlungsbedarf?

VAN SON:
Die Wahrung von Compliance-Standards insbesondere die Vermeidung von Korruption ist ein zentrales Anliegen der Dii, seiner Gesellschafter und assoziierten Partner. Die Satzung der Dii bringt diese Verpflichtung unmissverständlich zum Ausdruck. Zusätzlich arbeiten wir gerade an einer freiwilligen Selbstverpflichtung, die weit über die gesetzlichen Standards hinausgeht. Dazu sind wir neben anderen Organisationen auch mit Transparency Deutschland in Kontakt.

Interview: Opens window for sending emailAlexander Wragge

Links

Presse

Heise.de: Afrikanische Staaten entwickeln Desertec-Konkurrenz (25. Mai 2011)

Interviews zur Energiewende

Deutscher Atomausstieg: "Dramatisches Signal an europäische Strommärkte" (31. Mai 2011)

Reul: Europäische Nachbarn zahlen für deutschen Atomausstieg (31. Mai 2011)

Mehr zum Thema auf EurActiv.de:

BDI will Griechen helfen - Solarstrom für Deutschland? (26. Juli 2011)

EU-Märkte: Berlin will Öffnung für Nordafrika (24. Mai 2011)

EU-Energiegemeinschaft mit Nordafrika: Chance für Desertec (31. Januar 2011)

Dokumente

EU-Kommission: Eine Partnerschaft mit dem südlichen Mittelmeerraum für Demokratie und gemeinsamen Wohlstand. Mitteilung der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton (8. März 2011)

EU-Kommission: Klimawandel: Kommission legt Fahrplan für die Schaffung eines wettbewerbsfähigen CO2-armen Europa bis 2050 vor (8. März 2011)

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