IEA: Katastrophales Sechs-Grad-Szenario in Sicht

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Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), hat den World Energy Outlook 2011 vorgestellt. Foto: OECD/IEA

Die Internationale Energieagentur (IEA) schlägt Alarm: Die Erderwärmung ist kaum noch aufzuhalten. "Wir steuern auf ein Sechs-Grad-Szenario mit katastrophalen Folgen zu", sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2011. Der WEO 2011 prognostiziert goldene Zeiten für Erdgas, eine gesicherte Zukunft für Kohle und hält ein Plädoyer für CCS und Atomstrom. Die Erneuerbaren sind auch 2035 noch auf Milliarden-Subventionen angewiesen.

Erdgas-Produzenten blicken einem "goldenen Zeitalter" entgegen, prognostiziert Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA). Angebot und Nachfrage würden sich in den kommenden 20 Jahren glänzend entwickeln. Für den Klimaschutz ist der Ausblick dagegen sehr pessimistisch, sagte Birol am Freitag (11. November 2011) in Berlin bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2011 (WEO 2011).

Alte und neue Verantwortlichkeiten

Mit Blick auf die 17. Weltklimakonferenz, die vom 28. November bis zum 9. Dezember im südafrikanischen Durban stattfinden wird, rief Birol die Industrie- und Schwellenländer auf, ihren Streit um die Frage der Verantwortung für den Klimawandel zu beenden.

Die Entwicklungs- und Schwellenländer unter der Führung Chinas verwiesen zurecht auf die historische Verantwortung der heutigen Industriestaaten. Sie hätten seit Anfang des 20. Jahrhunderts Kohle und andere fossile Brennstoffe eingesetzt, um ihre Industrialisierung voranzutreiben. Die USA und die EU seien daher über den Gesamtzeitraum betrachtet für die meisten CO2-Emissionen verantwortlich.

Allerdings wird sich die Lage in den kommenden Jahren grundlegend ändern. Der Energiehunger der asiatischen Industriezentren und der anhaltende Boom auf dem privaten Auto-Markt wird zu dem voraussehbaren CO2-Anstieg Chinas und Indiens führen. Die IEA-Analysten sagen voraus, dass China bereits 2015 die EU als zweitgrößten CO2-Emittenten ablösen könnte. Die USA werden aber auch 2035 noch der größte Kohlendioxid-Produzent aller Zeiten sein.

Vorentscheidung in Durban

"In Durban müssen sich alle bewegen. Die historischen und die derzeitigen Verantwortlichkeiten müssen zusammen betrachtet werden", forderte Birol. Bei der UN-Klimakonferenz in Cancún wurde im Dezember 2010 vereinbart, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Das Zeitfenser, um dieses Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, schließe sich aber in den kommenden Jahren, so Birol.

"Ich bin heute deutlich pessimistischer als noch vor einem Jahr. Ich bin besorgt, weil die CO2-Emissionen 2010 einen historischen Höchststand erreicht haben und weil sich die Energieeffizienz weltweit betrachtet 2009 und 2010 verschlechtert hat", sagte Birol in Berlin.

Vor der Durban-Konferenz haben die EU-Finanzminister diese Woche ihre Position zur Finanzierung des Klimaschutzes abgestimmt. Nichtregierungsorganisationen haben diesen Ansatz umgehend kritisiert (EurActiv vom 9. November).

Steigender Energieverbrauch

Der WEO 2011 verweist darauf, dass 90 Prozent des weltweiten Wachstums des Energieverbrauchs von 2010 bis 2035 auf Nicht-OECD-Länder entfallen. "Die Deutschen schauen, was in Berlin entschieden wird. Doch die Entscheidungen, die in China und in Russland getroffen werden, haben weltweite Auswirkungen, auch auf die Deutschen", so Birol.

Während die Deutschen den Atomausstieg beschlossen haben, ist eine Abkehr von der Kernenergienutzung auf globaler Ebene nicht in Sicht. Während die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima weltweit zu einer Debatte um die Zukunft der Nuklearenergie geführt hätten, treiben Länder wie China, Indien, Russland und Korea den Auf- und Ausbau von Kernkraftwerken weiter intensiv voran.

IEA für CCS

Der IEA-Chefökonom warnte zudem vor den Konsequenzen eines schnellen globalen Atomausstiegs. Zwar ergeben sich daraus Chancen für die erneuerbaren Energien, doch noch mehr würden fossile Brennstoffe profitieren. Der "vergessene Energieträger" Kohle bleibe weiterhin der wichtigste Rohstoff für die wachsenden Volkswirtschaften der Schwellen- und Entwicklungsländer.

Die IEA setzt dabei auf den "starken Ausbau effizienterer Kohlekraftwerkstechnologien" sowie auch die umstrittene Technologie für die CO2-Abtrennung und -Speicherung (CCS). CCS-Technologien müssten in den 2020er Jahren weiträumig eingeführt werden, ansonsten wäre das Erreichen der Weltklimazeile "eine außerordentlich schwierige Aufgabe", heißt es im WEO 2011.

Subventionen für Erneuerbare

Die erneuerbaren Energien spielen im WEO 2011 keine entscheidende Rolle. Der Anteil der Wasserkraft an der weltweiten Stromerzeugung bleibe bei 15 Prozent, wobei auf China, Indien und Brasilien fast die Hälfte der 680 Gigawatt an neuen Kraftwerkskapazitäten entfalle. Nur wenn die Staaten das jährliche Subventionsniveau auf 180 Milliarden US-Dollar verfünfachten, könnte der Anteil der erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) an der Stromerzeugung zwischen 2009 und 2035 von drei Prozent auf 15 Prozent steigen. Vorreiter bei der Erneuerbaren-Förderung seien China und die EU. Um auf den Elektrizitätsmärkten wettbewerbsfähig zu sein, seien die Erneuerbaren noch bis mindestens 2035 auf finanzielle Förderung angewiesen.

"Dies ist zwar kostspielig, wird jedoch voraussichtlich dauerhafte Vorteile im Hinblick auf die Versorgungssicherheit und Umweltschutz bringen. Um eine stärkere Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen, teilweise an abgelegenen Standorten, zu ermöglichen, bedarf es zusätzlicher Investitionen in die Übertragungsnetze im Umfang von zehn Prozent des Gesamtinvestitionsbedarfs im Übertragungsbereich. In der EU beläuft sich dieser Anteil auf 25 Prozent", heißt es im WEO 2011.

Geringschätzung für Erneuerbare

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) kritisierte die "Geringschätzung" der erneuerbaren Energien durch die IEA im WEO 2011. "Das Potenzial der Erneuerbaren Energien wird von der IEA kleingerechnet. Gleichzeitig werden die Kosten für deren Ausbau viel zu hoch kalkuliert, indem die Kapitalkosten der Erneuerbaren überbetont und wegfallende Brennstoffkosten ignoriert werden. Damit verschleiert der Bericht das große Potenzial der Erneuerbaren für eine nachhaltige Energieversorgung weltweit", sagte Rainer Hinrichs-Rahlwes, Vorstandsmitglied des BEE.

Michael Kaczmarek

Links


IEA:
World Energy Outlook 2011 (November 2011)

Rat: Council conclusions on Climate Finance - Fast Start Finance (8. November 2011)

Zum Thema auf EurActiv.de

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