Belgien plant Atomausstieg bis 2025

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Die neue Regierungskoalition in Belgien will am Atomausstieg bis 2025 festhalten. Es wäre auch das Aus für das Atomkraftwerk Tihange an der Grenze zu Deutschland. Foto: dpa

Belgiens künftige Regierungskoalition hat sich darauf verständigt, bis 2025 aus der Kernenergie auszusteigen. In Deutschland hat der Atomausstieg nun ein juristisches Nachspiel. EurActiv.de bietet eine Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa.

Belgiens künftige Sechs-Parteien-Koalition unter der Führung des wallonischen Sozialdemokraten Elio di Rupo hat angekündigt, die drei ältesten Atommeiler im Jahr 2015 abzuschalten und bis 2025 vollständig aus der Kernenergienutzung auszusteigen. Die endgültige Entscheidung ist dabei an die Bedingung geknüpft, dass bis dahin die Energieversorgung aus alternativen Energiequellen sichergestellt ist.

"Falls sich herausstellt, dass es keine Versorgungsengpässe gibt und die Energiepreise nicht in die Höhe schnellen, dann beabsichtigen wir, am Atomausstiegsgesetz von 2003 festzuhalten", sagte eine Sprecherin des belgischen Energie- und Klimaschutzministeriums.

Belgien hat sieben Reaktoren in den zwei Atomkraftwerken (AKWs) Doel und Tihange, die mehr als die Hälfte der Stromerzeugung abdecken. Der schrittweise Atomausstieg wurde bereits 2005 vereinbart, die Umsetzung galt aber zwischenzeitlich als ungewiss.

Vattenfall verklagt Deutschland

Deutschland hat angesichts der Nuklearkatastrophe in Fukushima entschieden, bis 2022 aus der Kernkraftnutzung auszusteigen. Die Energiekonzerne haben daraufhin angekündigt, juristische Schritte und Schadensersatzklagen zu prüfen.

Wie das Handelsblatt am Mittwoch berichtet, will der schwedische Versorger Vattenfall vor das Schiedsgericht für Investitionsstreitigkeiten (ICSID) in Washington ziehen und dort von der Bundesregierung Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe erlangen.

Kernenergie in der EU

Jedem EU-Mitgliedsland steht es frei, Atomenergie zu nutzen oder nicht. Die Grundlage für die friedliche Nutzung der Kernenergie in der EU wurde 1957 durch die Gründung von Euratom geschaffen. Der EU-Umweltexperte Claus Mayr skizziert in einem Standpunkt auf EurActiv.de die Nuklear-Debatte seit den 70er Jahren.

Nach Angaben der European Nuclear Society, einem internationalen Verband von 23 Atomstromerzeugern, waren im August 2011 EU-weit 135 AKWs in Betrieb. Sechs weitere AKWs sind derzeit im Bau: jeweils zwei in Bulgarien und der Slowakei und je eines in Frankreich und Finnland.

Belgien

Belgien hat sieben AKWs, die mehr als die Hälfte der Stromerzeugung abdecken. Der erste kommerziell betriebene Meiler ging 1974 ans Netz.

Bulgarien

Bulgarien verfügt über zwei Atomkraftwerke, die 35 Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Das Land baut derzeit mit Unterstützung Russlands die Zwillings-Atommeiler Belene I und II. Im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen wurden zwei alte Atommeiler abgeschaltet.

Dänemark

Dänemark besitzt keine Atomkraftwerke. Obwohl es bei der Atomforschung führend war, hat das Parlament 1985 entschieden, dass keine Atommeiler in Dänemark gebaut werden. Das Land setzt zur Stromerzeugung auf Kohlekraftwerke und Windkraft, ist allerdings auf den Import von Atomenergie zur Grundlastversorgung angewiesen.

Deutschland

Deutschland hat bis zum Atomausstieg etwa 25 Prozent seines Energiebedarfs mit Kernenergie gedeckt. Bis Ende 2022 sollen alle Meiler vom Netz gehen.

Finnland

Finnland besitzt vier Atommeiler, die 30 Prozent der finnischen Energie erzeugen. Ein fünfter Reaktor ist im Bau und zwei weitere sind in der Planung.

Frankreich

Frankreich verfügt über 58 Atommeiler, die über 75 Prozent des Energiebedarfs decken. Frankreich ist der größte Nettoexporteur von Strom.

Großbritannien

Großbritannien betreibt 18 Reaktoren. Bis 2023 sollen 17 davon stillgelegt werden. Allerdings ist der Bau von 19 neuen Reaktoren geplant. Der erste davon soll bis 2018 ans Netz gehen. Das Land deckt derzeit 18 Prozent des Energiebedarfs durch Atomenergie.

Italien

Italien ist das einzige Land in der G8, das keine Atomkraftwerke besitzt. Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte Italien die letzten beiden seiner ursprünglich vier AKWs stillgelegt. Mehr als 10 Prozent seines Energiebedarfs deckt Italien mit dem Import von Atomenergie.

Atomstrom soll jedoch wieder Teil der Energiestrategie Italiens werden. Eine entsprechende Volksabstimmung ist für Juni geplant. Jüngst wurde bereits eine Agentur für Atomsicherheit in Italien gegründet. Die italienische Regierung plant, 2013 mit dem Bau neuer Atommeiler zu beginnen. Bis 2030 soll Atomenergie ein Viertel der Energieproduktion Italiens ausmachen.

Litauen

Litauen hat 2009 seinen letzten Atommeiler abgeschaltet. Bis dahin hatte dieser 70 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Heute ist Litauen völlig von Energieimporten anhängig. Die Pläne, das alte AKW Ignalina zu ersetzten, sind  derzeit eingefroren.

Niederlande

Die Niederlande besitzen derzeit einen Reaktor, der vier Prozent der Energieproduktion erzeugt. Zwei neue Reaktoren sind in Planung.

Polen

Polen ist 2010 der OECD Nuclear Energy Agency (NEA) beigetreten und bereitet den Start seines Atomenergieprogramms vor. Mitte 2011 sollte der gesetzliche Rahmen für den Bau von zwei AKWs festgelegt werden. Der Baubeginn des ersten AKWs soll 2016 erfolgen.

Rumänien

Rumänien hat zwei Atommeiler in Betrieb, die rund 20 Prozent des rumänischen Stroms erzeugen. Das erste AKW ging 1996 ans Netz, im Mai 2007 das zweite. Rumänien plant den Bau zwei weiterer Reaktoren.

Schweden

Schweden hat zehn Atomkraftwerke in Betrieb. Die Stromversorgung wird zu 40 Prozent aus Atomenergie gedeckt. 1980 hatte Schweden beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen. Im Juni 2010 hat das schwedische Parlament jedoch den Atomausstieg rückgängig gemacht. Schweden besteuert Atomstrom mit 0,67 Cent pro kWh.

Slowakei

Die Slowakei betreibt vier Reaktoren, die 50 Prozent des Stroms erzeugen. Zwei weitere AKWs sind im Bau.

Slowenien

Slowenien betreibt seit 1981 zusammen mit Kroatien einen Reaktor, der 40 Prozent des slowenischen Stroms erzeugt.

Spanien

Spanien verfügt über 8 AKWs, die ein Fünftel des Energiebedarfs decken. Spanien hat jüngst die Laufzeit seiner AKWs von 40 auf 60 Jahre verlängert.

Tschechien

Tschechien besitzt sechs AKWs, die ein Drittel des Strombedarfs decken. Die Betriebslizenz für den ersten Reaktor des tschechischen AKW Temelin wurde 2010 um 10 Jahre verlängert.

Ungarn

Ungarn betreibt vier Reaktoren. Atomstrom hat einen Anteil von mehr als einem Drittel an der Stromerzeugung. Das ungarische Parlament unterstützt mit großer Mehrheit den Bau zwei weiterer Reaktoren.

mka

Ein englischsprachiger Beitrag zu diesem Thema erschien auf EurActiv.com.

Links


World Nuclear Association: Country Briefings

European Nuclear Society:
Nuclear power plants in Europe

Kommission: 4. Euratom-Quartalsbericht 2010

Kommission: The European Union's response to the earthquake and nuclear power accident in Japan (13. März 2011)

Kommission:
The European Commission is following closely the developments of the earthquake in Japan and has established contacts with Japanese sources, the International Atomic Energy Agency (IAEA), and the established emergency networks in Europe, like ECURIE (12. März 2011)

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Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen (17. März 2011)

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