Kemfert: Gaskraftwerke als Brückentechnologie

  
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autoren/der Autorin wieder und repräsentiert nicht notwendigerweise den Standpunkt von EurActiv.
Die deutsche Klimapolitik steht vor Herausforderungen: Kohlekraftwerke sollen zeitgleich zum Atomausstieg vom Netz gehen. Im Bild: Das Braunkohlekraftwerk Neurath (Nordrhein-Westfalen). Foto: dpa.

Debatte: EU-Energiepolitik nach Fukushima

Ein kompletter Atom-Ausstieg ist EU-weit kaum denkbar, meint die Energie- und Klimapolitik-Expertin Claudia Kemfert (DIW) in einem Standpunkt auf EurActiv.de. Trotzdem könne die Atomkrise genutzt werden, die Energiewende einzuleiten. Kemfert erläutert, wie dabei eine Renaissance der Kohlekraft zu vermeiden ist.

Zur Autorin

 Axel SchmidtProf. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert war Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und ist Gutachterin des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC). Im Jahr 2008 forschte sie im Rahmen eines DAAD Stipendiums an der Stanford University. Sie hat im Herbst 2008 ein Buch mit dem Titel "Die andere Klima-Zukunft - Innovation statt Depression" veröffentlicht (www.claudiakemfert.de). Im Juni 2009 erschien ihr Buch "Jetzt die Krise nutzen", in dem sie die Chancen des Klimaschutzes als Weg aus der Krise beschreibt.
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Die schlimme Katastrophe in Japan führt zu einer Neubewertung der Atompolitik. Die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens zeigen, dass das Undenkbare geschehen ist. Und stellt Fragen an die Sicherheit aller Atomkraftwerke weltweit. USA und Russland haben zusammen über 100 Kernkraftwerke im Einsatz, China will angeblich 40 neue Reaktoren bauen, bei unseren Nachbarn in Frankreich stehen über 50. In Deutschland hat die Fukushima Katastrophe zu einem vorzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie geführt.

"Gaskraftwerke sind wirkliche Brückentechnologien"

Das Energiekonzept in Deutschland hatte ohnehin vor, den Anteil der erneuerbaren Energien auf 80 Prozent in den kommenden Jahrzehnten zu erhöhen. Die Kernenergie sollte im Energiekonzept eine Brückenfunktion hin zur Vollversorgung mit erneuerbaren Energien einnehmen. Zeitgleich zum Atomausstieg kann ein Großteil älterer Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Der Stromüberschuss, den wir derzeit noch haben, wird tendenziell eher sinken. Vor allem wird er sinken, da man plant bis zu 7 Kernkraftwerke zumindest kurzzeitig oder sogar dauerhaft abzuschalten. Es ist durchaus möglich 4 bis 5 Kernkraftwerke auch kurzfristig abzuschalten. Wichtig ist aber, dass man sehr genau überlegt, wie man die Wende nun einleiten will. Man wird den Anteil der erneuerbaren Energien im kommenden Jahrzehnt auf 30 Prozent verdoppeln können. Das wäre in der Tat genau der Anteil des aus Kernenergie produzierten Stroms. Um zu verhindern, dass alte durch neue Kohlekraftwerke ersetzt werden, sollten effiziente Gas Kraft Wärme Kopplungsanlagen gebaut werden. Gaskraftwerke sind wirkliche Brückentechnologien, da sie effizient und gut kombinierbar mit erneuerbaren Energien sind.

EU: Komplettausstieg nach deutschem Vorbild kaum denkbar

Letztendlich steht jede Nation wie nun auch Deutschland vor der Frage, wie man zügig aus der Kernenergie aussteigt. Wäre die deutsche Politik auch auf andere EU Länder übertragbar? Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen in der EU erhöht und neu bewertet werden sollten, ein Komplettausstieg nach deutschem Vorbild wäre in anderen atomfreundlichen EU Ländern kaum denkbar. Dennoch wird es keine Renaissance geben. Viele der Kraftwerke habe bereits eine Altersgrenze überschritten und werden in den kommenden Jahren vom Netz gehen. Finnland baut derzeit ein Kernkraftwerk, dieses verzögert sich jedoch aufgrund erhöhter Sicherheitsvorkehrungen, auch wird es deutlich teurer als bisher geplant. 

Zwar planen einige andere EU Länder den Bau von Reaktoren, wie beispielsweise England, Schweden oder auch Italien, ob dies allerdings wie beabsichtigt ohne Subventionen zu bewerkstelligen sein wird, bleibt ohnehin zu bezweifeln.

Nachholbedarf bei Energieeffizienz

Die Kernenergie kann das globale Energieproblem ohnehin nicht lösen, noch immer wird der allergrößte Teil der Energie aus fossilen Energien gewonnen. Um wirkungsvollen Klimaschutz zu betreiben, müssen Alternativen für Kohlekraftwerke gefunden werden. Da bis vor kurzem auch Gas aufgrund hoher Preise eher unwirtschaftlich war, bleibt den meisten Nationen in erster Linie die Wahl zwischen Atom und Kohle. In Europa wird man nur in der Übergangszeit auf Kernenergie setzen, denn genau wie Deutschland wird man in den einzelnen Europäischen Ländern den Anteil der erneuerbaren Energien deutlich ausbauen. Europa hat sich zum Ziel gesetzt, 20 Prozent erneuerbare Energien bis zum Jahr 2020 zu erreichen, zudem die Energieeffizienz verbessern und somit die Treibhausgase um 20 Prozent zu mindern. Um 20 Prozent Energieeffizienzverbesserung soll bis 2020 erzielt werden, erreicht wurde bisher nur knapp die Hälfte. Besser sieht es da bei der Erfüllung der Ziele des Ausbaus der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent im selben Zeitraum aus. Insgesamt wurden bis heute bereits die Treibhausgase um 16 Prozent reduziert. Wenn die Effizienzverbesserungen erfüllt werden, können die Emissionen um bis 25 Prozent bis 2020 vermindert werden. Die jüngst vorgestellte Roadmap der EU zeigt auf, dass es beträchtliche Fortschritte bei der Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien gibt und auch die Reduktionsziele der Treibhausgase zumindest teilweise erfüllt wurden. Insbesondere bei der Erreichung der Effizienzziele zeigt sich jedoch, dass es erheblichen Nachholbedarf gibt. Doch wie will man die Energieeffizienz derart verbessern? Die EU sieht die größten Potentiale zu Recht im Bereich der Gebäudeenergie, gefolgt vom Verkehrssektor. Insbesondere durch die Verbesserung der Gebäudeisolierung kann der Energieeinsatz optimiert werden.

Die Zukunft gehört den Erneuerbaren

Kernenergie ist und bleibt eine Technik der Vergangenheit nicht der Zukunft. Das war vor der Katastrophe und auch nach der Katastrophe in Japan so. Die Atomkrise kann genutzt werden, die Energiewende einzuleiten. Die Energiewende hin zu einer deutlich verbesserten Energieeffizienz und dem erhöhten Einsatz von erneuerbaren Energien schafft mehr Chancen als Risiken. Durch gezielte Investitionen in innovative Energie- und Mobilitätsmärkte können Energiekosten gespart, sowie Wettbewerbsvorteile und Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Zukunft gehört ohnehin den erneuerbaren Energien.
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Weitere Standpunkte zur EurActiv.de-Debatte "EU-Energiepolitik nach Fukushima":

Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen (17. März 2011)

Schreyer: Europas Weg aus der Atomenergie (16. März 2011)

Von Claudia Kemfert ist auf EurActiv.de erschienen:

EU-Energiemix - Klimaschonend und bezahlbar? (16. März 2010)

Links


Informationen / Dokumente

EU: Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)

Bundesregierung: Energiekonzept 2050

EU-Kommission: Klimawandel: Kommission legt Fahrplan für die Schaffung eines wettbewerbsfähigen CO2-armen Europa bis 2050 vor (8. März 2011)

EU-Kommission: Roadmap for moving to a low-carbon economy in 2050 (8. März 2011)

EU-Kommission: Climate change: Questions and Answers on a Roadmap for moving to a low carbon economy in 2050 (8. März 2011)

Europäischer Rat: Schlussfolgerungen des Europäischen Rates / Energie-Gipfel (4. Februar 2011)

EU-Parlament: Entschließung des Europäischen Parlaments vom 25. November 2010 zu dem Thema "Weg zu einer neuen Energiestrategie für Europa 2011-2020" (25. November 2010)

EU-Kommission: Energie 2020. Eine Strategie für wettbewerbsfähige, nachhaltige und sichere Energie (10. November 2010)

EU-Kommission:Energieeffizienz. Übersicht

EU-Kommission: Progress reports. Renewable Energy Targets: Commission calls on Member States to boost cooperation (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Commission Communication on renewable energy (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Ziele für erneuerbare Energien: Kommission fordert Mitgliedstaaten zu intensiverer Zusammenarbeit auf. Pressemitteilung (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Financing Renewable Energy in the
European Energy Market
(2. Januar 2011)

Mehr zum Thema auf Atomkraft auf EurActiv.de

Atom-Moratorium nur per Gesetzesänderung? (17. März 2011)

Oettinger zu Fukushima: "Nahezu alles außer Kontrolle" (15. März 2011)

Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa (15. März 2011)

Merkel: Sieben Reaktoren gehen vom Netz (15. März 2011)

Oettinger: Europa ohne Kernkraft? (15. März 2011)

Atomkrise: Oettinger bestellt Dringlichkeitssitzung ein (14. März 2011)

Laufzeitverlängerung in Deutschland ausgesetzt (14. März 2011)

Explosion und drohende Kernschmelze im japanischen AKW (12. März 2011)

Erdbeben und Tsunami-Katastrophe in Japan (11. März 2011)

Uran - "Problematische Versorgungslage" (11. August 2010)

Atom-Comeback in Europa? (28. April 2010)

Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
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Fahrplan für CO2-armes Europa bis 2050 (9. März 2011)

Erneuerbare Energien: Oettinger legt Bericht vor (31. Januar 2011)

Europas Erneuerbare: "Standortoptimierung wäre verfrüht" (22. September 2010)

Christian Hey: "Die Brücke steht schon" (5. Mai 2010)

Wie europäisch ist das Energiekonzept 2050? (6. September 2010)

Die Vision vom Super Grid (8. März 2010)

In der Reihe "EU Quo Vadis - Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EurActiv.de erschienen:

Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)

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