Jeder sechste Europäer lebt in Armut, die Ungleichheit bei den Einkommen hat zugenommen, Migranten haben es auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer. Die Studie
"Wie sozial ist Europa?" (25. Mai 2009) liefert ein ernüchterndes Bild der sozialen Lage in Europa. Studienautor Markus Becker vom Think Tank berlinpolis erläutert im Interview die Ursachen.
EurActiv: Herr Becker, haben Sie mit dem Ergebnis Ihrer Studie zur sozialen Gerechtigkeit gerechnet?
BECKER: Sicher nicht. Besonders wenn man sich Deutschland herausnimmt. In den letzten Jahren konnte man das Gefühl haben, es geht aufwärts: Die Arbeitslosenzahlen sind stark gesunken, genauso wie die Neuverschuldung und auch beim Thema Bildung gab es einige positive Tendenzen. Dass Deutschland trotzdem immer noch so schlecht abschneidet, ist insofern schon überraschend. Es ist zwar nicht so, dass wir nicht vorangekommen wären. Aber wir vergessen dabei wohl, dass auch die anderen Länder Fortschritte gemacht haben und dabei nicht selten noch erfolgreicher waren als wir.
EurActiv: Deutschland liegt im EU-Vergleich abgeschlagen auf Platz 19. Was läuft da so grob falsch? Was machen die skandinavischen Spitzenreiter oder die Niederländer besser?
BECKER: Der größte Unterschied besteht sicher im Bereich Demografie und Nachhaltigkeit: Kaum ein Land hat so große Probleme, für Nachwuchs zu sorgen wie Deutschland. Der Umbau des Sozialstaats war zum Beispiel in Schweden rigoroser, aber auch erfolgreicher. Soziale Unterschiede sind auch deshalb in Ländern wie Schweden geringer, weil viele Menschen qualifizierte und zukunftsfeste Jobs haben. In Deutschland wird um jede Stelle, die in der reinen Fertigung verloren geht, getrauert, während in anderen Ländern solche Verluste durch neue Arbeitsplätze in hochrangigen Dienstleistungen mehr als ausgeglichen werden. Und Schweden investiert so sehr wie kein anderes Land in Forschung und Entwicklung – die Grundlage für nachhaltiges Wachstum.
Auch die Größe spielt eine Rolle: Bevölkerungsärmere Länder erreichen schneller einen Konsens und sind in der Lage, rascher und nicht selten auch besser auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren
EurActiv: Deutschland hat laut der Studie Probleme damit, „bildungsferne Schichten“ zu integrieren, was muss getan werden?
BECKER: Erstens brauchen wir eine Bildungskette, die bei Kita und Vorschule anfängt und bis zum Berufsabschluss oder zur Uni führt. Bei jeder Hürde bleiben die Schwächsten auf der Strecke. Zweitens braucht man die Perspektive, dass egal welchen Hintergrund man hat, ein normaler Job in Reichweite ist. Wer soll sich in der Schule reinhängen, wenn die älteren Geschwister trotz oft beachtlichen Einsatzes keinen Ausbildungsplatz bekommen? Hier spreche ich bewusst über Migranten. Für jeden von uns sollte es völlig normal sein, dass wir ein türkisches Gesicht nicht nur am Dönerspieß sondern auch hinterm Bankschalter sehen. Ist es aber nicht. Ein Bildungs- und Integrationsgipfel schafft da noch keinen Mentalitätswechsel. Vorbild für uns sind da nicht nur die USA, sondern vor allem das Vereinigte Königreich. Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun, sondern mit einer offenen Form von Staatsbewusstsein.
EurActiv: Auch das demographische Problem der Überalterung ist Thema der Studie. Kann gezielte Zuwanderung auf gesamteuropäischer Ebene eine Lösung sein?
BECKER: Eindeutig ja! Moderne Familienpolitik ist wichtig und unerlässlich. Aber unser Lebensmodell verändert sich, und Geburtenraten von über 2 gibt es in keinem Land Europas. Sich gegen Zuwanderung abzuschotten, ist dabei selten verständlich, meistens dumm. Schauen Sie sich die britischen Inseln an: Als einzige haben sie den Zuzug von Menschen aus den neuen Mitgliedsländern direkt gestattet. Und wer ist gekommen? Bildungs- und arbeitshungrige Aufsteiger, die kein Problem damit haben, sich zu integrieren. Sie waren dabei nicht Hindernis des britischen Aufschwungs, sondern Teil davon – als Konsumenten, Mieter, Mitarbeiter und Steuerzahler. Deutschland und mit ihm viele andere EU-Staaten aber tun sich schon schwer, wenigstens hoch qualifizierte Arbeitsmigranten zuzulassen. Ich denke da an die unsägliche Kampagne „Kinder statt …“. Ich will sie nicht noch einmal nennen, so unvernünftig war das, vor allem auch, was die Volkswirtschaft und somit das Gemeinwohl angeht.
EurActiv: Auch die Ungleichheit der Einkommen und die Armutsgefährdung haben zugenommen. Inwiefern ist das ein gesamteuropäisches Problem?
BECKER: Nun, beides hat nur leicht zugenommen, aber immerhin, trotz des Aufschwungs. Die Ungleichheit der Einkommensverteilung sehe ich prinzipiell gar nicht als Problem – solange auch das untere Ende der Skala noch gut verdient. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt uns die Armutsgefährdung. Und hier sind die Ursachen durchaus unterschiedlich, insofern nicht "gesamteuropäisch". Im Vereinigten Königreich hat zwar fast jeder mindestens einen Job, aber verdient wird damit zum Teil so schlecht, dass insgesamt nicht einmal die Armutsschwelle überschritten wird. Für nicht wenige Berufe trifft das auch in Deutschland zu. Andere Länder haben einfach höhere Arbeitslosenquoten, so dass schnell auch die Armut in die Höhe schnellt. Wir dürfen aber nicht vergessen: "Arm" ist per definitionem immer unterschiedlich. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens seines Landes zur Verfügung hat, demnach sind 14 Prozent Arme in Bulgarien natürlich durchaus prekärer als 15 Prozent in Deutschland.
Interview: Isabel Robles






