Vor dem Hintergrund einer zunehmend engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit streben die Türkei und Russland nun auch einen intensiveren politischen Dialog an.

Zusammenfassung

Jahrhunderte lang waren die Türkei und Russland Rivalen im Bereich regionale Einflussnahme. Vor kurzem haben beide Länder eingesehen, dass freundschaftliche Beziehungen im beidseitigen Interesse sind. Dementsprechend kennzeichnen sich ihre Beziehungen nunmehr durch Zusammenarbeit statt Rivalität aus. Diese Entwicklung  wird von der EU, welche die Türkei und Russland im Wesentlichen als die zwei unvorhersagbarsten Länder am europäischen Horizont ansieht, begrüßt.  

Im allgemeinen wird Russland als ein europäisches Land und die Türkei als ein asiatisches Land betrachtet. Beide Länder erstrecken sich über sowohl den europäischen und als auch den asiatischen Kontinent (sie haben jedoch keine gemeinsame Grenze mehr). Die Unterscheidung beruht vor allem auf der geographischen Lage ihrer jeweiligen Hauptstädte und darauf, wo die meisten ihrer Bürger leben.

Themen

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan besuchte Russland im Dezember 2004. Darauf folgte ein Besuch von Russlands Präsident Wladimir Putin in  Ankara im Januar 2005. Im November 2005 nahm Wladimir Putin an den Feierlichkeiten anlässlich der Eröffnung der Gaspipeline "Blauer Strom" teil. Bei diesen wechselseitigen Treffen auf höchster Ebene wurden  mehrere wichtige bilaterale Themen angesprochen. 

  • Handel

Im Jahr 2004 betrug der Handelsumsatz zwischen der Türkei und Russland etwa 11 Milliarden US-Dollar. Schon Ende August 2005 betrug der Handelsumsatz für 2005 etwa 10 Milliarden US-Dollar. Sowohl Moskau als auch Ankara hoffen, dass sich dieser  Betrag bis  2007 25 Milliarden US-Dollar annähert. Russland ist hinter Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner der Türkei. Für Russland steht die Türkei als  Handelspartner allerdings lediglich an 14er Stelle. Russland exportiert Energie – und Rohstoffe (72 Prozent des Gesamtexportvolumens), Metalle (16 Prozent) und Chemikalien (4 Prozent) in die Türkei. Ihrerseits verkauft die Türkei Textilien (30 Prozent), Maschinen und Fahrzeuge (23 Prozent), Chemikalien (15 Prozent) und Lebensmittel (15 Prozent) an Russland.

Viele türkische Unternehmen sind in Russlands Bau-, Handels- und  Brauereisektor vertreten.  Russlands Investitionen in die Türkei betragen etwa 350 Millionen US-Dollar. Die Türkei investierte ihrerseits etwa 1,5 Milliarden  in Russlands Wirtschaft.
Beide Länder haben sich  als strategisches Ziel gesetzt, „eine multidimensionale Zusammenarbeit“ aufzubauen,  und zwar vor allem in den Bereichen Energie, Transport und Militär. Russland hat unter anderem vor, in die türkische Rohstoff – und Energieindustrie zu investieren, aber es möchte zum Beispiel auch an der Vergabe öffentlicher Aufträge zur Modernisierung der türkischen Armee teilnehmen. 

Im strategisch wichtigen Energiesektor streben beide Länder groß angelegte bilaterale Projekte an, wovon einige mit der Russland-Türkei Gaslpipeline "Blauer Strom" (Blue Stream gas pipeline), die im November 2005 eingeweiht wurde, vergleichbar sind. Russland beabsichtigt unter anderem, die Gaslieferungen an die Türkei zu erhöhen und  es seinen Unternehmen zu erlauben, sich im Bereich Gasvertrieb auf türkischem Boden zu engagieren. Es soll auch darüber verhandelt werden, den Stromexport Russlands in die Türkei auszuweiten.

  • Europäische Union

Moskaus erste Reaktion auf die Annäherung der Türkei an die EU war eher zurückhaltend. „Wenn die Türkei der EU beitritt, werden wir uns nicht mehr häufig treffen können“, soll Putin seinem Gastgeber Premierminister Erdogan Berichten zufolge beim letzten Türkeibesuch Ende 2004 gesagt haben. Trotzdem  soll der russische Präsident der Türkei bei ihrem nächsten Treffen in Moskau im Januar 2005 versichert haben, Russland würde den Beitritt der Türkei zur EU unterstützen, weil eine Mitgliedschaft Russland neue  Handelsmöglichkeiten eröffnen würde. „Wir freuen uns über den Erfolg der Türkei auf dem EU Gipfeltreffen in Brüssel“, sagte Präsident Putin in Moskau. „Ich hoffe, dass mit der Integration der Türkei in die Europäische Union ein neues Kapitel in den russisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen aufgeschlagen wird“.  

  • Zypern

Was das außerordentlich wichtige Zypern-Problem angeht (welches eng mit den türkischen Beitrittsbemühungen zusammenhängt), so unterstützt Russland den von UNO- Generalsekretär Kofi Annan vorgeschlagenen UN-Plan zur Wiedervereinigung Zyperns. „Wir werden jede Resolution, die der Umsetzung von UNO Generalsekretär Kofi Annans Plan folgt, begrüßen“, sagt Wladimir Putin. Das wirtschaftliche Embargo gegen Nordzypern sei „ungerecht“, fügte er hinzu. Im April 2004 legte  Russland Veto gegen eine Resolution ein, die neue  Sicherheitsregelungen für Zypern vorsah. 

  • Welthandelsorganisation

 Im Gegenzug hat der türkische Premier Erdogan versichert, die Türkei würde Russlands Bemühungen der WTO beizutreten „voll und ganz unterstützen“. „Viele Hindernisse im Bereich bilateraler Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit werden nach den russisch-türkischen Verhandlungen über Russlands WTO-Beitritt auf annehmbaren Bedingungen sicherlich beseitigt  sein“, reagierte Putin. Die EU verhandelte mit Russland über die WTO-Frage im Mai 2004. Russland könnte bereits 2005 Vollmitglied der Welthandelsorganisation weden.

  • Tschetschenien / die Kurdenfrage

Der Tschetschenienkonflikt bleibt eine der Kernfragen im bilateralen Verhandlungsprozess zwischen den beiden Ländern. Ein Teil der türkischen Bürger stammt ursprünglich aus dem Kaukasus, unter anderem aus Tschetschenien, und zeigt in der Regel Sympathie für die moslemischen Kämpfer dieser vom Krieg erschütterten Russischen Region auf. Russland forderte die Türkei in den vergangenen Jahren mehrmals auf, hart gegen  einige türkische „Wohltätigkeitsorganisationen“, die angeblich Geld und Waffen an tschetschenische Rebellen übermitteln,  durchzugreifen. Die Türkei warf Russland ihrerseits vor, es würde kurdische Rebellen, die seit Anfang der 80er Jahren um eine Autonomie im süd-östlichen Teil der Türkei kämpfen, unterstützen. Die jüngste Annäherung zwischen den beiden Ländern lässt eine Lösung der hier angesprochenen Probleme wahrscheinlich erscheinen. 

  • Der Kaukasus

Die Kaukasusregion ist  noch immer ein wunder Punkt  in den Beziehungen zwischen der Türkei und Russland. Der Hauptverhandlungspartner der Türkei im Kaukasus ist Aserbaidschan. Russland dagegen hat sehr gute Beziehungen mit Armenien, dem wichtigsten Rivalen von Aserbaidschan, und Armenien besteht auch weiterhin  darauf, dass die Türkei im Ersten Weltkrieg Völkermord an seinen  Bürgern begangen  hat.  „Wir sind uns der historischen Streitfragen zwischen Aserbaidschan und Armenien alle sehr wohl bewusst. Russland wird zum Friedensprozess beitragen“, sagte Präsident Putin. „Wir wollen mit keinem unserer Nachbarn schlechte Beziehungen haben, und das bezieht sich natürlich auch auf Armenien“, antwortete Premierminister Erdogan.